4.11.2020
Theater

"Theater zum Einsteigen" tourt mit coronagerechtem Stück durch Deutschlands Kirchengemeinden

Nachdenkliche Theaterstücke, die Christen bewusst nicht als "Bessermenschen" darstellen - das kennzeichnet die Werke von Ewald Landgraf. In seinem neuesten Stück zeigt er, dass Glaubenszweifel zu einem gesunden Glauben dazugehören.
Theater zum Einsteigen

Mysteriöse Dinge geschehen im Leben von Pastor Sieder. Seine Tochter verschwindet spurlos und er befindet sich in einem Haus, dessen Gangtüren abgesperrt sind. Es ist eine beklemmende Atmosphäre, in die die Zuschauer des Stückes "Im Nebel so nah" von Ewald Landgraf hineingenommen werden.

"Wer an Gott glaubt, erlebt keine Tiefschläge", ist die Hauptfigur überzeugt - bis der Theologe begreifen muss, dass der Glaube nicht vor Katastrophen schützt - aber durch solche hindurchtragen kann.

"Theater zum Einsteigen"

Seit September tritt das "Theater zum Einsteigen" (TZE) mit diesem neuen Stück aus der Feder von Landgraf an verschiedenen Orten in Deutschland auf - und macht immer wieder auch in Bayern und Baden-Württemberg Halt, im Februar 2021 beispielsweise in der Region Heidenheim.

Wegen des November-Lockdowns wurde die geplante Tournee in Südhessen auf den kommenden Frühsommer verschoben.

Kirchen in Theaterbühnen verwandeln

Das "Theater zum Einsteigen" (TZE) ist ein Projekt des Theatervereins "Die Aussteiger". Landgraf, der aus Eckental (Landkreis Erlangen-Höchstadt) kommt, tourt mit selbst geschriebenen Stücken durch die Republik, oft steht er auch selbst auf der Bühne. Mit Technik, Musik und Beleuchtung verwandelt er Gemeindehäuser und Kirchen in professionelle Theaterbühnen.

Je nach Region wechselt die Besetzung der Schauspieler: Verschiedene Teams aus Landes- oder Freikirchen üben die Rollen ein, werden von Landgraf geschult und machen anschließend eine Theatertournee in den Kirchengemeinden ihrer Umgebung - ein Konzept, das in dieser Form wohl deutschlandweit einmalig ist.

Abendauftritte

Viele der Schauspielerinnen und Schauspieler sind schon seit Jahren dabei und immer wieder bereit, für eine Woche in ihrer Umgebung bei einer Tournee mitzuwirken. Da die Auftritte immer abends stattfinden, lassen sie sich gut mit einer Berufstätigkeit vereinbaren - "vorausgesetzt, man kommt in der Tourneewoche mit wenig Schlaf aus", sagt der 52-Jährige.

Das Theaterstück wurde extra für Corona-Zeiten geschrieben - weil die Hauptfigur ein psychisches Problem hat und keine Nähe ertragen kann, wird auch immer der gebotene Mindestabstand auf der Bühne eingehalten.

Seit 15 Jahren lebt der gelernte Bankkaufmann von den Spenden aus dieser Arbeit und hat bereits acht TZE-Stücke geschrieben. Bis auf seine erste Aufführung "Der Besuch" von Adrian Plass, in dem der Gedanke durchgespielt wird, wie es wäre, wenn Jesus heute auf die Welt käme, stammen alle aus der Feder Landgrafs.

Im Lockdown im Frühjahr hat der Theater-Quereinsteiger ein neues Experiment gewagt: Mit seiner Familie hat er von zu Hause aus sein beliebtestes Stück, "Des Himmels General", als Hörspiel aufgenommen.

Zielgruppe der Stücke

Die Theaterstücke mit Tiefgang wenden sich an Kirchgänger, aber auch säkulare Menschen, so Landgraf. Allen Stücken ist gemein, dass sie auf der Bühne auch die Schwächen der Christen zeigen, was zur Diskussion einladen soll.

"Christen sind auch keine Bessermenschen", ist Landgraf überzeugt. Am Ende des Stückes, das wie ein Mystery-Thriller begonnen hat, löst sich auch bei den Zuschauern der Nebel: Plötzlich ist klar, wo sich die Hauptfigur aufhält, und dass nicht die anderen Menschen um ihn herum, sondern der Pastor selbst das Problem ist.

"Gott ist umfassender als dein Bild von ihm", sagt ein Freund des Pastors zur Hauptfigur. "Lass zu, dass dein Leben nicht gerade verläuft." Das ist auch die Botschaft, die Autor Landgraf mit dem Stück vermitteln will:

"Ich möchte Menschen dazu einladen, ihr Gottesbild zu hinterfragen und es zu weiten."

Ein einengender Glaube, so wisse er aus eigener Erfahrung, sei ungesund.

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Hermine Seelmann arbeitet als Quartiersmanagerin im Würzburger Stadtteil Heuchelhof. Hier haben zwei Drittel der Menschen einen Migrationshintergrund. Deshalb kooperiert sie intensiv mit Freiwilligen, die nicht aus Deutschland stammen.