29.12.2012
Fortbildung

Anleiter in christlicher Meditation: Bundesweit einmalige Fortbildung in Bayern

Körperübungen, Atemtechniken und meditativer Tanz - im Geistlichen Zentrum Schwanberg können sich Interessierte in christlicher Meditation ausbilden lassen. Sie unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der weltlichen Einkehr.

Eine Gruppe Frauen und Männer tanzt, sich an den Händen haltend, zu leiser Musik im Kreis. »Rück und rück, wieg vor, zurück und vor und vor, zur Seite ran«, gibt die Kursleiterin die Schritte vor. Anders als bei einem Volkstanzseminar ist die tonangebende Frau Schwester Friederike Immanuela Popp, Priorin der Communität Casteller Ring. Der auf dem Schwanberg bei Iphofen beheimatete Frauenorden ist der einzige evangelische weltweit, der nach den Regeln des heiligen Benedikts lebt.

Deshalb hat der Kurs an einem Samstagnachmittag im Kreis Kitzingen auch einen speziellen Hintergrund. Dort werden Anleiter in christlicher Meditation ausgebildet, auf dem Stundenplan steht meditativer Tanz. »Nehmt euch Zeit«, rät Popp während der Übung zum Tanz »Zeitlose Freude«. Aus dem CD-Player erklingt leise Bachs Weihnachtsoratorium, und die durch die Kapellenfenster strahlende Wintersonne taucht den Raum in warmes Licht.

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Spiritualität und Mystik

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Im Kreis steht auch das Pfarrersehepaar Thea und Harald Vogt, die zusammen den Kurs im Geistlichen Zentrum Schwanberg leiten. Beide wurden in Freiburg ausgebildet. »Der wesentliche Unterschied ist, dass wir stark mit dem Wort Gottes und der Bibel meditieren«, vergleichen sie die christliche mit weltlichen Formen. Anliegen sei gewesen, jedem die Meditation zugänglich zu machen. Und zwar kostenlos. Dies ist nämlich eine der Voraussetzungen für die Zulassung zu der seit 2008 laufenden Fortbildung: die Anleiter sollten ihr Wissen nach Abschluss unentgeltlich in einer kirchlichen Gemeinde vermitteln. »Das ist die Demokratisierung der Meditation«, betont die Schwanbergpfarrerin.

»Es wäre gut, auch in den Regelgottesdienst Elemente der Meditation mit aufzunehmen«

Die Ausbildung dauert rund ein Jahr, ist aufgeteilt in sieben Einheiten. Den Abschluss bildet ein Prüfungswochenende. »Die meisten sind schon hauptamtlich tätig«, sagt sie über die 22 Teilnehmer des Kurses. Wie etwa der Berliner Pfarrer Björn Sellin-Reschke. Er leitet seit 2006 in der Evangeliumsgemeinde eine kleine Meditationsgruppe, »und ich hatte immer das Bedürfnis, mich fortzubilden«. Er lobt die Vielzahl der Körper- und Atemübungen, die er schon gelernt habe und die auch sein eigenes Meditieren verändert hätten. Der 39-Jährige unterstreicht, wie wichtig solche Angebote für Kirchenferne sind: »Die Meditation hat den Vorteil, dass sie sehr voraussetzungsfrei zum Wort Gottes führt.«

Ähnlich sieht das seine Kollegin Iris Geyer, Pfarrerin der evangelischen Auferstehungskirche in München. »Ich mache die Erfahrung, dass viele Menschen stärker auf der Suche nach Spiritualität sind«, sagt sie. Bisher habe sie noch keine Meditationsgruppe, plane aber in der Karwoche einen Exerzitientag. Sie möchte ihre Ausbildung in den liturgischen Alltag einfließen lassen. »Es wäre gut, auch in den Regelgottesdienst Elemente der Meditation mit aufzunehmen«, erläutert Geyer und nennt als Beispiel die längere Stille etwa bei den Fürbitten.

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Eine Idee, die auch Thea Vogt gefällt: »Einen Raum der Stille und des inneren Hörens haben wir eigentlich in unseren Gemeinden nicht mehr. Wir wollen Menschen wieder befähigen, genau das anzubieten.« Ihr Mann Harald ergänzt, dass Meditation bei den Mystikerinnen des Mittelalters und etwa dem heiligen Benedikt selbstverständlich gewesen seien. »Im 20. Jahrhundert haben wir diese Spur aber fast verloren«, beklagt er. Sie wieder aufzunehmen, dazu möchte das Paar beitragen. Seit 2008 haben sie 100 Anleiter ausgebildet, mehrheitlich Frauen. »Männer müssen einen weiteren Weg zurücklegen. Aber wenn sie ihn gefunden haben, sind sie sehr intensiv dabei«, erläutert sie.

»Wir haben doppelt so viele Bewerber wie Plätze«

Evangelisch zu sein, ist bei den Kursen übrigens keine Voraussetzung. Die Vogts bilden ökumenisch aus - und auch Interessierte, die in keiner Kirche Mitglied sind, sich aber in einer Gemeinde engagieren. Angelika Braun aus Tutzing zum Beispiel. Sie organisiert Meditationsabende, praktizierte aber bisher ZEN. »Die Fortbildung führt mich nicht näher zur Kirche, aber zum Christentum«, fasst sie ihre Eindrücke zusammen. Wobei der Tagesablauf schon sehr viele Ordenselemente enthalte. So steht um 6.30 Uhr das freiwillige Morgengebet mit den Schwestern in der Kapelle auf dem Plan, Frühstück und Mittagessen werden jeweils schweigend eingenommen. Für Braun ist der klösterliche Akzent kein Problem, sie lobt den »offenen christlichen Geist« am Schwanberg.

Das Interesse an der laut Vogt - mit diesem Konzept - bundesweit einmaligen Fortbildung ist gewaltig. »Wir haben doppelt so viele Bewerber wie Plätze«, sagt sie. Und erzählt stolz von einer teilnehmenden Yogalehrerin, die schon seit 30 Jahren praktizierte. »Hinterher sagte sie, dass sie erst seit der Fortbildung bei uns wisse, was Meditation ist«.

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