Ankerzentren für Geflüchtete
Seit 2018 kommen Geflüchtete in Bayern in sogenannten Ankerzentren unter. Davon wurden sich vor allem zügigere Asylverfahren erhofft. Doch die Diakonie und weitere Organisationen sind sich darin einig, dass die Zentren mehr Probleme als Lösungen geschaffen haben - besonders für Kinder und Jugendliche.
Die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken
Die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) in Bamberg

Die Diakonie in Bayern, ProAsyl und andere Organisationen haben am Donnerstag die Abschaffung der Ankerzentren für Geflüchtete gefordert. Die vor drei Jahren eingeführten Ankerzentren oder vergleichbare Einrichtungen hätten das Ziel nicht erreicht, Asylverfahren wesentlich zu beschleunigen, heißt es in einer Mitteilung der Diakonie. Die Unterbringung sei ein "Irrweg", weil sie die Menschenwürde verletze, Isolation fördere und auf Abschiebung orientiert sei. Die Verbände fordern "eine gute Erstaufnahme". Der neue Bundestag müsse die Voraussetzungen dafür schaffen.

Ankerzentren: Auch medizinisches Niveau bemängelt

Die Verfahren in einem Ankerzentrum dauerten im Schnitt 77 Tage statt 82 Tagen in anderen Einrichtungen, erklärte Sabine Lindau, Vorständin der Diakonie Bayern, zuständig für Flucht, Migration und Integration. Der geringe Zeitgewinn habe einen hohen Preis. Kinder könnten oft keine regulären Schulen oder Kindertagesstätten besuchen. Außerdem hätten derzeit nur Geflüchtete aus Syrien, Eritrea und Somalia Anspruch auf Sprach- und Integrationskurse. Lindau bemängelt auch das medizinische Niveau in den Zentren: "Fachärztliche Behandlung, die Behandlung chronischer Erkrankungen oder psychischer Belastungen finden nicht oder nur eingeschränkt statt", stellte sie fest.

Das Ankerzentrum in München habe seine Kapazitätsgrenze erreicht, erklärte Andrea Betz, Vorständin bei der Diakonie München und Oberbayern. "Eine Privatsphäre gibt es für die hier lebenden Menschen kaum, und dies ist, angesichts der individuellen Erfahrungen und der dauernden Angst vor einer Corona-Infektion, besonders belastend." Leidtragende seien wieder Kinder und Jugendliche.

Was die Verbände statt der Ankerzentren fordern

Statt Ankerzentren fordern die Organisationen eine gesetzliche Höchstaufenthaltsdauer von drei Monaten in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Dort müsse das Ankommen der Menschen im Mittelpunkt stehen und sie müssten auf das Asylverfahren und den Aufenthalt in Deutschland vorbereitet werden.

Am 1. August 2018 ist in Bamberg das erste Ankerzentrum in Bayern eröffnet worden.

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