17.04.2019
Kommentar

YouTube-Projekt fördert Verständnis für Konfliktursachen in Israel

Viele Europäer blicken oft mit Kopfschütteln nach Israel: Schon wieder hat der Rechtsaußen Netanjahu die Wahlen gewonnen, immer noch geht beim Friedensprozess mit Palästina nichts voran. Wer soll das verstehen? Ein YouTube-Projekt des israelischen Konfliktforschers Corey Gil-Shuster konfrontiert Israelis und Palästinenser mit den ratlosen Fragen des Westens - die Antworten helfen gegen festgefahrene Meinungen.
Jerusalem - Blick über die Grabeskirche auf den Tempelberg und den Felsendom.
Jerusalem - Blick über die Grabeskirche auf den Tempelberg und den Felsendom.

Was ist nur los mit den Israelis? Wieder einmal ist Benjamin "Bibi" Netanjahu aus den Wahlen in Israel als Sieger hervorgegangen – mit mehr Stimmen als je zuvor, allen Abgesängen und Umfragen zum Trotz. Warum nur hieven die Israelis den korruptionsumwehten Rechtsaußen wieder und immer wieder ins Amt?

Wohl zu keinem Land in der Welt fühlt man sich in Deutschland und Europa zu so starken Meinungsäußerungen befleißigt wie zu Israel und zum "Nahostkonflikt". Den starken Meinungen steht in der Regel allenfalls oberflächliches Wissen um die Verhältnisse in Israel und seinen Nachbarstaaten gegenüber.

Einer, der mit den Mitteln des Internets dagegen angeht, ist der in Kanada geborene israelische Konfliktforscher Corey Gil-Shuster. In seinem Projekt "Ask an Israeli / Ask a Palestinian" zieht er mit der Smartphone-Kamera los und stellt Israelis und Palästinensern auf der Straße die Fragen, die ihm aus aller Welt zugeschickt werden. Man erfährt so, wie es kommt, dass sich fromme Juden mit Vorfahren aus Marokko heute so kleiden wie Juden im polnischen Stetl des 19. Jahrhunderts. Oder was Menschen in Ramallah, Nablus oder Hebron über die Liebe denken und ob sie sich eine jüdische Schwiegertochter vorstellen können. Gil-Shuster fragt Atheisten und Haredim mit Schläfenlocken, was sie über Jesus denken, er befragt Pazifisten und Feministinnen oder israelische Christen mit russischen Wurzeln. Die Antworten sind überraschend und vielfältig, hintergründig und aufschlussreich.

Warum wählen so viele Menschen Netanjahu?

Gil-Shuster stellt lediglich Fragen und kommentiert nicht. Je mehr Menschen aus dem Heiligen Land man so begegnet, desto weniger leicht fallen einfache Antworten. Aber man versteht ein wenig besser, warum so viele Menschen in Israel Netanjahu wählen, was das beispielsweise mit der Vertreibung der orientalischen Juden aus der islamischen Welt nach 1948 zu tun hat und mit Veränderungsprozessen in der multikulturellen israelischen Gesellschaft.

Zwar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 in einer Rede vor der Knesset Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson erklärt; doch wie kein anderes Land wird die einzige Demokratie im Nahen Osten seit Jahrzehnten in der UNO an den Pranger gestellt – und Deutschland macht regelmäßig mit. Als am 14. März der Bundestag über einen Antrag der FDP abstimmte, in Sachen Israel das Abstimmungsverhalten der Bundesrepublik in den Vereinten Nationen neu auszurichten, votierte – horribile dictu – nur die AfD dafür. Die Grünen enthielten sich, eine ganz große Koalition aus Union, SPD und Linke stimmte dagegen. Also letztlich dafür, die rituellen Verurteilungen in den Vereinten Nationen beizubehalten.

Die Haltung des Bundestags ist bestürzend und skandalös. Doch mit der neuen alten Regierung in Israel dürfte sich an ihr vermutlich so bald nichts ändern. Vielleicht sollten ja auch deutsche Politiker einmal auf Corey Gil-Shusters YouTube-Kanal vorbeischauen.

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