28.09.2012
Kinderwunsch

Immer mehr Paare reisen für ihr Wunschkind ins Ausland. Für 4.000 Euro lassen sie sich Embryos unbekannter genetischer Abstammung einpflanzen. Über die rechtlichen, medizinischen und ethischen Probleme wird dabei gerne hinweggesehen.
Baby auf Windel
Baby auf Windel

"Nie aufgeben!" schreibt M. aus Bayern. "Wir haben uns nach drei Abgängen und mehreren fehlgeschlagenen Versuchen für eine Embryonenspende entschieden. Was soll ich sagen: unser süßes Wunder liegt im Bettchen und schläft und wird bald ein Jahr alt. Bitte gebt nicht auf...", hat M. auf den Seiten der tschechischen Kinderwunschklinik "Pronatal Medical Group" gepostet. Für Mia ist es nicht so gut gelaufen: "Trotz zwei positiver Schwangerschaftstests, einem super HCG-Wert, einer perfekten Einnistung der Eizelle, hat es nicht geklappt", schreibt sie im Forum, und ergänzt: "Natürlich sind wir sehr traurig, aber in 2-3 Monaten machen wir weiter. Es warten zum Glück noch 10 Eisbärchen auf uns".

In Deutschland ist es verboten, Embryonen zu adoptieren

Mia und M. verbindet der Wunsch nach einem Kind. Weil es in Deutschland bislang verboten ist, Embryonen zu adoptieren, sind sie ins Ausland gereist. In einem sogenannten "Kinderwunschzentrum", wie es sie in Prag, Madrid oder Barcelona gibt, haben sich die Frauen mit Zäpfchen und Spritzen behandeln lassen, und nach wenigen Tagen konnte ein tiefgefrorenes Embryo aufgetaut und eingepflanzt werden. Kosten für jede Behandlung: Zwischen 4.500 und 6.500 Euro.

Embryo günstig zu kaufen?

"Embryo günstig zu kaufen" - Können deutsche Reproduktionszentren bald auch mit einem solchen Slogan werben? Bislang ist das Thema in der Öffentlichkeit ein Tabu. Einzig in den einschlägigen Kinderwunsch-Internetforen wird längst offen darüber diskutiert, wo und wie eine Embryonenadoption inzwischen möglich ist. Über die rechtlichen und ethischen Fragen wird dabei leicht hinweggegangen. Im Oktober will sich deshalb die bayerische Ethikkommission mit dem Thema beschäftigen - und betritt damit auf bundespolitischer Ebene absolutes Neuland.

Seelische Wohl des Kindes suchen

"Der Wunsch eines Paares, ein Kind bekommen zu wollen, sollte nicht unterschätzt oder demontiert werden", erklärt die Münchner evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler als eines von 16 Kommissionsmitgliedern. Doch dürfe das "Embryo nicht zum Spielball der Gesellschaft" werden. Es gehe vor allem um das seelische Wohl des Kindes. Sollte nicht jedes Kind das Recht haben, seine genetischen Eltern kennenzulernen? Und wie ist das mit den leiblichen Geschwistern? Was ist, wenn die genetischen Eltern plötzlich beschließen, dass sie ihre Kinder kennenlernen möchten - dürfen die sozialen Eltern dies verbieten? Wenn nur die Eltern über die Kinder verfügen können, "würde man Kinder fast wie einen Gegenstand oder ein Produkt behandeln", befürchtet die Theologin.

Ethik und Recht bei Kinderwunsch

Ethische und rechtliche Fragen lassen sich kaum voneinander trennen, sagt Breit-Keßler. Nach geltendem Recht sei die gebärende Frau rechtlich auch die Mutter des Kindes. Der genetische Vater aber bleibt weiterhin der Vater. Was ist, wenn das Kind einen Multimillionär als genetischen Vater hat, aber in einer armen Familie aufwächst – hat dieses Kind dann Anspruch auf das Erbe des genetischen Vaters? Das Problem haben selbst die Kliniken erkannt. Sie werben damit, dass ein "auf diese Weise geborenes Kind" auch nach Erreichen der Volljährigkeit "keinen Anspruch auf die Ermittlung der persönlichen Daten der biologischen Eltern" habe.

Selektion von Embryos

Und dann ist da noch das Problem der Kommerzialisierung - und der gezielten Selektion von Kindern. Bereits jetzt sichern manche Kliniken ihren Klienten auf der Homepage zu, dass die Eizellenspenderinnen "zwischen 20 und 33 Jahre" alt sind, aus einem normalen sozialen Umfeld stammen, "keine auffälligen Körpermerkmale" oder "genetische Vorerkrankungen" haben. Künftige Eltern können neben Augen- und der Haarfarbe, Größe, Statur und Blutgruppe auch einen gewissen "Bildungsstand" auswählen.

Anonyme Spende ist ethisch bedenklich

Dass bei der Embryonenadoption Handlungsbedarf besteht, konstatierte schon der Bericht des Ausschusses für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags von 2010. Darin wird auf die Bedeutung der biologischen Wurzeln eines Menschen verwiesen und erklärt, dass nach "jetzigem Forschungsstand" eine anonyme Spende aus "psychologischer Sicht eher abzulehnen" sei. "Völlig unbekannt" sei außerdem bislang die Situation der Eizellspenderinnen und Leihmütter, die ihre "Dienste" deutschen Paaren zur Verfügung stellen - ebenso wie die "langfristigen körperlichen und psychischen Folgen für diese Frauen". Die Liste der medizinischen, ethischen und rechtlichen Fragen, die mit einer Embryonenadoption einhergehen, ist kaum zu überschauen, stellt denn auch Breit-Keßler fest, und meint: "Wir müssen alles, was gedacht werden kann, auch denken und diskutieren".

Für Mia wird das nichts ändern. Sie hofft, das eines der "Eisbärchen" zum Kind wird. Die Erfolgsquote liegt nach Angaben der Kliniken bei rund 40 Prozent.

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