Bundestagswahl
Ein Viertel der Wahlberechtigten wird sich im September nicht an der Bundestagswahl beteiligen, so Prognosen. Sind Christ*innen aufgrund ihres Glaubens besonders dazu aufgerufen, ihre Stimme abzugeben? Ja, sagt Elisabeth Perschthaler in ihrem Kommentar.
Am 26. September wird in Deutschland der Bundestag neu gewählt.

Am 26. September ist Bundestagswahl. Nie sind demokratische Prozesse so direkt erfahrbar wie mit ausgefülltem Stimmzettel an der Wahlurne. Gleichzeitig scheint der Gedanke paradox: Ausgerechnet ein Kugelschreiberkreuz auf einem Stück Papier soll unsere politische Einstellung abbilden.

Gibt es so etwas wie eine evangelische Verpflichtung zur politischen Beteiligung? Sind wir durch unseren Glauben dazu aufgerufen, an Bundestagswahlen teilzunehmen?

Das Christentum als Welt-Religion 

Das Christentum ist eine politische Religion. Zuallererst ist es auf die Welt ausgerichtet – auf Gottes geliebte Schöpfung, wenn man so will. Als Christ*in ist man nach dem Schöpfungsbericht in 1. Mose 1 zur Gestaltung und Bewahrung dieser Welt aufgefordert, allerdings nicht dazu, sich ihrer aus egoistischen Motiven zu bemächtigen. Das ist noch keine direkte Antwort auf unsere Frage, aber es zeigt: Christ*innen können schon von ihrem Selbstverständnis her keine weltfremden Existenzen sein. Das Argument also, christlicher Glaube in seiner Ausrichtung auf das kommende Reich Gottes sehe es nicht vor, sich mit diesseitigen Nichtigkeiten wie einer Bundestagswahl aufzuhalten, steht daher im Gegensatz zu seiner biblischen Verankerung.

Evangelische*r Christ*in sein ist aber auch deshalb eine politische Angelegenheit, weil es Gemeinschaft beinhaltet. Und zwar nicht in der hermetisch abgeriegelten Kirchengemeinde als Parallelwelt zu der "da draußen". Sondern in Bezug auf die Gesellschaft als Ganzes und den eigenen Platz in ihr. Den Platz auch als Kirche, die sich nicht als stummes Gegenüber zum Staat begreifen darf, sondern in einem Verhältnis zu ihm stehen sollte. Dort muss Raum für Begegnung sein, für Dialog und gegenseitige Anerkennung. Gleichzeitig zeigt der Blick zurück auf die Geschichte Europas, wo die Einflussbereiche von Kirche und Staat über viele Jahrhunderte Gegenstand blutiger Machtkämpfe waren, dass ein solches Verhältnis nur dann für beide Parteien fruchtbar sein kann, wenn eine klare Trennung besteht.

Gott und die Welt – und wir

Was den persönlichen Glauben Einzelner betrifft, handelt es sich bei dieser Trennung natürlich nur um eine virtuelle. Als Mitglieder der Kirche und Staatsbürger*innen eines Landes fühlen wir uns in beiden Sphären wohl. Wenn die Basis zu einem harmonischen Verhältnis gegeben ist, partizipieren wir als evangelische Christ*innen aktiv an der Demokratie – einer Staatsform, die mit ihrer Rückbindung an den aufklärerischen Gedanken der Menschenwürde christliche Kerngedanken abbildet – angefangen beim Begriff der Nächstenliebe. Als Menschen einer komplexen demokratischen Gesellschaft, die sich ständig weiterentwickelt, fühlen wir uns in einem Glauben aufgehoben, der der Welt "da draußen" nicht abhandengekommen ist.

Also: Am 26. September ist Bundestagswahl. Wo wir unser Kreuz setzen, können und dürfen nur wir allein mit unserem Gewissen ausmachen. Es überhaupt zu tun, bedeutet jedoch, Verantwortung zu tragen: für ein Miteinander, aus dem Glauben.

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