22.01.2021
Kommentar

Über die Position der Landeskirche zu Verschwörungstheoretikern

Hinterfragen Sie noch? Oder verschwören Sie schon? In ihrer Antwort haben sich führende Politiker schon festgelegt, wenn Bürger deren Umgang mit der Corona-Herausforderung auch nur kritisieren. Man muss gar nicht Bill Gates als Drahtzieher oder außer Rand und Band geratene asiatische Laboranten hinter der Pandemie vermuten. Wer zu viel fragt, den trifft’s: "Verschwörungstheoretiker" ist jetzt schon das Schmäh-Etikett der 2020er-Jahre.
Verschwörungstheorien (Symbolbild)

Mit dieser Spezies hat sich nun auch die bayerische evangelische Landeskirche (ELKB) in der Neuauflage ihrer "Evangelischen Orientierungen inmitten weltanschaulicher Vielfalt" befasst. Darin werden neue und alte religiöse bis esoterische Bewegungen von "­Scientology" bis "Fridays for Future" erklärt und bewertet. Die meisten Gruppen haben gemeinsam: Man gehört freiwillig dazu. Zum "Verschwörungstheoretiker" dagegen wird man gemacht.

"Verschwörungsdenken" pflege laut ELKB jemand, der denke, "dass die Wirklichkeit anders ist, als es offiziell behauptet wird". Da stehe ich als berufsmäßiger Skeptiker schon mit einem Bein in der Bredouille. Recht hat die Kirche sicherlich mit der Bezeichnung der Teilnehmer der "Querdenker-Demonstrationen" als "bunte Misstrauensgemeinschaft". Das Virus vereint paradoxerweise bislang unversöhnlich scheinende Lager.

Stigma: "Verschwörungstheoretiker"

Leider bleiben zunehmend nur die Vertreter der extremen Ränder dieser Gruppen übrig. Kritische, aber in Handeln und Tonfall gemäßigte Menschen distanzieren sich von denen, die Demos für eigennützige Motive missbrauchen. Viele flüchten aber auch vor dem gesellschaftlichen Stigma "Verschwörungstheoretiker".

Wer Glück hat, über den wird gönnerhaft gesagt, andere Meinungen müsse man eben "aushalten". Das ist im Übrigen die deutsche Übersetzung des lateinischen "tolerare", von dem die positiv konnotierte "Toleranz" kommt.

Informieren, orientieren und  aufklären

Und trotzdem müssen so viele Fragen sachlich gestellt und beantwortet werden. Zum Beispiel: Warum sitzt das Corona-Parlament aus Regierungschefs von Ländern und Bund in einer Echo-Kammer mit immer wieder den gleichen Experten und hört keine Stimmen aus Wirtschaft und Sozialem? Warum wird die Beschaffung von Impfstoff an die EU delegiert und vor allem: zu wenig bestellt? Warum werden Risikogruppen immer noch unzureichend geschützt, dafür aber ein ganzes Land durch Lockdown lahm gelegt? Abgestempelt sind unbequeme Kritiker schnell, die Antworten bleiben aber aus.

Die ELKB empfiehlt im Umgang mit Verschwörungstheoretikern in ihrer Broschüre Versöhnliches und Vernünftiges: "Christen dürfen niemals hilf- und sprachlos werden, sondern müssen informieren, orientieren, aufklären und Segen spenden." Das ist eine gute Richtschnur, generell.

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