21.11.2020
Tod und Trauer

Wie die Corona-Pandemie die Digitalisierung der Trauerkultur beschleunigt

Der coronabedingte "Lockdown light" gilt auch auf dem Friedhof. Gerade im November ist das bitter. In vielen Familien wurde der traditionelle Besuch eines Grabs abgesagt, Gräbersegnungen und Gedenkgottesdienste finden nicht statt. Und doch werden in diesem November wohl mehr Grabkerzen brennen als je zuvor.
Online gedenken

Viele dieser Kerzen werden aber in diesem Jahr nicht mit dem Feuerzeug entzündet, sondern per Mausklick am Computer. Auf dem Online-Friedhof "Soulium" werden zum Beispiel in der Stunde durchschnittlich 75 Kerzen neben den virtuellen Gräbern aktiviert.

1257 Kerzen wurden am Allerheiligen-Sonntag auf dem Online-Erinnerungsportal "Gedenkseiten" entzündet. Nachts um 3.39 Uhr war Beate H. die Letzte, die eine Kerze angezündet hat. Für ihren Vater, Heinz, der am 20. Januar 2019 im Alter von 78 Jahren verstorben ist. "Niemand fragt, ob es recht ist, Abschied zu nehmen. Entschieden hat, was größer ist als wir", hat sie neben die Kerze geschrieben.

Urlaubsbilder und Trauer teilen

Beate H. gehört zu der wachsenden Zahl von Menschen, die das Internet nutzen, um an einen Verstorbenen zu erinnern und den Austausch mit anderen Trauernden zu suchen. Das ist eigentlich nicht überraschend. Wer Beate H. in den sozialen Netzwerken sucht, stößt auch schnell auf Fotos von ihrem letzten Urlaub in Portugal. Und wenn sie ihre Urlaubserinnerungen teilt und Fotos von ihrem Hund in die Welt schickt, warum soll sie dann nicht auch online trauern? Erfahrungen, Emotionen und Überzeugungen in den sozialen Netzen zu kommunizieren wird schließlich für immer mehr Menschen selbstverständlich.

Trauernde erleben das Internet im besten Sinne des Worts als "soziales Netz". Sie richten Erinnerungsseiten ein und es tut ihnen gut, wenn andere User mit Kerzen oder Kondolenzbotschaften darauf reagieren. "Wenn ihr schon eine Gedenkstätte besucht, dann habt doch bitte so viel Taktgefühl und zündet wenigstens eine Kerze an", fordert Karin E. in einem Forenbeitrag auf "Soulium". Sie schimpft über die "neugierigen Leute, die nur gucken wollen".

Digitale Grabpflege als Ersatz für den Friedhofsbesuch

Karin E. tritt in diesem Forum mit Klarnamen auf. Sie erzählt, warum sie täglich den Online-Friedhof besucht: Die Gräber ihrer Familienangehörigen sind in der Rhön und im Sauerland, aber sie lebt inzwischen in Dänemark. Deshalb empfindet sie die digitale Grabpflege als Ersatz für den echten Friedhofsbesuch: "Hier kann ich zu jeder Tag- und Nachtzeit hinkommen, dekorieren, was machen oder ändern, wie ich möchte."

Die Gedenkstätte für ihre Eltern hat sie mit einem Schwarz-Weiß-Foto von der Hochzeit, einem glitzernden Kreuz, zwei Engelchen und zwitschernden Vögeln dekoriert. Neben der Erinnerungsseite brennen an Allerheiligen 19 Kerzen, die von anderen Usern entzündet wurden. Davon sind 15 mit einer Text- oder Fotobotschaft verbunden, manche davon mit sehr persönlichen Worten.

Interesse an digitalen Plattformen steigt

Das Interesse an solchen digitalen Plattformen steigt, obwohl viele dieser Angebote eher kurios erscheinen. So erinnern die Möglichkeiten der Grabgestaltung auf "Soulium" eher an die erste Generation von Computerspielen als an einen echten Friedhof: Animierte Grafiken mit flügelwackelnden Engeln, blinkenden Heiligenscheinen und pulsierenden Herzen stehen zur Verfügung. Menschen, denen Ästhetik wichtig ist, werden sich hier kaum eingeladen fühlen.

Auch seelsorgliche Fragen bleiben offen: Wie geht man mit einer "Valerie" um, die zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens 208 Kerzen für ihre drei Tage davor verstorbene Mutter anzündet? Was für Folgen hat es, wenn auf solchen Seiten überdurchschnittlich viele Menschen, die augenscheinlich an einer posttraumatischen Trauerstörung leiden, aufeinandertreffen? Bräuchte es da nicht eine professionelle Moderation, um zu verhindern, dass diese Trauenden sich in ihrem Schmerz hochschaukeln?

Kommerzialisierung der digitalen Trauer

Bislang sind es vor allem kommerziell motivierte Betreiber, die erfolgreiche Online-Angebote für Trauernde machen. Sie erzielen ihren Gewinn durch Werbeeinnahmen und den Verkauf von "Premiummitgliedschaften". Diese Kommerzialisierung der digitalen Trauer ist ein Problem. Denn eigentlich sind Friedhöfe ja ein wichtiger Teil unserer sozialen Infrastruktur. Hier bekommt der Tod Raum im öffentlichen Bewusstsein. Hier werden Erinnerungen an Verstorbene gepflegt. Durch Grabpflege können Menschen Wertschätzung über das Lebensende hinaus ausdrücken.

Auch wenn die Corona-bedingten Einschränkungen einmal vorbei sind, wird sich die Trauer- und Erinnerungskultur immer stärker auf digitale Plattformen verlagern. Die evangelische Kirche in Bayern arbeitet deshalb gerade mit Hochdruck an einem entsprechenden interaktiven Angebot.

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