24.04.2020
Kommentar

Warum Künstlerinnen und Künstler nicht ins Abseits geraten dürfen 

Was hat die Corona-Pandemie eigentlich mit Kunst und Kultur zu tun? Das scheint, angesichts der enormen gesundheitlichen Bedrohung und der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen, eine eher müßige Frage zu sein. Unbestritten ist, dass der Kampf gegen die Coronavirus-Krankheit Covid-19 jetzt absoluten Vorrang hat. Trotz allem sollte die Kunst nicht vergessen werden, meint Kommentator Wolfgang Lammel.
Musiker

Die "Normalität", deren Rückkehr seit Wochen beschworen und ersehnt wird, hat ausgedient. Die Soziologie beschreibt den Begriff "als das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss".

Selbstverständlich ist seit dem Ausbruch der Pandemie nichts mehr. "Normalität" wurde abgelöst von "Systemrelevanz" – ein Instrument, mit dem man für die unvorhergesehene Krisensituation einen strukturellen Rahmen geschaffen hat. Und der so schlecht nicht ist: Die Gesellschaft hat in kürzester Zeit mehr über ihre "kritische Infrastruktur" gelernt als in vielen Jahrzehnten zuvor.

Rufe nach staatlicher Hilfe

Inzwischen sind im Kielwasser des Krisenmanagements aus allen Richtungen die Rufe nach staatlichen Hilfen lauter geworden – mit Fug und Recht, denn praktisch kein Bereich ist von den Auswirkungen der Pandemie unberührt geblieben. Und gerade deshalb ist es wichtig, ein tragendes Element der Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn dass sich Deutschland so gern als Kulturnation bezeichnet, ist nicht allein das Erbe, das "das Volk der Dichter und Denker" nur als historisches Vermächtnis verwaltet.

Es sind die vielen Tausend Menschen, die mit ihrer Kreativität und Leidenschaft dafür sorgen, dass Kultur in ihrer schier unerschöpflichen Vielfalt lebendig bleibt. Wenn jetzt Festivals und Konzerte abgesagt werden, Autorenlesungen und Kleinkunstauftritte nicht stattfinden können, Museen, Theater und Galerien geschlossen sind, bedeutet das fürs Publikum eine Durststrecke, für viele Künstlerinnen und Künstler aber eine Zeit am Rand der Existenz. 

Internet als Ersatz?

Das Internet, das für viele Kulturschaffende jetzt zur virtuellen Bühne geworden ist, kann nur eine Übergangslösung sein, kein Ersatz für das "Live-Erlebnis" – was übrigens auf anderer Ebene auch für Gottesdienste gilt, in denen Kirchenmusik eine zentrale Rolle spielt.

Gerade in der Krise sind Kunst und Kultur vielleicht nicht system-, aber mit Sicherheit sozialrelevant. Das Leben wäre ärmer ohne sie. Schon aus purer Eigennützigkeit darf es die Gesellschaft nicht zulassen, dass diese Vielfalt an der Pandemie zugrunde geht.

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