Luiz Inácio Lula da Silva hat es erneut geschafft: Bei der Stichwahl am 25. Oktober setzte sich Brasiliens amtierender Präsident mit 51,79 Prozent der gültigen Stimmen gegen Flávio Bolsonaro, den Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, durch. Der Herausforderer erreichte 48,21 Prozent. Damit bleibt Lula an der Spitze eines politisch tief gespaltenen Landes.
Seinem Sieg kommt eine besondere Bedeutung zu: Lula steht für Sozialprogramme und den Kampf gegen Armut. Sein Herausforderer repräsentiert eine politische Rechte, die nationalistische Positionen mit gesellschaftspolitischem Konservatismus verbindet und religiöse Botschaften gezielt einsetzt. Jair Bolsonaro wurde wegen seiner Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich verurteilt. Sein Sohn führte den politischen Kampf der Familie weiter.
Dass sich Lula erneut durchgesetzt hat, bedeutet allerdings nicht, dass die politische Rechte in Brasilien an Bedeutung verloren hat. Fast die Hälfte der gültigen Stimmen entfiel auf seinen Herausforderer. Die Wahl zeigt, wie umkämpft die politische Zukunft des Landes bleibt. Dieser Konflikt wird nicht nur über Wirtschafts- und Sozialpolitik, sondern auch über Vorstellungen von Familie, Moral und Religion ausgetragen.
Vom katholischen Milieu zur Arbeiter:innenbewegung
Die politische Biografie von Lula ist eng mit der katholischen Kirche verbunden. Er wuchs in armen Verhältnissen auf und fand über die Industriearbeit und die Gewerkschaftsbewegung seinen Weg in die Politik. In diesem Umfeld begegnete er auch dem sozialen Engagement katholischer Gemeinden. Diese boten nämlich vielerorts nicht nur religiöse Gemeinschaft und Unterstützung. Sie wurden auch zu Orten, an denen Armut, soziale Ungerechtigkeit und politische Beteiligung diskutiert wurden.
Besonders während der Militärdiktatur und im Widerstand gegen diese entwickelten kirchliche Basisgemeinden und Teile der katholischen Kirche eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Sie verbanden religiöse Praxis mit Fragen nach Armut, Ausbeutung und politischer Beteiligung.
Die Befreiungstheologie gab solchen Ansätzen einen theologischen Rahmen. Demnach sollte sich christlicher Glaube nicht auf das persönliche Seelenheil beschränken, sondern auch die Lebensbedingungen benachteiligter Menschen in den Blick nehmen. Lulas politischer Aufstieg ist Teil dieser Geschichte.
Evangelikale verändern die religiöse Landschaft
Während Lulas politische Identität stark von der katholischen Sozialtradition geprägt ist, hat sich Brasilien religiös erheblich verändert. Das Land gilt zwar weiterhin als eines der Zentren des weltweiten Katholizismus. Zugleich erleben evangelikale Kirchen, insbesondere Pfingstkirchen und charismatische Gemeinschaften, ein Wachstum. Ihr Einfluss reicht dabei längst über die Gottesdienste hinaus bis in die Parlamente und den Wahlkampf.
Pfingstkirchen sprechen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus an. Gerade für Menschen in wirtschaftlich schwierigen Lebenslagen können sie Gemeinschaft, praktische Unterstützung und religiöse Orientierung bieten. In manchen Gemeinden spielt zudem die sogenannte Wohlstandstheologie eine Rolle, die den Glauben an Gottes Wirken mit der Hoffnung auf persönlichen und finanziellen Erfolg verbindet.
Viele dieser Kirchen vertreten konservative Positionen zu Familie, Sexualität und Abtreibung. Politisch stehen Teile der evangelikalen Bewegung der Bolsonaro-Familie nahe. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Evangelikalen dieselben politischen Überzeugungen teilen. Auch in Brasilien gibt es evangelikale Christ:innen, die sich für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte einsetzen.
Warum Lula um evangelikale Stimmen warb
Lula konnte es sich deshalb nicht leisten, die evangelikalen Gemeinden als geschlossenes Lager der politischen Konkurrenz zu behandeln. Er suchte gezielt den Austausch mit Gläubigen und religiösen Führungspersönlichkeiten. In seiner Kampagne setzt er auf soziale Themen und eine Sprache, die christliche Werte wie Fürsorge, Hoffnung und Verantwortung betont.
Auch seine Frau Rosângela "Janja" da Silva engagiert sich im Kontakt mit evangelikalen Frauen. Im Wahlkampf trat sie gemeinsam mit einem bekannten Gospel-Sänger auf. Daneben entstanden Unterstützungsgruppen wie "Evangelikale mit Lula", die über soziale Medien, Veranstaltungen und offene Briefe mit Gläubigen ins Gespräch kommen.
Lula versucht damit, religiöse Zugehörigkeit nicht allein der politischen Rechten zu überlassen. Seine Botschaft lautet, dass soziale Gerechtigkeit und die Unterstützung benachteiligter Menschen ebenfalls christlich begründet werden können. In einem Interview mit einem evangelikalen Medium sagte er 2025, Religion solle nicht dazu benutzt werden, die Gesellschaft zu spalten. Er wolle Menschen unabhängig von ihrer Religion zusammenbringen und die staatliche Politik an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausrichten.
Allerdings hat diese Annäherung Grenzen. So hielt sich Lula bei Themen wie reproduktiven Rechten und sexueller Vielfalt gegenüber konservativen religiösen Milieus zurück. Der Konflikt zwischen gesellschaftspolitisch progressiven Positionen und dem Wunsch, möglichst viele religiöse Wählergruppen zu erreichen, ließ sich nicht auflösen.
Wenn Religion zum politischen Machtfaktor wird
Der brasilianische Wahlkampf hat gezeigt, wie schnell religiöse Symbole und Glaubensfragen zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können. Das gilt für die katholische Tradition ebenso wie für evangelikale Milieus. Zugleich gibt es innerhalb der Kirchen unterschiedliche Vorstellungen davon, welche politische Verantwortung aus dem christlichen Glauben folgt.
Lulas erneuter Wahlsieg entscheidet diesen religiösen Konflikt nicht. Er zeigt aber, dass sich die evangelikale Wählerschaft nicht geschlossen einem politischen Lager zuordnen lässt. Während evangelikale Gemeinden an Einfluss gewinnen, bleibt auch die katholische Kirche gesellschaftlich bedeutend.
Für Lula sind die katholischen Wurzeln Teil seiner politischen Biografie. Um jedoch die religiöse Vielfalt Brasiliens zu erreichen, muss er über das Milieu hinausgehen, aus dem er selbst stammt. Dabei geht es nicht nur um Stimmen bei Wahlen, sondern auch um die Frage, wer christliche Werte politisch für sich beanspruchen kann.