Flucht
Es waren schreckliche Bilder aus dem Flüchtlingslager Moria. Das riesige, überfüllte Lager auf der Insel Lesbos brannte im September lichterloh. In Mittelfranken leben mittlerweile 19 als schutzbedürftig anerkannte Flüchtlinge aus diesem Lager.
Kinderhände

"Wir haben Platz!" riefen die Menschen bei einer Kundgebung auf dem Erlanger Schlossplatz im September vergangenen Jahres. Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) sagte ins Mikrofon: "Wir können, wir wollen und wir stehen bereit".

Flüchtlingslager Moria brannte im September 2020 nieder

Im September 2020 brannte das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos. Moria war zuvor zum Symbol des Stillstands in der europäischen Flüchtlingspolitik geworden. Im Camp, das für 3.000 Personen angelegt war, waren bis zu 20.000 Menschen untergekommen. Nach dem Brand waren es fast 13.000 Menschen. Ein halbes Jahr später, im März 2021, kam die erste Familie aus Moria nach Erlangen.

Im Rahmen des humanitären Aufnahmeprogramms des Bunds seien insgesamt bisher 1.526 Personen nach Deutschland eingereist. Der Freistaat Bayern habe 100 als schutzbedürftig anerkannte Menschen aus griechischen Flüchtlingslagern aufgenommen, teilt das Innenministerium mit.

Verteilung der Geflüchteten in Bayern

15 Kommunen und Organisationen gewährten ihnen Obhut. Die meisten kamen nach Regensburg (22), der Landeshauptstadt München wurden 19 Flüchtlinge zugeteilt, Erlangen neun, sechs kamen nach Fürth und vier nach Rummelsberg (Landkreis Nürnberger Land). Alle hätten eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

"Wo die Familien unterkamen, hat der Freistaat geregelt" , erklärt Armil Sharifov. Er koordiniert die Flüchtlings- und Migrationsarbeit von Erlangen. Die Flüchtlingsfamilien seien zunächst in das sogenanntes Grenzdurchgangslager in Friedland gebracht worden.

"Dann gibt es pandemie-bedingt Quarantänemaßnahmen und die Familien werden immer wieder getestet". Den Empfang in Erlangen hat er mit Kolleginnen und Kollegen zusammen geplant, erklärt Sharifov.

Betreuer und ehrenamtliche Helfer unterstützen Familien bei der Eingewöhnung

Erstmal ist das Wichtigste: Vertrauen aufbauen. "Wir wollen 'Hallo' sagen und ihnen einfach das Gefühl geben: Sie sind willkommen und wir machen alles, damit sie hier gut ankommen", erklärt Betreuerin Natalia Ackermann.

Damit sich die Familie, die ihr ursprüngliches Heimatland nicht nennen möchte, eingewöhnen kann, will sie diese erstmal von Interviews verschonen. Ackermann hilft ihnen bei Anträgen zum Beispiel zur Krankenversicherung oder für ein eigenes Bankkonto. Gemeinsam mit vier ehrenamtlichen Helfern unterstützt sie aber auch bei Dingen, die für uns selbstverständlich sind.

Corona-Bedingungen erschweren die Integration

"Die Familie hat erstmal nichts. Die kommen in die Wohnung, in der wirklich die nötigsten Möbelstücke stehen. Die Familie muss sich erstmal umschauen, verstehen, was sie noch brauchen", erklärt Ackermann. Beispiel: Internetzugang. Die drei Kinder der Familie hätten ohne Internet keine Chance auf Unterricht während der Pandemie gehabt.

Die "Schule" der letzten Monate hat die Integration nicht einfacher gemacht. Die Betreuerin machte sich Sorgen um die kleinste Tochter. "Sie ist fast sieben und war aber noch nie in der Schule und muss jetzt zur Mitte des Jahres in die Schule gehen".

In der Pandemie sieht sie die Gesichter der Lehrerin oder der Mitschüler nur hinter einer Maske. "Wir haben uns alle bemüht, dass sie mindestens zum ersten Tag in der Schule aus unseren ehemaligen Spenden einen Schulranzen bekommt, damit dieser Tag ein bisschen schöner für sie wird".

Ackermann: Erlangen ist offen und interkulturell

Es geht um mehr als die Unterstützung bei Anträgen. Und das merken auch die Geflüchteten. Anfangs sei die Familie noch zurückhaltend gewesen, heute ist das anders, erklärt Ackermann. Sie besuchen nicht nur die Sprachkurse oder die Arbeit, sondern haben nun auch schon Hobbys. Die Flüchtlingsfamilie hat sich in Sportvereinen angemeldet, die Kinder gehen in Musikvereine.

Im Mai nahm Erlangen noch eine weitere Familie aus Moria auf. "Erlangen ist Multikulti-Stadt. Wir haben mehr als 180 Nationalitäten in der Stadt", ist Ackermann stolz auf ihre Kommune. "Man kann sagen, diese Stadt ist sehr offen und interkulturell".

Weitere Artikel zum Thema:

Religionen

Was bedeutet jungen Geflüchteten ihre Religion? Welche Bedeutung kommt ihr bei der Integration in eine fremde, christlich geprägte Gesellschaft zu? Manfred Pirner, Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Universität Erlangen-Nürnberg, im Interview.

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*