"Die Erinnerungskultur steht unter Druck." Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sorgt sich um das Gedenken an die Opfer des NS-Regimes und die Demokratie. "Der Konsens ist brüchig geworden", stellt der Ko-Kurator der neuen Ausstellung in der Bundeskunsthalle mit Blick auf den erstarkten Rechtspopulismus fest. Hier müsse das Kulturwesen demokratische Haltung zeigen. Genau das will die Bundeskunsthalle mit der Ausstellung "Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen" nach den Worten ihrer Intendantin Eva Kraus erfüllen: "Wir wollen uns mit dieser Ausstellung politisch einbringen."

Die Ausstellung nimmt anhand künstlerischer Werke sowie zahlreicher historischer Zeugnisse und Objekte die Erinnerungskultur vergangener Jahrzehnte in den Blick. Zudem schaut sie in die Zukunft und untersucht die Frage: Wie kann das Gedenken an die Opfer fortbestehen, wenn es keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt? Und was hilft gegen Geschichtsfälschung, deren Urheber es durch Internet und Soziale Medien sehr viel leichter haben als früher?

Künstler als Mahner

Zahlreiche Kunstwerke belegen, wie sehr die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer durch Künstlerinnen und Künstler geprägt wurde. Zu sehen sind unter anderem Werke von Maria Eichhorn, Gustav Metzger, Marcel Odenbach, Gerhard Richter und Wolf Vostell. Hinzu kommen Zeichnungen von Künstlern wie Walter Spitzer oder Paul Goyard, die das Konzentrationslager Buchenwald überlebten und ihre Erlebnisse festhielten. Ergänzt werden sie durch zahlreiche historische Objekte, Hintergrundinformationen, Filme und Audiostationen mit Experten-Interviews.

Zu Beginn der Ausstellung empfängt Besucherinnen und Besucher das ikonische Anti-Kriegs-Plakat von Käthe Kollwitz, das der aktuellen Ausstellung mit der Aufschrift "Nie wieder Krieg!" ihren Titel gab. Deutlich wird: Künstlerinnen und Künstler waren nicht nur Mahner, sondern leisteten auch einen Teil der Dokumentation des Verbrechens. Zu sehen ist etwa eine Installation von Rafael Rheinsberg (1943-2017): Symmetrisch angeordnete Reihen alter Schuhe und Handschuhe von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern, die der Künstler 1980 am Berliner Anhalter Bahnhof fand.

Bilder von Opfern und Tätern

Eine Installation von Christian Boltanski (1944-2021) mit 1.200 Fotografien bedeckt meterhoch die Wände eines Ausstellungssaals. Der Sohn eines jüdisch-ukrainischen Arztes präsentiert unter dem Titel "Menschlich" eine Porträtsammlung von Menschen des 20. Jahrhunderts, darunter auch zwei jüdische Schulklassen aus den 1930er Jahren. Wer von diesen meist freundlich dreinschauenden Menschen ist Täter und wer Opfer? Das Werk stellt auch die Frage nach der möglichen Verstrickung der eigenen Familie in die NS-Verbrechen.

Mit diesem Thema setzte sich auch Gerhard Richter auseinander. Die Ausstellung zeigt gleich eine ganze Reihe berühmter Werke des 1931 geborenen Künstlers. Darunter ist auch "Onkel Rudi", ein Gemälde auf Grundlage eines Fotos seines stolz lächelnden Onkels in Wehrmachtsuniform.

Suche nach dem Ursprung des Verbrechens

Dokumentarische Arbeit leistete auch Gregor Schneider, der 2014 das Geburtshaus des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels in Mönchengladbach-Rheydt kaufte. Er machte das Haus öffentlich, indem er einen 3-D-Scan von den Innenräumen anfertigte. Der 1969 geborene Künstler filmte sich selbst in dem Haus - unter anderem Suppe löffelnd - und dabei, wie er das Gebäude komplett entkernte. Es ist die Suche nach dem Ursprung des Verbrechens.

Das Sichtbarmachen der Opfer ist ein weiteres Thema, mit dem sich Künstlerinnen und Künstler beschäftigten. Klaus Steinke schuf großformatige Gemälde nach Fotografien aus Auschwitz-Birkenau, auf denen die eindrucksvollen Gesichter der Menschen aus dem Dunkel hervorstechen. Damit schlägt er einen anderen Weg ein als Gerhard Richter. Dieser übertrug heimlich aufgenommene Fotografien aus Auschwitz-Birkenau auf große Leinwände. Er übermalte sie dann allerdings, so dass abstrakte Kompositionen entstanden.

Frage nach künftigen Formen des Gedenkens

Künstler reflektieren auch immer wieder die Formen des Gedenkens. So eine Fotoserie Maria Eichhorns zur Skulpturengruppe "Block der Frauen", mit der sie nach der heutigen Bereitschaft zum Widerstand fragt. Marcel Odenbachs Videoarbeit über das Mahnmal Buchenwald thematisiert die politische Einflussnahme auf das Gedenken durch die damalige DDR-Führung.

Zur Frage nach künftigen Formen des Gedenkens, wenn es keine überlebenden Opfer mehr gibt, zeigt die Ausstellung ein Zeitzeuginnen-Projekt der Holocaust-Überlebenden und Präsidentin des Internationalen Ausschwitz-Komitees, Eva Umlauf. Ihr interaktives digitales Zeugnis beantwortet mittels Spracherkennung Fragen.