15.08.2019
Kommentar

Warum Ankerzentren Flüchtlinge, Bürger und Behörden überfordern

Ankerzentren für Geflüchtete sind seit ihrer Einführung ein Politikum. Flüchtlingshelfer beklagen die Zustände dort und fordern das Aus für diese Einrichtungen, denn die Massenunterkünfte ähneln bewachten Gefängnissen. Es kommt zu übergriffen und die Bewohner sind isoliert von der übrigen Bevölkerung. So kann Integration nicht funktionieren. Ein Kommentar von Andreas Jalsovec.
Unterbringung von Flüchtlingen

Am 8. August hat Augsburg wieder sein Friedensfest gefeiert. Das Fest gibt es seit 1650. Damals erhielten die Protestanten der Stadt nach dem Dreißigjährigen Krieg die Religionsfreiheit zurück. Heute ist es ein Symbol für das friedliche Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Mehr als 40 Prozent der Einwohner Augsburgs haben einen Migrationshintergrund. Menschen aus mehr als 160 Ländern leben hier zusammen.

Damit dies funktioniert, ist Anpassung nötig: vonseiten der Bewohner, die hier schon leben, aber auch von jenen, die neu in die Stadt kommen. Vor allem jedoch braucht es dafür Offenheit und Freiheit: Offenheit anderen Menschen, ihrer Kultur und ihrer Religion gegenüber. Und die Freiheit, sich entfalten zu können, sich kennenzulernen – aber auch, sich aus dem Weg zu gehen.

Ankerzentren sind das Gegenteil von offen und frei

Wer dies berücksichtigt, merkt schnell, dass in Unterkünften wie den "Ankerzentren", in denen in Bayern Flüchtlinge zentral untergebracht werden, Menschen niemals friedlich zusammenleben können. Die Massenunterkünfte ähneln bewachten Gefängnissen. Die Bewohner sind isoliert von der übrigen Bevölkerung. Sie haben keine Privatsphäre, müssen Übergriffe anderer Insassen oder durch das Wachpersonal fürchten. Ankerzentren, so berichten Psychologen, "machen gesunde Menschen krank und psychisch kranke Menschen noch kränker". Kurz gesagt: Sie sind das Gegenteil dessen, was man als offen oder frei bezeichnen würde.

Es verwundert daher nicht, dass es in diesen Zentren immer wieder zu Auseinandersetzungen und Ausschreitungen kommt. Häufig muss die Polizei eingreifen. Im Ankerzentrum im schwäbischen Donauwörth etwa war dies in den vergangenen Monaten immer wieder der Fall. Das Zentrum wird nun zum 31. Dezember geschlossen.

Ankerzentren sind unwürdige Unterkünfte

Der Grund dafür ist profan: Der Mietvertrag der Stadt Donauwörth mit dem Freistaat läuft aus. Dass die Bewohner nun jedoch auf kleine, dezentrale Unterkünfte verteilt werden, ist bislang einmalig in Bayern. Dies sei "den faktischen Gegebenheiten" geschuldet, heißt es bei der zuständigen Regierung von Schwaben auf Anfrage. Dies soll wohl heißen, dass keine vergleichbare Unterkunft verfügbar ist.

Vielleicht will man sie aber auch keinem mehr zumuten: den Flüchtlingen nicht, die darin untergebracht sind; den Bürgern nicht, an deren Wohnort sie angesiedelt wird; und den Behörden und Ordnungskräften nicht, denen die Zentren ständig Probleme bereiten. Ankerzentren sind unwürdige Unterkünfte. Sie überfordern alle Beteiligten. Man sollte sie daher abschaffen.

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