Starke Frauen
Die Juristin und Sozialdemokratin Elisabeth Selbert gilt als eine der "Mütter des Grundgesetzes". Besonders gekämpft hat sie für Artikel 3, Absatz 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Widerstand war groß.
Elisabeth Selbert
Elisabeth Selbert.

"Dass sie wichtige Aufgaben zu erledigen hatte, wurde mir als kleinem Jungen nur am Rande bewusst", erinnert sich Axel Selbert an seine Großmutter, die Juristin und SPD-Politikerin Elisabeth Selbert (1896-1986). Für den heute 69-Jährigen war sie die Großmutter, die mit ihm Federball spielte und sechs Hühner fütterte, für die er Birnen vom Baum holte und die ihm erlaubte, nach einem documenta-Besuch großformatige "Kunstwerke" im Garten zu installieren. Um ihr großes Verdienst wusste er damals noch nicht: die formale Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Die Kasseler Juristin hatte dafür gekämpft, dass der schlichte und folgenreiche Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" 1949 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert wurde. Sie war 1948 eine der "Mütter des Grundgesetzes": eine von vier Frauen, die in den Parlamentarischen Rat nach Bonn eingeladen waren, um den rechtlichen Grundstein der neuen Bundesrepublik zu legen - neben 61 Männern. Vor 125 Jahren, am 22. September 1896, wurde sie in Kassel geboren, sie starb am 9. Juni 1986.

Ihr Haus war ein Treffpunkt, wie Axel Selbert beschreibt. Es sei ein bescheidenes Heim gewesen, sagt Enkelin Susanne Selbert (61): "Meine Großmutter hat Statussymbolen ohnehin keinen Wert beigemessen."

Elisabeth Selbert: Rede zur Gleichstellung

Unprätentiös war sie auch in der Stunde ihres größten politischen Erfolges: als der Gleichstellungsparagraph am 18. Januar 1948 einstimmig gebilligt wurde. Im Deutschen Rundfunkarchiv ist ihre Rede verwahrt. Darin nennt sie ihren Sieg "eine Sternstunde" und sagt gleichzeitig: "Ich bin Jurist und unpathetisch, und ich bin Frau und Mutter und zu frauenrechtlerischen Dingen gar nicht geeignet."

Der Widerstand gegen die formale Gleichstellung der Geschlechter war groß gewesen: "In meinen kühnsten Träumen hatte ich das nicht erwartet." Sozialdemokratin Frieda Nadig unterstützte sogleich Selberts Forderung, während die Vertreter und Vertreterinnen der anderen Parteien, auch Helene Wessel (Zentrum) und Helene Weber (CDU), sich erst einmal dagegen aussprachen.

Historikerin Kerstin Wolff vom Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel, das Selberts Nachlass verwaltet, wundert das nicht: "Die uneingeschränkte Gleichberechtigung war eine sozialdemokratische Forderung." Es sei also kein Kampf der Frauen gegen die Männer gewesen.

Der Hauptausschuss des Parlamentarischen Rats lehnte die Forderung also zunächst ab. Selbert mobilisierte daraufhin Frauen, reiste durchs Land und warb öffentlich für "ihren Artikel". Den Rat sollen daraufhin Waschkörbe mit Briefen erreicht haben. Für Wolff ein schönes, aber falsches Bild: Nur an die 50 Schreiben hätten ermittelt werden können. "Es spricht viel für das politische Geschick und die gelungene Rhetorik Selberts, dass sie es trotz der ungünstigen Ausgangslage geschafft, hat die SPD-Forderung nach Gleichberechtigung durchzusetzen."

Die Juristin wusste, dass damit nur eine Basis geschaffen war: Sie legte außerdem Artikel 117 vor, der den Staat verpflichtete, bis März 1953 alle Gesetze an die neue Rechtslage anzupassen. Erst 1958 trat das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft. Tatsächliche Gleichheit war damit aber noch lange nicht erreicht. Bis 1977 zum Beispiel dufte eine Frau nicht gegen den Willen ihres Ehemanns arbeiten gehen, bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat.

Selbert: Tochter eines Justizwachtmeisters

Selberts Beharrlichkeit gründet auf ihrer Biografie: Die Tochter eines Justizwachtmeisters hatte selbst soziale Benachteiligung erlebt, höhere Schulbildung war ihr zunächst verwehrt. Als Postbeamtenanwärterin lernte sie 1918 ihren Mann kennen, den SPD-Kommunalpolitiker Adam Selbert.

Sie trat in die SPD ein, organisierte als Mutter von zwei Söhnen den Haushalt, arbeitete im Telegrafenamt und holte mit 29 das Abitur nach. So konnte sie Jura in Marburg und Göttingen studieren und promovieren. Die Anwaltszulassung erhielt sie noch rechtzeitig, bevor die Nationalsozialisten Frauen solche Berufe verboten, und brachte damit die Familie im Krieg über die Runden.

Die Entbehrungen waren Ansporn, ab 1946 politisch aktiv zu sein: als hessische Landtagsabgeordnete, im Bundesvorstand der Partei und eben im Parlamentarischen Rat. Weil ihr aber die Unterstützung in der Partei für ein Bundestagsmandat und höhere Richterämter fehlte, zog sich Selbert 1958 in ihre Rechtsanwaltskanzlei in Kassel zurück, wo sie noch mit 85 am Schreibtisch saß.

Historikerin Wolff sagt, dass man in ihr später nur die Frauenpolitikerin gesehen habe: "Das hat ihr geschadet." Enkelin Susanne Selbert hingegen glaubt, dass sie damit nicht gehadert habe: "Sie hat immer für Inhalte gekämpft, nicht für sich selbst."

Mit ihrem Demokratieverständnis und der Akzeptanz anderer politischer Ansichten sei die Großmutter für sie ein Vorbild. Beim Sonntagskaffee sei in der Familie eingehend über Politik diskutiert worden. Auch wenn die Auffassungen ihrer sechs Enkelkinder abseits der eigenen Linie gelegen hätten: "Sie ist damit nicht ins Gericht gegangen", sagt Axel Selbert.

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