21.06.2020
Kurzfilm

"Ich wusste nicht, ob sie noch lebt": Filmemacherin aus Fürth verarbeitet das Tabuthema Depressionen

Eine Schülerin erfährt plötzlich, dass ihre Freundin Depressionen hat. Wie soll sie damit umgehen? Eine junge Filmemacherin wagt sich an ein emotionales Thema, das sie persönlich betrifft.
Betty (Clara Lengenfeld) und Lucy (Zoe Thobor) in einer Szene aus dem Kurzfilm "Mir geht's gut" von Agnes Lengenfeld.

Betty (Clara Lengenfeld) und ihre Freundin Lucy (Zoe Thobor) erleben im Kurzfilm "Mir geht's gut" eine schwierige Zeit. Betty leidet unter massiven Depressionen. Lucy erfährt davon - die Menschen in ihrem Umfeld aber verharmlosen Bettys Krankheit, nehmen die Gefahr, in der das Mädchen schwebt, nicht ernst.

Als Betty eines Tages nicht mehr zur Schule kommt, weiß Lucy nicht, was passiert ist: hat sie es geschafft, ihre Therapie anzutreten - oder den Kampf gegen die Depressionen endgültig verloren?

Kurzfilm widmet sich Thema Depression

Agnes Lengenfeld, Hobby-Filmemacherin aus Fürth, präsentiert in diesem Jahr bereits zum vierten Mal eine ihrer Produktionen beim mittelfränkischen Jugendfestival. Das findet wegen der Corona-Beschränkungen vom 26. bis 28. Juni online statt.

Diesmal ist Agnes Lengenfeld besonders aufgeregt. Denn in ihrem 27-minütigen Kurzfilm verarbeitet die junge Frau eine Geschichte aus ihrem direkten Umfeld, die sie bis heute beschäftigt. Eine gute Freundin Lengenfelds bekam 2015 die Diagnose.

Die Elftklässlerin hatte Depressionen: "Ich wollte meiner Freundin helfen, aber hatte keine Ahnung, wie!"

Diese Machtlosigkeit sei schier unerträglich gewesen. "Ich konnte sie ja nicht einfach wieder gesund machen. Nur da sein und zuhören - und wenn nötig professionelle Hilfe holen." Andere Klassenkameraden hätten sich damals lustig gemacht, die Betroffene argwöhnisch beäugt. "

Viele haben wenig Verständnis gezeigt. Nach dem Motto, sie solle sich mal nicht so anstellen." Andere wiederum hätten die Freundin zu sehr bemitleidet. Beide Extreme seien eine zusätzliche Belastung gewesen. "Ich saß zwischen den Stühlen", sagt die heute 20-Jährige.

Persönliche Betroffenheit

Als die Freundin schließlich nicht mehr zur Schule kommt, macht Lengenfeld sich große Sorgen. Das Schicksal ihrer Freundin ist ungewiss. "Für die Therapie musste sie ihr Handy vorübergehend abgeben. Da ist der Kontakt zunächst abgebrochen." Informiert wurde Lengenfeld nicht. "Ich wusste am Anfang nicht, ob sie noch lebt, oder sich etwas angetan hat."

Erst über Umwege habe sie dann erfahren, dass ihre Freundin sich in der Klinik aufhält. "Als sie nach der ersten Therapie wieder in der Schule war, blieb die Situation kompliziert", sagt Lengenfeld. "Es hatte sich herumgesprochen, dass meine Freundin krank ist." Weitere Therapien folgten.

Medizinstudentin konzipiert Kurzfilm

Bereits vor vier Jahren begann Lengenfeld, die heute Medizin studiert, die bewegenden Erlebnisse mit ihrer Freundin aufzuschreiben. "Das hat mir geholfen, diese schwierige Zeit zu verarbeiten", erzählt sie. Nach und nach entstand aus ihren Aufzeichnungen das Drehbuch für einen Kurzfilm. Lengenfeld akquirierte Darstellerinnen aus dem Theaterverein, führte die Regie und Kamera.

"Die Postproduktion hat dann noch einmal richtig lange gedauert. Ich wollte, dass alles zu 100 Prozent passt." Anders hätte sie den Erlebnissen gar nicht gerecht werden können. Im Film bleibt das Ende offen.

"Im echten Leben ist unsere Geschichte aber zum Glück 'gut' ausgegangen", betont Lengenfeld.

Heute ist die Freundin stabil. Beim diesjährigen mittelfränkischen Jugendfilmfestival hat der Clip "Mir geht's gut." nun Premiere. Auch die Schauspielenden sehen ihn dann zum ersten Mal. Lengenfeld hat lange überlegt, wie sie das unbequeme Thema Depression offen ansprechen kann. Mit ihrem Kurzfilm hat sie ihren Weg gefunden.

"Das war wirklich ein langer Prozess, aber es hat sich gelohnt", sagt sie. Es sei ihr schwergefallen, sich so intensiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: "Ich musste mir immer wieder bewusst machen, dass ich einen Film mache, der sich von den realen Ereignissen loslösen sollte."

Film mit Botschaft

Ihre betroffene Freundin steht voll hinter dem Projekt. "Uns beiden ist es wichtig, das Schweigen zu brechen", sagt Lengenfeld. Schließlich machten viele Menschen ähnlich schwere Erfahrungen. Bei den Dreharbeiten hätten bereits einige der Beteiligten ihre persönlichen Geschichten geteilt.

"Leute, von denen du nie gedacht hättest, dass sie auch schon Ähnliches durchmachen mussten", sagt Lengenfeld. Es sei wichtig, über das Tabuthema offen zu reden, der Stigmatisierung entgegenzuwirken.

"Das Thema betrifft weit mehr Jugendliche, als uns vielleicht bewusst ist", sagt die 20-Jährige. "Die Botschaft, die wir vermitteln wollen, lautet: Du bist nicht allein."

 

Der Film läuft nach Veranstalterangaben voraussichtlich am Sonntagnachmittag, 28.06. Das Programm wird unter www.jugendfilmfestival.de veröffentlicht.

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Kommentar

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Was hat die Corona-Pandemie eigentlich mit Kunst und Kultur zu tun? Das scheint, angesichts der enormen gesundheitlichen Bedrohung und der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen, eine eher müßige Frage zu sein. Unbestritten ist, dass der Kampf gegen die Coronavirus-Krankheit Covid-19 jetzt absoluten Vorrang hat. Trotz allem sollte die Kunst nicht vergessen werden, meint Kommentator Wolfgang Lammel.