Clubhouse
Die digitale Kirche hat die Audio-App Clubhouse für sich entdeckt: Christian Sterzig, Leiter der Stabsstelle Digitalisierung der Evangelischen Kirche Deutschland, Nico Ballmann, evangelischer Pfarrer in Köln, und Michael Zettl, Leiter einer christlichen Digitalbewegung, berichten von ihren ersten Erfahrungen mit dem neuen sozialen Netzwerk.
Die App Clubhouse auf einem iPhone

1) Warum haben Sie Clubhouse installiert und was macht die neue App so reizvoll?

Christian Sterzig: Seit 34 Jahren nutze ich digitale Werkzeuge, um mit Menschen zu kommunizieren. Die Technik hat sich in dieser Zeit schnell weiterentwickelt, sodass es für mich normal ist, neue Dinge auszuprobieren. Durch Corona sind viele Begegnungen gerade nicht möglich. Weltweit Menschen spontan zu treffen und mit denen über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen, finde ich sehr reizvoll.

Nico Ballmann: Clubhouse ist ein neues sprachfokussiertes Medium, das gerade für Menschen, die Podcast lieben, attraktiv ist, weil es Podcast und Partizipation miteinander vereint.

Michael Zettl: Auslöser des Interesses waren bei mir Meldungen von Twitter-Bekannten, die sich von der App begeistert gezeigt haben. Ich wollte mir als "Early Adopter" ein eigenes Bild von der App und dem Charakter der sozialen Plattform machen. Die Möglichkeit, in Debatten/Gesprächen zu Fachthemen direkt mit den Moderatoren/Spezialisten zu sprechen oder selbst Themenräume eröffnen zu können, finde ich sehr spannend und inspirierend. Ich habe dadurch schon viele interessant Gespräche mit mir bekannten aber auch noch nicht bekannten Personen geführt.

 

2) Welche Erfahrungen haben Sie mit Clubhouse bereits gemacht?

Christian Sterzig: Ich habe überwiegend sehr positive Gespräch auf Clubhouse gehabt. Eines meiner ersten Gespräche dort hat mich besonders geprägt. Da war ich mit Pfarrerinnen und Pfarrern im Gespräch über Kirche und plötzlich kamen junge Menschen dazu. Die sagten: "Wie? Jemand von Kirche ist hier auf Clubhouse? Wir dachten, ihr hockt hinter euren dicken Mauern und wartet, dass wir irgendwann zu euch kommen. Aber dass IHR hier seid, finde ich gut." Daraus wurde ein etwa zweistündiges anregendes Gespräch. Aber auch in säkularen Themen wie Datenschutz, IT-Sicherheit, Stimmbildung, Bäckerhandwerk, Auswanderungswünsche, Lauf- und Spazierganggruppen, Ernährung, Schlaflieder- und Zahnputzgruppen wird dort eine große Themenvielfalt geboten. Den Umgangston erlebe ich überwiegend als freundlich und offen.

Nico Ballmann: Erstaunlicherweise bisher nur sehr gute. Die Diskussionen in den einzelnen Räumen führen in die Tiefe, sind wertschätzend und höflich. Vor allem die Offenheit und Toleranz der Sprecher und Sprecherinnen hat mich überrascht.

Michael Zettl: Die Atmosphäre in den Clubhouse-Räumen ist aktuell überwiegend wertschätzend und diszipliniert. Durch den reinen Live-Austausch auf der Tonspur ist es sehr persönlich, Missverständnisse können sofort ausgeräumt werden und es entfällt das lästige Tippen auf der Tastatur. Nicht zu unterschätzen ist der Vorteil, dass man nicht liken kann, keine Nachrichten senden kann, etc. Dies "entstresst" gegenüber anderen sozialen Plattformen. Es fühlt sich an, wie ein Gespräch mit Freunden am Abend und trifft daher auch gerade den Nerv der Zeit, da uns dieses Erlebnis in der analogen Welt aktuell ja nur eingeschränkt möglich ist.

Was ist Clubhouse und wie funktioniert die umjubelte App eigentlich?

Die Audio-App Clubhouse ist so umjubelt wie umstritten: Wie funktioniert Clubhouse, welche Funktionen hat die App, was macht den Hype aus - und inwiefern sind Datenschutz-Bedenken angebracht? Wir stellen Clubhouse vor.

3) Inwiefern ist (digitale) Kirche auf Clubhouse bereits vertreten?

Christian Sterzig: Institutionen sind nicht vertreten, denn die Nutzungsbedingungen lassen nur Privatpersonen zu. Darunter sind natürlich auch viele Christinnen und Christen. Ich habe Gesprächsrunden zu christlichen Themen mit 160 Personen erlebt. Christen vieler Konfessionen sprechen hier auch über ihren Glauben. Letzte Woche hörte ich einigen syrisch-orthodoxen Christen zu, wie sie sich über die tägliche Zeit mit Gott austauschten. Mit welcher App liest du in der Bibel? Wie oft betet ihr zuhause? Ohne diese App hätte ich so eine Erstbegegnung mit Christen anderer Konfessionen während Corona wohl nicht führen können.

Nico Ballmann: Die Early-Adaptors der digitalen Kirchen sind bereits da. Langsam, nach und nach ziehen die bekannten Gesichter nach.

Michael Zettl: Viele "Early Adopter" der digitalen Kirche, die auch auf anderen Plattformen unterwegs sind, sind in Clubhouse anzutreffen. Es sind aktuell viele Multiplikatoren, d.h. Influencer, Prediger und die Verantwortlichen christlicher Organisationen und Kirchen anzutreffen. Im Laufe der Woche gab es schon mehrere Treffen, welche sich unter dem Hashtag "#digitaleKirche" getroffen haben und es gab einen sehr interessanten Austausch. Bei einem langem Talk unter dem Thema #DigitaleKirche schalteten sich kurzentschlossen einige junge Menschen in eine Diskussion mit ein, die mit Kirche eigentlich nichts anfangen können. Sie haben den Raum gefunden und waren erstaunt, hier im Clubhouse die Kirche anzutreffen und es ergaben sich interessante Gespräche darüber, warum sie Kirche heute nicht als relevant für ihr eigenes Leben betrachten. Wir haben alle sehr viel voneinander gelernt und teilweise gingen die Gespräche auf anderen Plattformen danach noch weiter.

 

4) Wie können Interessierte die digitale Kirche auf Clubhouse finden?

Christian Sterzig: Eine Suche nach dem Wort "#digitaleKirche" zeigt viele dazu passende Profile.

Nico Ballmann: Bei der Anmeldung einfach "Religion" und "Christianity" als Interessen hinzufügen.

Michael Zettl: Da die Räume sich eher "spontan" bilden und nicht dauerhaft existieren, kann man diese Frage in dieser Weise nicht beantworten. Clubhouse bietet für permanente Treffen die sogenannten "Clubs", aber diese werden aktuell aufgrund der hohen Nachfrage nur Stück um Stück genehmigt.

 

5) Welchen Profilen sollten christlich-digital Interessierte jetzt auf Clubhouse folgen?

Christian Sterzig: Das liegt am persönlichen Geschmack. Ich folge mittlerweile über 700 Profilen. Wenn Sie meinen Namen eingeben, können Sie alle sehen. Aber das ist meine persönliche Auswahl als Privatperson. Jede und jeder kann ja ein eigenes Netzwerk aufbauen.

Nico Ballmann: Das ist höchst individuell. Am besten ist es tatsächlich erstmal reinzuhören und schauen, wer einen wirklich anspricht.

Michael Zettl: Schwierig zu sagen, da es so viele interessant Leute gibt, aber sicher sind zum Beispiel @pixelpastor, @csterzik und mein Account @gottdigital eine gute Adresse rund um das Thema #digitaleKirche.

 

6) Wie stehen Sie zur Kritik, die an der Plattform geübt wird? Haben Sie Bedenken?

Christian Sterzig: Dass die Exklusivität bald vorbei ist, wünsche ich mir. Meines Erachtens wäre der einzige Weg, um ein internetfähiges Gerät völlig frei von allen Bedenken zu halten, es von allen Kabeln zu trennen und zwei Meter tief zu vergraben. Wenn wir in ein Auto steigen oder ins Internet gehen, ist das immer mit Gefahren verbunden. Ich kann gut verstehen, wenn Menschen deswegen nicht Auto fahren oder nicht ins Internet gehen wollen. Clubhouse ist ein junges, kleines, wachsendes Unternehmen, das während der Corona-Einschränkungen dazu beiträgt, dass Menschen sich weniger einsam zu fühlen. Daher habe ich persönlich einerseits Verständnis dafür, dass die etwa zehn Personen, die diese App mittlerweile in über 100 Ländern bereitstellen, weniger Zeit für Datenschutz aufgewendet haben, als viele in Deutschland angemessen finden. Andererseits habe ich hier auch deutliche Bedenken. Zum Beispiel darüber, dass in Clubhouse Gespräche laut Medienberichten über das Netzwerk einer chinesischen Firma laufen, die chinesischen Sicherheitsgesetzen unterliegt. Daher würde ich dieses Netzwerk nicht für vertraulichere Gespräch nutzen. Auch gebe ich nur so wenig Daten wie möglich weiter. Hierzu hilft es, weder das Adressbuch zu teilen noch Rechte für Social Media Konten zu geben. Der alte Ratschlag, im Internet nichts zu sagen, was man nicht in der Zeitung gedruckt sehen wollen würde, finde ich auch hier richtig.

Nico Ballmann: Die Problematik, dass gerade Clubhouse ein Sprachmedium ist, führt letztlich zur Exklusion von Menschen mit Hörproblemen. Eine Untertitelung wäre da wirklich wünschenswert, ist aber programmatisch schwer umzusetzen. Das Clubhouse momentan nur auf einem iPhone nutzbar ist, ist der Beta-Version geschuldet. Das sind Releasetechniken, die völlig normal sind. Für das Launchen einer neuen App ist es hilfreich erst nur eine Plattform zu bedienen, das war bei Instagram und Facebook im Übrigen genauso.

Michael Zettl: Vom Datenschutz her ist vor allem das Thema der Synchronisation des Kontakt-Adressbuches ein sensibles Thema, aber dies kann man bei Einrichtung ablehnen und hat dadurch kaum Einschränkungen bei der Nutzung. Aus meiner Sicht unterscheidet sich Clubhouse, was den Datenschutz anbetrifft, generell nicht wesentlich von den anderen Plattformen wie Facebook, Whatsapp & Co. Es ist eher ein generelle Einstellungsfrage, wie man zu solchen Social-Media-Plattformen steht. Nutzer, die sich auf Plattformen wie Facebook, Instagram, Whatsapp, über das Thema Datenschutz aufregen und eifrig kommentieren, kommen mir allerdings so vor, wie Gäste bei McDonald's, die sich mit dem Big Mac in der Hand über das ungesunde Fastfood bei Burger King aufregen.

Die Interviewten

Christian Sterzig: Leiter der Stabsstelle Digitalisierung der Evangelischen Kirche in Deutschland, betreut unter anderem das Projekt "Kirche im digitalen Wandel (#KidW)", auf Clubhouse unter dem Namen @csterzik zu finden.

Nico Ballmann: arbeitet als evangelischer Pfarrer in Köln, ist in den sozialen Netzwerken sehr aktiv, auf Instagram sowie auf Clubhouse als @einschpunk unterwegs.

Michael Zettl: Vorstand einer IT-Beratungsfirma, Mitglied im Leitungsteam der christlichen Digitalbewegung "Gott Digital" und auf Clubhouse als @gottdigital.

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