Corona und Impfen
Die Impfpflicht hätte schon längst kommen müssen. Wer aber nicht den Mut hat, sie einzuführen, und es der Freiheit der Einzelnen überlässt, wie sie sich in dieser Frage entscheiden, der darf Ungeimpfte auch nicht moralisch stigmatisieren, kommentiert Markus Springer.
Eine Spritze steckt in einem Oberarm

Der Augsburger Medizinrechtler Josef Franz Lindner hält eine Corona-Impfpflicht verfassungsrechtlich nicht nur für zulässig, sondern möglicherweise sogar für geboten. Die Schutzpflichten des Staats, die auf dem Spiel stehen, seien gewichtig: "Wenn es auf den Intensivstationen einen Kollaps gibt, dann ist das der größte anzunehmende Unfall, den man im Gesundheitswesen erleben kann", sagt Lindner.

Dagegen lässt sich nur bedingt ins Feld führen, dass in der Zeit der Coronapandemie die Zahl der Intensivbetten nicht etwa aufgestockt wurde, sondern gesunken ist. Es gibt nämlich nicht genug qualifiziertes Pflegepersonal, das die harten Arbeitsbedingungen bei überschaubarer Bezahlung auf sich nimmt. Die eh schon angespannte Lage hat Corona noch einmal verschärft.

Ein Nein zu einer Impfpflicht "im Namen der Freiheit": Dumm und gefährlich

Auch wenn ein Namensvetter des Medizinrechtlers, Christian Lindner, und seine FDP strikt dagegen sind: Eine klare Mehrheit der Deutschen ist für eine Covid-19-Impfpflicht, seit wir immer höher auf der vierten Welle surfen. Wie beim Tempolimit hat die künftige Regierungspartei FDP ein Veto gegen eine Impfpflicht eingelegt.

Die "Neins" der FDP mögen beim Tempolimit unerheblich und bei der Frage von Steuererhöhungen als Klientelpolitik zumindest gedanklich nachvollziehbar sein – ein Nein zu einer Impfpflicht "im Namen der Freiheit" ist dumm und gefährlich.

Was Nazis gegen das Impfen hatten

Es wären gerade Impfungen, eine noch höhere Grundimpfungsquote und Booster-Impfungen, die uns im Fall von Corona die Freiheit zurückbringen oder sichern. "Impfungen sind unsere Chance auf Freiheit", hat die FDP im März selbst noch verkündet.

Als vor 150 Jahren die "Reichs­impfpflicht" kam, hatte das mit deutschem Obrigkeitsstaat wenig zu tun, aber einiges mit wilden Schwurbeleien und Verschwörungsglauben. Nicht wenige raunten damals, die Pockenimpfung verwandle die Menschen innerlich in Kühe. Heute wirkt das Internet als Turbo für Schwurbler und falsche Informationen.

Gelockert wurde die Impfpflicht zunächst von den Nazis. Heinrich Himmler und Rudolf Heß waren glühende Impfgegner. Impfen hielten sie für eine "Rassenschande der Juden". Sie konnten sich auf Dauer nur deshalb nicht durchsetzen, weil die Wehrmacht einwandte, dies gefährde ihre militärische Schlagkraft. 1976 wurde die Pocken-Impfpflicht aufgehoben. Wenig später erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Krankheit für ausgerottet.

Keine Impfpflicht durch die Hintertür

Schon längst hätte in der Coronapandemie eine Impfpflicht eingeführt werden sollen. Nicht zuletzt die Kinder, die nicht geimpft werden können und die vierte Welle nun in den Klassenzimmern ausbaden, haben Solidarität von uns allen verdient. Wer aber nicht den Mut hat, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen, und es der Freiheit des Einzelnen überlässt, wie er sich in dieser Frage entscheidet, der darf dann auch keine Impfpflicht durch die Hintertür einführen, indem Ungeimpfte moralisch stigmatisiert, schikaniert und ausgegrenzt werden – so wie es derzeit geschieht.

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