27.06.2020
Schmuckelemente in Bayreuth

Bauernbarock vor dem Verfall retten: Verein möchte Bewusstsein für Phänomen der Fensterschürzen wecken

Jede einzelne ist ein handgemeißeltes Unikat. Ihre Besonderheit erkennt man meist erst auf dem zweiten Blick, vielen sind sie noch gar nicht aufgefallen: Fensterschürzen an Bauernhäusern im Bayreuther Raum.
Große Schmuckelemente unterhalb der Fenster, meist mit religiösem Inhalt, zieren Bauernhäuser im Bayreuther Raum.
Große Schmuckelemente unterhalb der Fenster, meist mit religiösem Inhalt, zieren Bauernhäuser im Bayreuther Raum.

Bei den Fensterschürzen handelt es sich um etwa einen Quadratmeter große Schmuckelemente unterhalb der Fenster, die verschiedenste Abbildungen, Symbole oder deutsche und lateinische Inschriften meist mit religiösem Inhalt ("An Gottes Segen ist alles gelegen") zeigen.

Fensterschürzen sind eine einzigartige und einmalige Kunstform an den meist zur Straße hin ausgerichteten Giebeln bei Bauernhäusern aus Sandstein in der früheren Markgrafschaft Bayreuth-Kulmbach.

Schmuckelement aus Sandstein unterhalb des Fensters eines Bauernhauses im Bayreuther Raum.
Schmuckelement aus Sandstein unterhalb des Fensters eines Bauernhauses im Bayreuther Raum.

Phänomen der Fensterschürzen in Bayreuth

Mit den kunstvollen Verzierungen wollten die Bauern ihren Wohlstand demonstrieren. Da sie ausschließlich an einstigen "Ackerbürgerhäusern" zu finden sind, sprechen Kenner auch von einem Phänomen.

Zeitlich sind die Fensterschürzen bereits dem Klassizismus zuzuordnen, auch wenn man landläufig von "Bauernbarock" spricht.

"Das Bewusstsein für die Besonderheit von Fensterschürzen ist leider wenig ausgeprägt", beklagt Brigitte Trausch aus Bayreuth. Deshalb hat sie vor nunmehr fast zehn Jahren den Verein "Rettet die Fachwerk- und Sandsteinhäuser" mit heute fast 280 Mitgliedern aus ganz Deutschland ins Leben gerufen.

Verein will "Bauernbarock" retten

Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Fensterschürzen, aber auch für den Erhalt alter Fachwerk- und Sandsteinhäuser zu schaffen, die Eigentümer auf die Besonderheiten aufmerksam zu machen, sie aber auch zu beraten, wenn es darum geht, Fördermöglichkeiten für den Erhalt der regionaltypischen Besonderheiten zu beantragen.

Brigitte Trausch, Gründerin des Vereins "Rettet die Fachwerk- und Sandsteinhäuser".
Brigitte Trausch, Gründerin des Vereins "Rettet die Fachwerk- und Sandsteinhäuser".

"Man kann doch nicht zusehen, wie diese Häuser zugrunde gehen" begründet Brigitte Trausch ihr Engagement. Zehn Fensterschürzenhäuser stünden derzeit leer, vier davon seien akut abrissgefährdet. So gehe ein regionaltypisches Haus nach dem anderen zugrunde und damit das Gesicht dieser Dörfer verloren.

Kunst in Bayreuth und Kulmbach

Selbst innerhalb den heutigen Landkreisen Bayreuth und Kulmbach konzentrieren sich die noch bestehenden Häuser mit Fensterschürzen auf einige wenige Orte. Ein absolutes Highlight ist ein Privathaus in Dreschenau, das es gleich auf 20 unterschiedliche Fensterschürzen bringt.

Wie genau die Idee der Fensterschürzen entstanden ist, sei bislang nicht wissenschaftlich erforscht, so Brigitte Trausch. Denkbar ist beispielsweise, dass viele Kunsthandwerker nach dem Tod der kunstsinnigen Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth arbeitslos wurden, sich bei den Bauern in der Umgebung einquartierten und sich mit den Fensterschürzen dafür revanchierten.

Sonderprogramm in Mistelgau

Ein besonderes Vorhaben verfolgt der Verein in Mistelgau. Mit Unterstützung der bayernweit aktiven, bürgerschaftlichen Initiative Kulturerbe Bayern soll mithilfe von 150.000 Euro aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Deutschen Bundestags das Sandsteinhaus in der Bahnhofstraße 5 mit seinen schmucken Verzierungen instand gesetzt, wieder bewohnbar gemacht und unter dem Motto "Wohnen im Denkmal" zum Beispiel an Festspielmitwirkende auf Zeit vermietet werden.

Für den Rest des Jahres möchte der Verein dort seine Aktivitäten abhalten.

2018 hatte der Verein das denkmalgeschützte Haus in Mistelgau erworben. Vier unterschiedliche Fensterschürzen schmücken dessen Fassade, darunter ein absolutes Unikat: Eine etwa ein Quadratmeter große Fensterschürze unter dem Giebelfenster zeigt eine Geige mit Bogen umgeben von Klarinette und Flöte.

Die handgemeißelten Musikinstrumente erinnern daran, dass der einstige Bauherr Konrad Knörl, der das Haus 1837 nach einem Dorfbrand errichtet hatte, als Musiker diese Instrumente spielte.

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Kommentar

Musiker
Was hat die Corona-Pandemie eigentlich mit Kunst und Kultur zu tun? Das scheint, angesichts der enormen gesundheitlichen Bedrohung und der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen, eine eher müßige Frage zu sein. Unbestritten ist, dass der Kampf gegen die Coronavirus-Krankheit Covid-19 jetzt absoluten Vorrang hat. Trotz allem sollte die Kunst nicht vergessen werden, meint Kommentator Wolfgang Lammel.