Hilfsorganisationen in Corona-Zeiten
Die KinderAidsHilfe Südafrika ist ein Projekt einer Regensburger Stiftung. Seit Beginn der Coronapandemie hat ein Kinder- und Jugendzentrum in Kapstadt, in dem Kinder leben, deren Eltern tot oder drogenabhängig sind, vermehrt mit Problemen zu kämpfen. Die Leiterin des Hauses spricht über die Veränderungen, die in den letzten Jahren eingetreten sind.

Die KinderAidshilfe Südafrika ist ein Projekt, das vor 15 Jahren in die Gründung eines Kinder- und Jugendzentrums in Kapstadt mündete. Das Haus trägt den Namen "Elonwabeni" (Haus des Glücklichseins) und wurde von einer Regensburger Stiftung gegründet. 24 Kinder leben dort, deren Eltern entweder drogenabhängig oder tot sind. Leiterin Denise Landes brachte sie während der Corona-Pandemie an einen sicheren Ort auf dem Land. Doch nach ihrer Rückkehr nach Kapstadt sind die Probleme größer denn je.

Frau Landes, wie hat Corona die Arbeit der KinderAidshilfe in Südafrika verändert?

Denise Landes: Kapstadt war stark betroffen von der Pandemie. Wir wussten nicht genau, welche Auswirkungen es auf uns im Kinderzentrum haben würde. Deshalb haben wir im März 2020 sofort alle Kinder und Angestellten auf eine Farm gebracht, die zwei Stunden außerhalb von Kapstadt liegt. Viele unserer Kinder sind sexuell missbraucht worden, wurden vernachlässigt von ihren Eltern. Sie konnten sich während dieser Zeit beruhigen und neu finden. Das Leben in Südafrika ist sehr hart, es gibt viel Gewalt gegen Frauen. Dort konnten auch unsere Hausmütter aufatmen.

Würden Sie sagen, dass Covid-19 der HIV-Behandlung geschadet hat?

Landes: In den ersten fünf Monaten konnten viele nicht zu ihren Tests gehen, um zu sehen, ob die Anzahl der Viren in ihrem Blut zugenommen hat. Es gab auch weniger Zugang zu den Kliniken, weil die mit den Covid-Fällen überfordert waren. Das hieß, dass es keine Medikamentierung mehr für HIV-Patienten gab. Wir hatten ein kleines Baby mit neun Monaten, mit dem wir jeden Monat ins Krankenhaus fahren mussten, weil wir um sein Leben fürchteten.

Gibt es in Südafrika allmählich eine Rückkehr zur Normalität?

Landes: Es ist immer noch so, dass wir ständig Nachrichten über Corona-Verstorbene erhalten, die wir persönlich kannten. Die Regierung versucht zwar mit aller Macht, zur Normalität zurückzukehren. Im Bereich der Schulen hat sich das noch nicht eingestellt. Das heißt, die meisten unserer Kinder gehen nur ein- oder zweimal in der Woche in die Schule. Das hat Konsequenzen für unsere Kinder. Viele haben eine Aufmerksamkeitsstörung, sie können nicht ruhig sitzen, haben Schwierigkeiten beim Lernen.

Sehen Sie ihr Projekt durch den reduzierten Schulbesuch gefährdet?

Landes: Wir wussten immer, dass unsere Kinder Schwierigkeiten mit dem Lernen haben, aber wie schlimm es war, wussten wir nicht. Auf der Farm haben wir hautnah erlebt, warum Kinder, die arm sind und in prekären Verhältnissen leben, so wenig Erfolgsaussichten im Leben haben. Das hat viel mit unserem schrecklichen Bildungssystem zu tun. Unsere Kinder gehen von einer Klasse in die nächste, ohne lesen und schreiben zu können. In den neun Monaten auf der Farm aber hatten wir Lehrkräfte angestellt, damit der Unterricht weitergeht.

Seit Dezember 2020 sind Sie wieder in Kapstadt. Was ist aus dem Zusatzunterricht geworden?

Landes: Bislang haben wir geschaut, dass unsere Kinder ein gutes Zuhause haben und sich wohlfühlen. Aber eigentlich brauchen sie mehr. Deshalb haben wir uns 2021 entschieden, zwei Leute anzustellen, die nur auf die Bildung unserer Kinder schauen. Sie gehen ein- bis zweimal die Woche in die Schule, aber bei uns im Projekt geht die Schule dann weiter. Insofern war Covid-19 eine Chance für uns, die wir mit beiden Händen ergriffen haben.

Das würden sich wahrscheinlich viele Eltern für ihre Kinder wünschen.

Landes: Wir bräuchten viel mehr Kapazitäten, das ist die Realität. Laut Gesetz dürfen wir nur sechs bis acht Kinder pro Haus beherbergen. Wir haben aber nur vier Häuser. Deshalb müssen wir wöchentlich Absagen machen, dabei ist die Not so groß.

Wie lange bleiben die Kinder im Schnitt bei Ihnen?

Landes: Wenn sie 18 Jahre alt sind, sollten sie unser Haus verlassen. Aber die Realität unseres Landes ist, dass es wenig Chancen für Jugendliche gibt. Das heißt, die Reise mit unseren Kindern hört nicht auf. Wir haben nun ein "Independent Living"-Projekt für Jugendliche ab 18 und älter gestartet. Wenn sie uns zeigen, dass sie etwas mit ihrem Leben anfangen wollen, dann dürfen sie länger bleiben und weiter studieren.

Was sind aus Ihrer Sicht die schlimmsten Folgen für Kinder in den Townships, die durch Corona entstanden sind?

Landes: Dieses Jahr ist die Schwangerschaftsrate in den Communities außerhalb von Elonwabeni sehr gestiegen, insbesondere bei Kindern im Alter von zehn bis 14 Jahren. Die Eltern mussten arbeiten gehen und ihre Kinder waren ohne Schutz allein zuhause. Aber wenn ein Kind schwanger wird, dann ist das eine Vergewaltigung. Elonwabeni hat Anfang des Jahres deshalb ein Gesundheitsprojekt gestartet, dass uns ermöglicht, mit jungen schwangeren Teenagern vor Ort zu arbeiten. Das ist ein super Projekt! Wir wussten, dass Covid-19 Auswirkungen haben würde, aber dass es so schlimm werden würde, das wussten wir nicht.

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