Die digitale Zusammenarbeit hat vieles erleichtert, aber sie verändert auch, wie wir miteinander umgehen. Die Münchner Wirtschaftsethikerin Marianne Thejls Ziegler hat darüber geforscht, wie wir Macht, Nähe und Kreativität in Videokonferenzen erleben - und weshalb körperliche Präsenz unverzichtbar bleibt. Sie erklärt im Interview, was Videokonferenzen besser können – und weshalb wir als Menschen nicht nur Verbundenheit, sondern auch Wettbewerb brauchen.
Sie sagen, dass wir auch im digitalen Raum in einer Videokonferenz ein grundlegendes Bedürfnis nach Begegnungen haben – und zwar nicht nur mit Freundinnen und Freunden oder Kolleginnen, die uns nahestehen. Was genau meinen Sie?
Marianne Thejls Ziegler: Wir Menschen brauchen das Zusammensein mit anderen, auch mit Menschen, zu denen wir keine enge Beziehung haben. Gesellschaftliche Aufgaben lösen wir gemeinsam, und genau in dieser Zusammenarbeit erfüllen sich viele unserer grundlegenden Bedürfnisse. Es reicht oft schon ein kurzer Austausch an der berühmten Kaffeemaschine. Dieser Moment des informellen Miteinanders lässt uns spüren, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind.
Warum ist dieses Gefühl der Zugehörigkeit an körperliche Anwesenheit gebunden?
Weil Kommunikation auf vielen Ebenen gleichzeitig stattfindet. Da geht es um Mimik, minimale Bewegungen, um die Haltung der Schultern – um tausend subtile Signale. All das hilft uns, die Interaktion zu koordinieren: eigene Ideen, aber auch unsere Egos. Im gemeinsamen Flow entsteht Kreativität. In Videokonferenzen fällt ein großer Teil dieser feinen Abstimmung weg.
Manche würden sagen, digitale Meetings seien sogar fairer – niemand kann reinreden, jeder kann virtuell die Hand heben.
Das stimmt. Videokonferenzen lassen sich stärker kontrollieren. Man kann verhindern, dass dominante Personen andere unterbrechen. Das macht die Gesprächssituation gerechter. Charisma und körperliche Präsenz haben weniger Gewicht – das kann ein Vorteil sein.
Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen: Was bedeutet diese doppelte Realität für unseren gesellschaftlichen Umgang miteinander?
Wir sind nicht nur empathische Wesen. Wir sind auch handelnde Akteure, die gestalten und Einfluss nehmen wollen. Dazu gehört auch Wettbewerb. Diese Ambivalenz – Nähe und Konkurrenz – macht uns handlungsfähig. Wenn wir über die Zukunft der Arbeit nachdenken, müssen wir beides berücksichtigen. Sonst landen wir in einer Gesellschaft, in der alle isoliert vor einem Bildschirm sitzen.
Andererseits ermöglichen Videokonferenzen Dinge, die früher gar nicht möglich waren.
Absolut. Für Menschen, die sich nicht physisch treffen können, sind sie ein Segen. Auch wenn man sich nicht wirklich in die Augen sehen kann – die Gesichter zu sehen, macht einen enormen Unterschied. Sie ermöglichen Kommunikation über große Distanzen, in einer Qualität, die früher undenkbar war. Das sollten wir nicht missen. Wir müssen uns nur bewusst sein: Es hat einen Preis.