16.10.2019
Kommentar

Glaube ist politisch - zum Rücktritt des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing

Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing, geboren 1967, war der jüngste EKD-Kirchenleiter. Letzte Woche hat er seinen Rücktritt angekündigt: Rentzing stolperte über völkisch-antidemokratische Texte, die er in seiner Studentenzeit als Redakteur der extrem rechten Zeitschrift "Fragmente" verfasste. Ein Kommentar vor Markus Springer.
Sächsischer Landesbischofs Carsten Rentzing
Konservativer Bischof mit extrem rechter Vorgeschichte: Carsten Rentzing.

Über die "kulturzersetzenden Umwälzungen unter dem Mantel der liberalen Weltoffenheit" (vor allem durch Migration) raunte Carsten Rentzing kurz nach der Wende. Der spätere sächsische Landesbischof war damals als Jura- und Philosophiestudent Redakteur der extrem rechten Zeitschrift Fragmente. Das konservative Kulturmagazin. Rentzing war der Auffassung, dass die demokratische Staatsverfassung "auf die Freisetzung großer Persönlichkeiten keinen großen Wert" lege: "An die Stelle der einsamen Entscheidungen großer Männer setzt man vielfältige Beratungen und Mehrheitsentscheidungen, die letztlich die Nivellierung der Geister fördert". Kurz: Das demokratische System vermenge "die jeweils klassischen Entartungsformen".

"Positionen, die ich vor 30 Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr", distanzierte sich Rentzing in lediglich sehr allgemeiner Weise: Er trete zurück, um "Schaden von meiner Kirche abzuwenden".

"Anbiederung an den Zeitgeist"

"Zu politisch" und "zu wenig fromm" sei der zeitgenössische Protestantismus, lautet ein alter Vorwurf der Konservativen. Er war zu hören, seit die Kinder und Kindeskinder von ’68 begannen, immer mehr Einfluss auf die und in der Kirche zu entwickeln. Der Kirche gehe mit der "Anbiederung an den Zeitgeist" und durch ihre politisierenden Funktionäre der Glaube aus.

Den "einzigen dezidiert konservativen" Bischof habe man mit Rentzing verloren, klagt nun der Vorstandsvorsitzende der evangelischen Nachrichtenagentur idea, Helmut Matthies, und tut die Texte Rentzings als Jugendsünden ab. Der Bischof sei in der EKD und Teilen seiner Kirche gemobbt worden, "weil er gegen die Segnung homosexueller Paare ist und sich weigerte, mit der AfD nicht mal zu reden". Von "Kampagne", dem "Geruch des Inquistorischen" und der "Umwandlung der Kirche Jesu Christi in eine politische Vorfeldorganisation" war in weiteren Kommentaren die Rede. Ein leitendes Amt in der Kirche dürfe anscheinend nur antreten, "wer bereit ist, eine rotgrüne Confessio abzulegen".

Konservative protestantische Stimmen sind wichtig

Unbegründet ist die Diagnose einer protestantischen Milieu­verengung tatsächlich nicht, wie Mitgliedschaftsstudien zeigen. Die evangelischen Kirchen in Deutschland haben sich tendenziell Positionen angenähert, die politisch eher bei den Grünen oder der Sozialdemokratie zu finden sind – jedenfalls bevor die Union unter Angela Merkel nach "links" rückte, respektive unter Markus Söder "ergrünte".

Insofern wären auch prominente konservative protestantische Stimmen wichtig, wenn die Kirche so etwas wie "Volkskirche" bleiben will. Dabei sollte man wissen, dass vermeintlich unpolitische "Frömmigkeit" in Wahrheit natürlich ebenfalls politisch ist.

Theologische Krise

Tatsächlich ist der deutsche Protestantismus nicht nur in einer Mitgliedschaftskrise, sondern auch in einer theologischen. Immer weniger Menschen ist klar, was die evangelische Kirche theologisch und spirituell "eigentlich" ausmacht und "warum eigentlich" das für sie in ihrem Leben wichtig sein soll. Eine Frage, die manche kirchliche Lebenslüge nachhaltig beschädigen könnte. Sie sollte gerade deswegen zur ausdrücklichen Leitfrage werden – an den theologischen Fakultäten ebenso wie in der Diakonie und bei allen Kirchenleitenden.

Für den Fall des sächsischen Bischofs ist aber entscheidend, dass der angeblich unpolitische Konservative Rentzing weiter in rechten Netzwerken unterwegs war, wie ein Vortrag 2013 in der Berliner "Bibliothek des Konservatismus" zeigt. Leiter der neurechten Denkfabrik ist der evangelische Theologe Wolfgang Fenske, ein Kollege Rentzings aus ­Fragmente-Tagen.

Vergangenheit nicht verschweigen

"Die neuzeitliche Frage nach den Menschenrechten ist unprotestantisch", schrieb der junge Rentzing. Und Fenske hat über eine Gründergestalt der Berneuchener Bewegung promoviert, auf die auch die Michaelsbruderschaft zurückgeht: Karl Bernhard Ritter (1890-1968), der nicht nur Theologe war, sondern auch Politiker der Deutschnationalen Volkspartei. Die antidemokratische DNVP erfreute sich unter den Protestanten in der Weimarer Republik größter Beliebtheit und verhalf Hitler zur Macht.

Wenn Konservatismus in diese Richtung weist, ist es gut, dass ihn die evangelische Kirche in Deutschland seit 1945 Schritt für Schritt überwunden hat, um auch theologisch bei den allgemeinen Menschenrechten anzukommen.

Wer eine Zukunft haben will, darf die (eigene) Vergangenheit nicht verschweigen – schon gar nicht als evangelischer Landesbischof.

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