Kämpfer für Behindertenrechte
Er spielte in Inszenierungen von George Tabori mit, war promovierter Romanist und Mitglied des Deutschen Ethikrats: Jetzt ist Peter Radtke, der an der Glasknochenkrankheit litt, gestorben. Er wurde 77 Jahre alt.
Eine Kerze zum Gedenken
Eine Kerze zum Gedenken.

Der Schauspieler, Autor und Theaterregisseur Peter Radtke ist tot. Er starb am Wochenende im Alter von 77 Jahren, wie am Montag die von ihm gegründete Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien mitteilte. Radtke litt ein Leben lang an der Glasknochenkrankheit und war ein leidenschaftlicher Kämpfer für Inklusion in Kunst und Gesellschaft.

"Wir verlieren mit Peter Radtke einen Menschen, der sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Gleichberechtigung von Menschen mit und ohne Behinderung eingesetzt hat", sagte VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher. Seine Bekanntheit als Schauspieler und Regisseur habe er genutzt, um für die Rechte von Menschen mit Behinderung einzutreten.

Radtke war seit 1990 Mitglied im Sozialverband und war bei Veranstaltungen des VdK als Redner zu Gast. Zuletzt trat er 2018 bei der Nürnberger Sozialmesse ConSozial auf und rief beim überwiegend jungen Publikum angesichts seiner ungewöhnlichen Biografie große Bewunderung hervor.

Peter Radtke ist tot: 1943 in Freiburg geboren

Radtke kam bereits mit drei Knochenbrüchen auf die Welt und die Ärzte gaben ihm nur wenige Monate Lebenszeit. Als er 1943 in Freiburg geboren wurde, war das für seine Familie eine Herausforderung: Behinderte galten im Nationalsozialismus als "lebensunwert". Viele wurden ermordet. Um ihn möglichst geschützt aufwachsen zu lassen, zog seine Mutter mit ihm nach Regensburg um.

Von 1957 bis 1961 absolvierte Peter Radtke eine Dolmetscherausbildung in Regensburg. Von 1964 bis 1968 besuchte er das Abendgymnasium, machte Abitur und studierte von 1968 bis 1976 Germanistik und Romanistik an den Universitäten Regensburg und Genf, mit einer Promotion als Abschluss.

 

Menschen mit Behinderung seien gar nicht so anders als Nichtbehinderte, sagte Radtke. Als er 1982 das Münchner "Crüppel-Cabaret" mitbegründete, legte er Wert auf das "C" im Namen, denn die "Krüppel-Bewegung", die damals das Selbstbewusstsein von Behinderten stärken wollte, schrieb sich mit "K".

Radtke gab sich selbstbewusst: "Auch die Werte der Nicht-Behinderten müssen auf den Prüfstand." Er wundere sich manchmal, wie oft Politiker von "Inklusion" sprechen, ohne zu wissen, welche Revolution sie eigentlich bedeute. Seine Autobiografie "Ein halbes Leben aus Glas" erschien 1985.

Peter Radtke war Träger mehrerer Bundesverdienstkreuze

Radtke schrieb auch Theaterstücke und Hörspiele und hatte Erfolg als Schauspieler an den Münchner Kammerspielen. Er arbeitete unter anderem mit George Tabori zusammen, hatte Bühnenauftritte in Zürich und Wien sowie eigene Regiearbeiten in Ulm. In der Verfilmung des Romans "Die Rättin" von Günter Grass spielte Radtke den Matzerath.

In Berlin übernahm er die Monolog-Rolle in Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie", ein Stück über die Frage der Menschwerdung und des Menschseins. Er spielte sie 1994 im Affenhaus des Berliner Zoos und unterstrich in seiner Rolle den Grenzgänger zwischen Tier und Mensch. "Was Kafka 1917 als surrealistisch-philosophische Reflexion erdachte, wird bei Radtke das pure Leben!", lobte ein Kritiker.

Radtke war Träger mehrerer Bundesverdienstkreuze und gehörte von 2003 bis 2016 auch dem Deutschen Ethikrat an. Er sprach sich strikt gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID) aus: "Der Mensch wird planbar gemacht, und er wird zum Mittel", sagte Radtke.

Für ihn war die Zulassung keine theoretische Frage: "Hätte es die PID bei meiner Geburt 1943 schon gegeben, gäbe es mich nicht." Sein Körper war von mehr als 100 Knochenbrüchen gezeichnet, die ihn zeitlebens an den Rollstuhl fesselten. Dennoch bereiste er Kontinente wie Afrika, Asien und Amerika, "ohne je meinen Fuß auf deren Boden gesetzt zu haben".

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