Ein eigenes Zimmer, eine Gemeinschaftsküche und Unterstützung im Alltag: Für obdachlose Familien in Regensburg soll das neue Chancenhaus eine Zwischenstation auf dem Weg in eine eigene Wohnung sein. Die Ende Juni eröffnete städtische Einrichtung geht damit neue Wege und richtet sich an Familien und Alleinerziehende mit Kindern. Inzwischen sind die ersten Familien eingezogen.

"Hier sollen speziell die Familien untergebracht werden, bei denen im Vorfeld der Betreuung eine gewisse Mietfähigkeit attestiert wird", sagt Manfred Rimpler, Abteilungsleiter für den Bereich Obdachlosenwesen beim Amt für Soziales der Stadt Regensburg. Ziel sei es, Familien schrittweise wieder in ein reguläres Mietverhältnis zu bringen.

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Das Chancenhaus soll dabei mehr leisten als ein Dach über dem Kopf. Die Bewohner sollen einen geregelten Alltag entwickeln und lernen, mit Behörden und Finanzen umzugehen. Auch Zuverlässigkeit, regelmäßige Mietzahlungen, Ordnung und Sauberkeit gehören aus Sicht der Stadt zu den Voraussetzungen für eine eigene Wohnung.

Viele der Familien kommen aus Rumänien, Bulgarien oder anderen osteuropäischen Staaten. Sie seien häufig nach Deutschland gekommen, weil sie sich Arbeit und bessere Lebensbedingungen erhofft hätten, sagt Rimpler - teilweise ohne zuvor eine Wohnung gefunden zu haben.

Christina Papadakis, Gesamtleiterin der Familienwerkstatt, arbeitet seit Jahren mit den Familien aus einer anderen Obdachlosenunterkunft. Viele seien mit dem deutschen Behörden- und Sozialsystem nicht vertraut. Sprachbarrieren und teilweise geringe Bildung erschwerten zusätzlich den Zugang zu Hilfeleistungen.

"Hier muss man sehr viele Kenntnisse besitzen, um Bürgergeld zu beantragen", sagt die Diplom-Pädagogin. Die Familienwerkstatt unterstützt deshalb bei Anträgen und Behördengängen und versucht, gemeinsam mit den Familien Strukturen für den Alltag zu entwickeln.

Beschäftigungen im Niedriglohnsektor

Arbeitslos seien keineswegs alle Bewohner. Viele hätten Beschäftigungen, häufig allerdings im Niedriglohnsektor oder unter schwierigen Bedingungen. Die Familienwerkstatt habe bei Arbeitsverträgen Fälle gesehen, die aus ihrer Sicht rechtlich problematisch gewesen seien. Zudem erschwerten fehlende Kinderbetreuungsplätze die Arbeitsaufnahme. Im Chancenhaus soll die sozialpädagogische Betreuung enger mit dem Alltag verbunden werden. Die Küchen sind als Gemeinschaftsräume angelegt. Anders als in der alten Unterkunft, wo die Familien in abgeschlossenen Wohneinheiten leben, sollen hier Begegnungen entstehen.

"Die Personen sind besser greifbar", sagt Rimpler. Die Pädagoginnen könnten dadurch leichter beraten, aber auch darauf achten, dass Absprachen eingehalten würden. Manche Familien seien offen für die Unterstützung, andere hätten nach schlechten Erfahrungen mit Behörden zunächst Berührungsängste, sagt Papadakis.

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf den Kindern. Möglichst ab dem Kindergartenalter sollten sie einen Betreuungsplatz haben, sagt Papadakis. Dort lernten sie Deutsch und soziale Fähigkeiten, die später in der Schule vorausgesetzt würden. Auch die Eltern kämen dadurch stärker mit Sprache und Gesellschaft in Kontakt.

Die Familienwerkstatt hat nach Angaben von Papadakis bereits rund zehn bis zwölf Familien aus der alten Notunterkunft in eigene Wohnungen vermittelt. Auch im Chancenhaus könnten manche Bewohner nach etwa einem Jahr so weit sein, auszuziehen. Denn auch das neue Haus soll nur eine Übergangslösung sein.

Passender Wohnraum fehlt

Das entscheidende Problem ist jedoch der Wohnungsmarkt. "Wir haben viele Familien, die eigentlich fit sind, die das auch könnten", sagt Papadakis. Es fehle aber an passenden Wohnungen. Besonders schwierig sei die Suche für Familien mit vier oder fünf Kindern. Auch ein Umzug ins Umland sei nicht immer eine Lösung. Wer kein Auto habe, müsse Kindergarten, Schule und Arbeitsplatz erreichen können. Viele Familien wollten zudem in Regensburg bleiben.

Damit hängt der Erfolg des Chancenhauses nicht allein von der pädagogischen Arbeit ab. Die Familien können lernen, wie ein eigenständiges Mietverhältnis funktioniert - eine passende Wohnung müssen sie aber erst einmal finden. "Wir brauchen Wohnraum", sagt Papadakis. Für die Familien ist das die entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Chancenhaus tatsächlich nur eine Zwischenstation bleibt.