9.05.2018
Digitalisierung und Ethik

Peter Dabrock: Künstliche Intelligenz gefährdet Menschenwürde

Für mehr Bildung als Strategie gegen die negativen Folgen der Digitalisierung hat sich Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, ausgesprochen. Wie wir die Menschenwürde im digitalen Zeitalter gefährden - und was wir dagegen unternehmen können.

Der Einsatz von Big Data kann die Menschenwürde gefährden: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht schleichend den Respekt und die Achtung des Einzelnen unterlaufen, in dem wir uns einlullen lassen von den Maschinen", erklärt der Theologe Peter Dabrock im Videointerview. Der Einzelne könne derzeit wenig unternehmen gegen die Plattformen. Die Gesellschaft müsse sich daher mehr für den Schutz des Einzelnen einsetzen.

"Man braucht dazu die Bibel, Faust, Mathematik und zwei Fremdsprachen", sagte der Theologieprofessor beim Jahresempfang des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks in München im Alten Rathaussaal. Programmierkunst zu lernen reiche alleine nicht aus, um mit den Herausforderungen von Big Data umzugehen. "Die Menschen müssen wieder den Wert des menschlichen Zusammenlebens wahrnehmen", sagte Dabrock. Und eine Kontrollhoheit über seine Daten in Echtzeit bekommen: "Wir müssen umswitchen von einer inputorientierten Datenschutzorientierung zu einer Datensouveränität".

Big Data erreiche schon jetzt eine unheimliche Eingriffstiefe ins Leben der Menschen. Programme zur umfassenden Mustererkennung zwängen die Nutzer in immer engere Korsette. Es sei fraglich, ob Menschen unter diesen Bedingungen in Zukunft noch frei und selbstbestimmt handeln könnten.

Es seien der Staat und die Wirtschaft gefragt. Die datensouveränität der Kunden sei besser, als den Kunden als "Datenmelk-Kuh" zu benutzen, sagte Dabrock. Kirchen und Theologen böten eine gute Plattform, die trotzdem eine Sensibilität für globale Fragestellungen hätten und dies mit lokaler Verantwortung kombinieren könnten. In den öffentlichen Debatten müssten sie sich insbesondere für schwache Menschen einsetzen. 

Der Rat, im Netz sparsam mit persönlichen Daten umzugehen, sei "ein Rat von vorvorgestern". Auch die Empfehlung, das Smartphone häufiger abzuschalten helfe nicht: "Wir können nicht mehr unterscheiden zwischen online und offline - wir leben in einer onlife-Welt", sagte Dabrock. Nötig seien deshalb gesetzliche Regelungen, um den Bürgern durch Schnittstellen und Datentreuhänder die Souveränität über ihre Daten zurückzugeben.

Die Kirchen wiederum müssten sich als "Stakeholder des gesellschaftlichen Dialogs" begreifen, die eine Plattform für lokales, am Gemeinwohl orientiertes Engagement bieten. Google, Amazon, Facebook und Apple seien deshalb so mächtig, weil sie die menschlichen Grundbedürfnisse nach göttlicher Allwissenheit, Konsum, Emotion und Attraktivitätsbestätigung erfüllten. Kirchen könnten dem entgegensetzen, dass sie "das Individuum achten, Freiheit stärken, Pluralität würdigen und Solidarität gestalten", sagte der Ethikratsvorsitzende.

Dabrock leitet den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Erlangen. Der Professor gehört zu einem Gesprächskreis über Digitale Verantwortung, der von Facebook angestoßen wurde. Wie Dabrock gegenüber Sonntagsblatt erklärte, lehne er jedoch ein Honorar ab und behalte sich vor, aus dem Gremium auch wieder auszusteigen, wenn er das Gefühl habe, von dem Konzern vereinnahmt zu werden.

Facebook selbst ist in dem Gremium unter anderem durch Deutschland-Chef Martin Ott sowie Facebook-Vizepräsident Elliot Schrage vertreten. Weitere Mitglieder neben Dabrock und Hegelich sind laut Facebook die Informatikerin Katharina Zweig von der Technischen Universität Kaiserslautern und Wolfgang Gründinger vom Bundesverband Digitale Wirtschaft.

Dezidiert hatte sich Dabrock früher auch schon zum Thema Organspende geäußert. Dabrock plädiert für mehr Aufklärung in Sachen Organspende: "Mit einer ehrlichen Kommunikation lässt sich die Organspendebereitschaft sicher erhöhen", sagte Dabrock in einem Sonntagsblatt-Artikel.

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