14.09.2019
Digitalisierung

"Digital-Kompass vor Ort": Wo Senioren in Bayern Hilfe mit Internet und Smartphone finden

Digitalfotos, Online-Banking, Fahrkartenkauf im Netz oder Chats mit den Enkeln: Das Leben spielt sich zunehmend im Digitalen ab – ein Problem für viele ältere Menschen, die keine Erfahrungen mit Laptops, Tablets und Smartphones haben oder sich im Internet unsicher fühlen. Mit dem Projekt "Digital-Kompass vor Ort" soll sich das ändern.
Seniorin am Smartphone

Hildegard Krauss kramt ihr Smartphone aus der Handtasche. Das nigelnagelneue Gerät glänzt in ihrer Hand. Auf einem Notizzettel hat die 83-Jährige notiert, was sie in der Digital-Sprechstunde der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) des Deutschen Evangelischen Frauenbundes in München lernen möchte: "Telefonieren und fotografieren", liest die Frau aus München vor. 

Seit April können Seniorinnen und Senioren mit ihren Laptops, Tablets und Smartphones einmal im Monat in die Räume der EAM am Kufsteiner Platz kommen und an kostenlosen Einzelberatungen zu ihren Internet-Problemen teilnehmen. Vorsitzende Sabine Jörk und ihr Team beantworten Fragen etwa zu Passwörtern, WhatsApp und Dateienverwaltung – und nehmen Ängste vor den neuen Technologien. "Wir bringen ihnen das ganz langsam, Stück für Stück bei", sagt die Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin.

"Digital-Kompass vor Ort": Bundesweit 75 Anlaufstellen geplant

Das Angebot ist Teil der deutschlandweiten und vom Bundesverbraucherministerium geförderten Initiative "Digital-Kompass vor Ort", mit der die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) und der Verein "Deutschland sicher im Netz" ältere Menschen ins Netz begleiten wollen. An mehr als 25 Standorten können Seniorinnen und Senioren bereits Hilfe in digitalen Themen bekommen, bis 2021 sollen es bundesweit 75 werden.     

In Bayern gibt es derzeit sieben Anlaufstellen - unter anderem in Würzburg, Bad Rodach, Ingolstadt, Memmingen und München, wo Hildegard Krauss auf Hilfe wartet. Bisher hatte sie ein einfaches Tastenhandy für Notfälle, erklärt die Rentnerin. Aber sie wolle mit der Zeit gehen und sei neugierig auf dieses Gerät, das ihre Mitmenschen in allen Lebenslagen benutzten. Ein Neuling in Sachen Internet sei sie aber nicht: "Ich bin jeden Morgen eine gute Stunde mit meinem Laptop im Internet unterwegs", betont Krauss – Mails checken, Informationen recherchieren.

Was das Projekt "Digital-Kompass" erreichen soll

Der bundesweiten Projektkoordinatorin Katharina Braun zufolge zählt Krauss damit zu den aktuell nur rund 65 Prozent der über 65-Jährigen, die regelmäßig online sind. In allen jüngeren Altersklassen seien es dagegen mehr als 90 Prozent, betont Braun von der BAGSO. Dabei würden digitale Kenntnisse immer wichtiger, um sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen zu können. So bieten viele Geldinstitute etwa nur noch Online-Banking an und Ämter vergeben zunehmend Termine online.

"Wir möchten ältere Menschen unterstützen, in digitalen Angelegenheiten sicherer und souveräner zu werden und das Internet für ihre Wünsche zu nutzen", sagt Braun. Der "Digital-Kompass vor Ort" beschränkt sich deshalb nicht nur auf die persönlichen Digital-Sprechstunden. Themen, die viele Seniorinnen und Senioren angehen, werden in Workshops und bei digitalen Stammtischen mit Experten behandelt, die per Video zugeschaltet sind.

EAM bietet Einsteigerkurse für Smartphone- und Tabletnutzung

In München bietet die EAM jedes Semester Kurse an, in denen es um erste Schritte mit dem Smartphone oder Tablet geht, erläutert Jörk. Außerdem gibt es spezielle Veranstaltungen zu Gesundheitsinformationen oder Reiseplanung im Internet, Datenschutz, den sozialen Netzwerken oder Sprachassistenten wie Alexa und Siri. Ab Herbst würden zudem sogenannte Internetlotsen ausgebildet, ein weiterer wichtiger Pfeiler des Digital-Kompasses. Die ehrenamtlichen Helfer sollen in Vereinen, Clubs und Organisationen für ältere Menschen als Ansprechpartner fungieren und Schulungen anbieten.  

Hildegard Krauss hat sich schon ein paar Mal alleine durch die Anwendungen ihres neuen Mobiltelefons geklickt. Durch Internet-Recherchen auf ihrem Laptop habe sie viele Probleme selber lösen können, sagt die Seniorin. "Aber ich bin noch ganz am Anfang." Von der Digital-Sprechstunde bei der EAM erhofft sie sich nun Antworten – worauf sie beim Telefonieren achten muss und wie sie die Kamera richtig bedient. Eine Sache könne Lehrerin Jörk in ihren Erklärungen aber aussparen, sagt Krauss: "Selfies. Die finde ich albern."

"Digital-Kompass vor Ort" in München

Was sind die nächsten Termine?
  • Die nächsten Digital-Sprechstunden der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) finden am 23. September, 14. Oktober und 4. November jeweils von 14 bis 16 Uhr in München (Kufsteiner Platz 1) statt. Anmeldung unter 089/98105788.
     
  • Über die Potenziale und Risiken von Sprachassistenten, Smart TVs und anderen digitalen Geräten informiert die EAM am 5. November von 15 bis 17 Uhr in einem Vortrag mit dem Titel "Medienrevolution im Wohnzimmer – ich komme da nicht mehr mit." Anmeldung nicht erforderlich.
     
  • Weitere Veranstaltungen unter www.def-bayern.de und www.digital-kompass.de.

"Digital-Kompass" bietet online kostenloses Lehrmaterial

Die Initiative "Digital-Kompass" bietet im Internet umfangreiches und kostenloses Lehrmaterial für die Medienarbeit mit Seniorinnen und Senioren. Broschüren, Flyer, Präsentationen und Übungsblätter zu Themen wie Sicherheit und Recht, Einkaufen und Finanzen, Gesundheit sowie Mobilität im Netz finden Sie in der Material-Fundgrube von digital-kompass.de.

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