14.11.2019
Gesellschaft

Philosoph Alexander Grau: Warum politischer Kitsch eine deutsche Spezialität ist

Er nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Autor und Philosoph Alexander Grau schreibt in seinem neuen Buch "Politischer Kitsch", mit Fakten und geleitet alleine von Vernunft, alles nieder, was derzeit als vermeintlich "politisch korrekt" erscheint. Im Interview erklärt der Münchner, warum vieles, was derzeit wie harmlose Gesellschaftskritik erscheint, auch gefährlich sein kann, wenn Gefühle zu harten Bandagen werden.
Autor und Philosoph Alexander Grau
Alexander Grau plädiert für mehr Rationalität im gesellschaftspolitischen Diskurs.

Herr Grau, Sie beschreiben "politischen Kitsch" als deutsches Phänomen. Mit Blick auf andere europäische Staaten wie Frankreich oder auch auf die USA fällt doch aber auf, dass hier gerade in Sachen Selbstbeweihräucherung und Inszenierung der nationalen Identität noch viel mehr kitschige Elemente zu finden sind. Wo liegt der Unterschied?

Alexander Grau: Zunächst ist richtig: Politischer Kitsch ist kein ausschließlich deutsches Phänomen. Darauf weise ich auch hin. Das Staatspathos in Frankreich und den USA hat beispielsweise ausgesprochen kitschige Elemente. Der weihevolle Ton, zu dem etwa französische Präsidenten gerne greifen, ist für Deutsche nur schwer erträglich. Mehr noch: Die Erfindung des politischen Kitsches würde ich mit der französischen Revolution ansetzen. Allerdings hat Deutschland aufgrund seiner protestantischen und romantischen Tradition eine besondere Affinität zum Kitsch, zum Sentimentalen und Gefühligen.

Sie beschreiben Kitsch als "Ausdruck psychosozialer Entwicklungen". Ist Kitsch demnach nicht etwas zutiefst Menschliches, was man nicht ausschließlich negativ ansehen sollte?

Grau: Grundsätzlich ja. Insbesondere ästhetischer Kitsch hat so etwas wie eine tröstende Funktion, und diese Form von Trost und Wärme ist wichtig. Jeder von uns hört gerne mal kitschige Schlager. Die sind wie Süßigkeiten. Wir brauchen das.

Gefährlich wird Kitsch hingegen als moralischer oder gar politischer Kitsch, eben weil er das Denken unterbindet.

Und in der Politik sollte man denken.

Erleben wir mit den "Fridays for Future"- und der "Extinction Rebellion"-Bewegung einen Ausdruck totalitären Kitsches, den Greta Thunberg ausgerufen hat?

Grau: Greta Thunberg selbst ist aggressiv und fanatisch. Das ist nicht kitschig, das ist auf andere Weise hässlich. Die Gedankenwelt der von ihr ins Leben gerufenen Bewegung trägt allerdings deutlich Züge politischen Kitsches: Sehnsucht nach einfachen Lösungen, Sehnsucht nach einer heilen, überschaubaren Welt, unterkomplexe Problembetrachtung, Züge der Realitätsverweigerung, starke kollektive Emotionalisierung oder Verklärung der Natur.

Warum ist dieser totalitäre Kitsch so gefährlich?

Grau: Zum einen blockiert er das Denken. Starke Emotionen sind nicht der Boden, auf dem nüchterne Analysen gedeihen. Komplexitätsverweigerung ist in unserer modernen Welt aber eine gefährliche Sache. Zum anderen ist er eindeutig autoritär. Er gefährdet die Demokratie. Denn das kitschige Denken ist verliebt in einen erträumten Idealzustand der Welt. Wer dieses Ideal nicht teilt oder nicht für erreichbar hält, hat nicht nur eine andere Meinung, sondern verletzt intensive politische Gefühle. Das führt zu aggressiven Reaktionen und schließlich zu Repressionen. Das kitschige Politbewusstsein kann mit anderen Meinungen im Grunde nicht umgehen. Ein Rationalist kann hinnehmen, dass es andere Argumente gibt, aber emotionalisierten Menschen fällt es schwer, andere Gefühle zu akzeptieren. Das kennen wir schon aus dem Privatleben.

Wie schafft man es, als rational denkender Mensch, der trotzdem Empathie zeigen will, sich gegen die Anhänger des Kitsches zu behaupten, ohne mit der "Nazi-Keule" gestraft zu werden und ohne mit "Gutmensch"-Verunglimpfung zurückzuschießen?

Grau: Mit Gelassenheit und Gleichmut. Die Nazi-Keule wird aktuell fast überall geschwungen. So what? Und vor der Versuchung, mit Beschimpfungen zurückzuschießen, bewahrt mich mein vergleichsweise stoisches Gemüt und meine digitale Abstinenz. Wenn Sie nicht in den sozialen Medien unterwegs sind, ist das schon mal sehr hilfreich.

Warum sind gerade Religionen so anfällig für Kitsch und wo liegt hier die Gefahr für die Anhänger?

Grau: Religionen wollen Sinn stiften, indem sie Wege aus der Realität weisen.

Aber genau das ist die Grundfigur jeden Kitsches: tröstend auf eine ideale Welt zu verweisen, die die Realität überschreitet.

Das Eiapopeia vom Himmel, um Heine zu zitieren, ist immer süßlicher Kitsch und Weltflucht. Allerdings muss man hier gerechterweise sagen: Unter psychotherapeutischer Perspektive kann das hilfreich sein. Lieber mit Eiapopeia glücklich, als am stahlharten Blick in den Abgrund verzweifeln.

Ihrer Meinung nach habe Martin Luther mit der Reformation die christliche Kirche vom Kitsch befreit. Ist die EKD mit einigen Themen wie zum Beispiel Homo-Ehe, Seenotrettung und der Hofierung sogenannter Umwelt-Aktivisten gerade dabei, dem Kitsch wieder Tür und Tor zu öffnen?

Grau: Luther hat die Kirche nicht nur vom Kitsch befreit, sondern einer gewissen Form von Kitsch auch erst den Weg bereitet. Das ist die Tragik des Protestantismus. In seiner großen Zeit stand er für intellektuelle und emotionale Härte. Zugleich gab es über die pietistische Tradition immer einen starken Hang zur süßlichen Innerlichkeit. Dieser Hang zum Emotionalen und Erbaulichen lebt sich nun, unter den Bedingungen der Säkularisierung, auf dem Gebiet der Moral und der Politik aus. Die Entschlossenheit, mit der manche in der Kirche allerdings jede Rationalität aufgeben, verwundert. Man denke nur an das Thema "Seenotrettung".

Buch-Tipp

Politischer Kitsch - eine deutsche Spezialität

Alexander Grau: "Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität"

ISBN 978-3-532-62830-0
Claudius-Verlag München 2019
14 Euro

Alexander Grau: Politischer Kitsch - eine deutsche Spezialität
ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Thomas Zeitler

Sie will, dass die Menschen der nahenden Katastrophe ins Auge sehen: Die neue Umweltbewegung "Extinction Rebellion". Ihr hat sich auch ein Nürnberger Pfarrer angeschlossen. Die Klimaaktivisten der "Rebellion gegen das Aussterben" arbeiten mit drastischen Mitteln. Sie legen sich auf die Straße und stellen sich tot, verwenden bei ihren Aktionen Tierknochen oder Kunstblut, färben Wasser in Brunnen. Gewalt aber lehnen sie ab.

Kommentar

Klimastreik Schüler Hamburg #FridaysForFuture
Autor
Während auf dem afrikanischen Kontinent, wo der Klimawandel am härtesten zuschlägt, Kinder und Jugendliche keine reelle Chance auf Bildung haben, schwänzen in Deutschland Gleichaltrige die Schule bei den "Fridays for Future"-Demos. Sonntagsblatt-Redakteur Timo Lechner warnt vor kurzsichtigen "Wohlfühl-Streiks" und empfiehlt dem Nachwuchs einen nachhaltigeren "Marsch durch die Institutionen".
Sonntagsblatt