Ich bin ja wahrlich nicht zimperlich. Verbal jedenfalls. Und ich war bisher noch immer ein Meister darin, mir zum richtigen, also zum falschen Zeitpunkt am richtigen, also am falschen Ort, das heißt im Dynamitlager ein Zigarettchen anzuzünden und es mit diebischer Freunde in die Menge der Fassungslosen zu schnippen. Vielleicht bin ich sogar ein bisschen pyroman. Denn ich finde, dass das Feuer des Geistes getrost ein bisschen flammender lodern und seine Funken etwas knisternder überspringen lassen könnte. Ich meine damit nicht das Feuer der Zündler, der Brandstifter und der Scheiterhaufen, sondern das Feuer des argumentativen Schlagabtauschs unter leidenschaftlich Verschiedengesinnten. Man könnte auch sagen: das Feuer echter Diversität und echter Differenz. Ich wünsche mir in virtuellen und realen Foren manchmal weniger Angst vor Kontaktschuld, mehr Streit um die Sache, mehr gedankliche Schonungslosigkeit und mehr Mut zur Konfrontation, aber auch mehr Bereitschaft, nach erbitterten Denk- und Wortgefechten einander die Hände zu schütteln und die Trikots zu tauschen – wohl wissend, dass man dasselbe Spiel spielt und im selben Boot sitzt, das ja doch eigentlich nur ein Ziel haben kann: ein besseres, lebenswerteres, friedlicheres und faireres Miteinander in einer Welt, in der nicht so eine beklemmende, um nicht zu sagen beschissene Stimmung herrscht wie derzeit in Deutschland.

Dauerkonfrontation mit dem Hässlichen

Was diese Stimmung besonders beklemmend macht, ist die Rücksichtslosigkeit, mit der die Kontrahenten und Kontrahentinnen in einem unverhohlen tobenden, sich immer mehr polarisierenden Kulturkampf einander auf die Fresse geben, ohne sich ins Gesicht zu schauen. Die Atmosphäre dieser Debattenkultur, die schon längst keine mehr ist, geht selbst einem Menschen wie mir, der manchmal lieber mit der Kettensäge als mit dem Florett ficht, zunehmend unter die Haut. Viele Jahre lang habe ich täglich Zeitungen unterschiedlicher politischer Couleur gelesen, um mich vor der Unterwanderung meines Bewusstseins durch meine Lieblingsmedien zu schützen. Mittlerweile überlege ich mir aber aus Gründen der Selfcare ernsthaft, nur noch bebilderte Wohlfühlliteratur, also zum Beispiel Automobil- oder Designzeitschriften zu konsumieren. Schöne Formen, die das Gemüt streicheln, sind eindeutig besser für die Psychohygiene als die Dauerkonfrontation mit dem Hässlichen, das bezeichnenderweise ja nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine moralische Kategorie ist.

Die besondere Trostlosigkeit der ubiquitären Debattenunkultur liegt darin, dass eigentlich gar nicht mehr debattiert wird. Es wird lieber gecancelt, denunziert, an den Pranger gestellt und moralisch oder politisch hingerichtet. Die Hemmschwellen sinken. Und mit ihnen sinken die Umfragewerte der bürgerlichen Parteien. Man muss kein Prophet sein, um die Vorhersage zu wagen, dass all das die AfD Anno Dreiunddreißig an die Macht bringen könnte. (Ich nehme Wetten an und hoffe, dass ich sie verliere – und zwar nicht, weil es schon Anno Neunundzwanzig soweit sein könnte.) Nicht, dass die AfD diese Debattenunkultur nicht ebenfalls nach rohen Kräften pflegen würde. Wahrscheinlich hat sie sogar maßgeblich dazu beigetragen, dass die Hemmschwellen sinken, die Radikalisierung zunimmt und auch die Moralpächterinnen und Moralpächter auf der vermeintlich unschuldigeren Seite des politischen Spektrums derzeit unverfrorener denn je die Hüllen fallen lassen.

Was Letzteres anbelangt, so frage ich mich, warum das so ist. Weshalb können sich insbesondere diejenigen, die im Namen der höheren Moral, der Gerechtigkeit, der Menschenwürde und der Menschenrechte unterwegs zu sein beanspruchen, im Blick auf den politischen Gegner, der längst zum Feind geworden ist, eine mindestens so große Menschenverachtung erlauben wie diejenigen, über deren gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sie sich ansonsten vom hohen Ross des eigenen Besserseins herab so echauffieren? Nun, natürlich genau deshalb. Sie haben sich mit einer Mi­schung aus Tiroler Nussöl und Gleitcreme eingerieben, die nicht nur schön, sondern auch gut macht, alle Selbstzweifel an ihnen abperlen lässt und alle Skrupel im Keim erstickt. Sie tragen eine Rüstung, die Achilles und Siegfried vor Neid erblassen lassen würde. Nicht zuletzt deshalb, weil sie weder zwischen den Schul­terblättern noch an der Ferse und weder im Hirn noch im Herzen verwundbar, sondern ethisch immun sind.

Moralische Überheblichkeit

Mit erschreckender Deutlichkeit wird die Brutalität des Moralismus derzeit an unzähligen Reaktionen auf die Ermordung des US-amerikanischen politischen Aktivisten Charlie Kirk sichtbar. Im Blick auf seine Person scheint der Satz "De mortuis nil nisi bene", der einst den Minimalkonsens des Sittlichkeitsvertrags unter zivilisierten Menschen mar­kierte, nicht mehr zu gelten. Man kann Charlie Kirk, wie der Kolumnist Don Al­phonso vor kurzem bemerkte, ungerührt durch Hass und Häme ein zweites Mal töten. Vielleicht halten diejenigen, die über Waffen der Herstellerfirma Morals & Ethics verfügen, das sogar für ihre Pflicht. Denn war Charlie Kirk nicht umstritten, also unmöglich? Dass die Streitkultur in Deutschland am Boden liegt, kann man nicht zuletzt daran erkennen, dass das Prädikat "umstritten" inzwischen dazu berechtigt, Umstrittene ungerührt und notfalls mit Gewalt aus der Diskursgemeinschaft ausschließen und medial exekutieren zu dürfen.

Wer aber glaubt, aufgrund der diskursenthobenen moralischen Letztgültigkeit der eigenen Wirklichkeitssicht keiner Argumente mehr zu bedürfen und keine Argumente Andersdenkender mehr hören zu müssen, offenbart seine gefährliche Affinität zur Diktatur, die laut Carl Schmitt der Gegensatz zur Diskussion ist. Apropos Carl Schmitt. Es ist eine traurige Ironie oder vielmehr eine bizarre List der Geschichte, dass der rechtsphilosophische Startheoretiker des Nationalsozialismus sich derzeit auf der linken Seite des politischen Spektrums zu reinkarnieren scheint – also dort, wo der Besitz der moralischen Wahrheit zum Freibrief für die Diskreditierung, Diffamierung und Denunzierung des politischen Feindes geworden ist.

Die Bereitschaft, miteinander zu reden, ist nicht zuletzt in den so genannten sozialen Medien, im parlamentarischen und außerparlamentarischen Debattenraum und auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verkümmert, der zunehmend weniger echten Pluralismus und echte Kontroversen toleriert und auf diese Weise zur best- und überdies zwangsfinanzierten linken NGO der Welt geworden ist. Dass gerade diejenigen, die die moralapostolische Lufthoheit für sich beanspruchen, jüngst nicht vor konzertier­ten Frontalangriffen gegen eine andersdenkende Journalistin in ihren Reihen zurück­schreckten, ist ein Offenbarungseid und ein Armutszeugnis und entlarvt das Selbstver­ständ­nis des ÖRR, zur Meinungsvielfalt beizutragen, als Farce, wenn nicht sogar als programmatische Verlogenheit.

Im Äther des World Wide Web gibt es zwar sicherlich keine linksgrüne Lufthoheit, aber das Netz ist andererseits natürlich auch kein Ort, an dem das Habermassche Kommunika­tionsideal des herrschaftsfreien argumentativen Dialogs der Dissentierenden Sternstunden feiern würde. Dort herrscht vielmehr das Gesetz der Aufmerksamkeit um jeden Preis, der schamlosen Inszenierung, des Survival of the Strongest, Loudest and Naughtiest, der Verdrängung der Halbherzigeren, Besonneneren und Leiseren. Im Grunde ist das Gesetz, das im Netz herrscht, das Gesetz der Pornographie, die das Denken von je her so in den Schatten stellt, wie die Epoche der Bilder die Epoche der Schrift der Vergangenheit angehören lässt. Vielleicht sind wir angesichts von Wladimir Putin, angesichts von Donald Trump und angesichts der Hamas deshalb so hilflos, weil sie skrupellos diesem Gesetz der Pornographie folgen und Reflexion und Moral unentwegt und unberechenbar mit den Füßen brutalster Selbstbehauptung treten.

Leider ist es aber eben auch die moralische Hybris, die Skrupellosigkeit und Schamlosigkeit triggert. Wer sich moralisch im Recht wähnt, braucht sich offenkundig nicht zu schämen. Und so adelt moralische Überlegenheit am Ende auch die eigene Gewalttätigkeit, die als legitim gilt, weil sie ja doch dem Frieden, der Verständigung, dem Allgemeinwohl und der besseren Welt dient. Dies zeigt einhundertfünfundzwanzig Jahre nach dem Tod Friedrich Nietzsches einmal mehr, wie hellsichtig derjenige war, der registrierte, dass die Waffe der Moral gerade denjenigen einen Vorteil verschafft, die im Überlebenskampf sonst eher im Nachteil wären. Dass man die Moral dafür instrumentalisieren kann, not­falls auch real tödliche Waffen gegen Falschdenkende einzusetzen, ist vor diesem Hintergrund nur konsequent. Der Terror im Namen des Guten war von je her die diabolische Versuchung des politi­schen Besser­menschentums.

Und so stehen dieser Tage die politischen Kontrahenten in einer hochtechnologisierten Welt einander mit zutiefst archaischen Gesinnungen und einer zutiefst archaischen Angriffslust gegenüber. "As technology advances in complexity and scope, fear becomes more primitive", schrieb Don DeLillo in seinem großartigen Roman "Underworld" wenige Jahre vor dem 11. September 2001. Je komplexer und fortschrittlicher die Technologie, desto archaischer die Angst. Und wenn ich ehrlich bin, ist es ge­nau diese Angst, die im Blick auf die politische Landschaft der Republik, des Abendlands und des gesamten Planeten zuweilen in mir heraufkriecht und sich meiner bemächtigt. Denk‘ ich an all das in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.

Jesus als Vorbild für einen schonungslosen, aber liebenden Diskurs

In einer theologischen Kolumne sollte der Kolumnist spätestens an dieser Stelle etwas Theologisches aus dem Hut zaubern, um das Steuer rechtzeitig vor dem Abgrund herumzureißen. Vielleicht die zugegeben schlichte, aber am Ende ja vielleicht doch im besten Sinne entwaffnende Frage: "Was würde Jesus dazu sagen?" Er, der große Friedensstifter. Er, der anders als die politische Theorie des Anti-Christus Carl Schmitt und anders als das Drehbuch der radikalen Linken und Rechten keine Feinde mehr kennt und die Freund-Feind-Logik noch in der Stunde seines Todes transzendiert. Er, dessen Gruß "Friede sei mit euch!" immer noch der großartigste, hoffnungsvollste und menschenfreundlichste Gruß ist, den ich kenne. Julia Klöckner, die Christdemokratin, sollte die Sitzungen des Deutschen Bundestags mit diesem Gruß eröffnen. Ich fände das ziemlich beeindruckend. Sie würde damit dem C im Namen ihrer Partei große Ehre machen. Natürlich würden die Linken das doof finden. Schon im Blick auf die Frage des Schwangerschaftsabbruchs war von ihnen ja zu hören, dass im Krankenhaus das Grundgesetz und nicht die Bibel gilt. Aber weil wahrscheinlich alles, was Julia Klöckner sagen würde, von den Linken doof gefunden werden würde, wäre das auch schon wurscht.

Das Dumme ist nur, dass das mit dem Frieden nicht so einfach ist. Grundsätzlich nicht und leider auch im Blick auf die Person Jesu nicht. Denn im Matthäusevangelium gibt es eben auch den ungemütlichen und daher von kirchlichen Pflugscharenschmieden, theologischen Samtpfoten und humanistischen Ex-Bischöfen gerne übersehenen Satz "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Hier scheint nicht der Friedensstifter, sondern der Zwietrachtsäer zu sprechen, an dem sich die Geister scheiden, was diesen Zwietrachtsäer am Ende ans Kreuz bringt. Gut möglich, dass an dieser Stelle und an anderen Stellen in der urchristlichen Verkündigung etwas vom Geist derjenigen hindurchschimmert, die den Römern mit Waffengewalt den Garaus zu machen suchten und sich kein per­sönliches Heil ohne politische Revolution vorstellen konnten. Vielleicht lässt sich dieses Schwertwort Jesu aber ja auch im Sinne einer echten, an der Wahrheit interessierten friedlichen Streitkultur lesen, die sich so idea­listisch wie naiv nicht damit abzufinden bereit ist, dass es Feinde gibt, die nicht mehr mit­einander, son­dern nur noch übereinander reden und einander am Ende physisch und moralisch massakrieren, ohne den Mut zu haben, einander erhobenen Hauptes mit geöffnetem Visier ins Auge zu blicken.

Streitkultur als Weg zu Verständnis und Versöhnung

Ein Großteil der Evangelien besteht aus Streitgesprächen des Juden Jesu mit jüdischen Theologen. Natürlich geht es in den Evangelien immer auch darum, die Wahrheit des Christusglaubens attraktiver erscheinen zu lassen als die Wahrheit der jüdischen Religion, der der Christusglaube entsprang. Aber womöglich ging es dem Theologen Jesus ja auch um etwas ganz Anderes, nämlich um eine andere Haltung – eben um die Verkörperung eines Freimuts, einer Mündigkeit und einer Wahrhaftigkeit, die Andersdenkende weder einschüchtert noch mundtot macht, sondern ihnen gegenübertritt, sich ihnen stellt, sie mit den Konsequenzen ihrer Überzeugungen konfrontiert und mit den eigenen Überzeugungen nicht hinter dem Berg hält.

Ich stelle mir Jesus von Nazareth als einen Schonungslosen, aber auch als einen schonungslos Liebenden vor. Und so hoffe ich inständig, dass er, träte er in den Raum der verrohten und verrotteten Debattenkultur unserer Gegenwart, eine andere Kultur pflegen würde als die von mir beklagte Unkultur. Eine Kultur, deren Geist uns Heutigen vielleicht die Kraft geben könnte, auch politisch Andersdenkende so anzusehen, als wären sie von Gott geliebte Geschöpfe. Ob uns der Geist dieser Kultur Jesu auch die Kraft gibt, alle Menschen zu lieben? Also wirklich alle? Selbst die, die wirklich nicht liebenswert oder ganz und gar nicht auf unserer Wellenlänge sind? Zumindest hoffe ich, dass uns dieser Geist Augen verleiht, die durch alle Verrohungen und Verrottungen hindurch die Liebe Gottes auch in jenen Menschen sehen können, die wir uns zum Teufel wünschen. Und wer weiß: Vielleicht schenkt uns der Geist Jesu sogar die Großherzigkeit, diesen Menschen zuzugestehen, dass auch sie entgegen allem Augenschein und entgegen all unsere Überzeugungen Recht haben könnten.

Ob ich mit dem, was ich hier schreibe, Recht habe? Ich hoffe es. Aber natürlich weiß ich es nicht. Vielleicht habe ich wieder einmal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und über die Stränge geschlagen. Vielleicht bin auch ich in die Falle der Freund-Feind-Verwerfung getappt und habe genauso moralistisch argumentiert wie die von mir so ungeliebten Moralisten. Vielleicht ist alles, was ich geschrieben habe, Unsinn. Vielleicht wissen Sie es wirklich besser als ich.

Daher am Ende meine ernstgemeinte Bitte: "Prove me wrong!"

Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk" ab 12. März 2026

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