Wer in diesen Tagen die Debatte rund um die Evangelische Hochschule Nürnberg (EVHN) und den Professor für Systematische Theologie Ralf Frisch verfolgt, kann sich eines gewissen Unbehagens wahrscheinlich kaum erwehren. Da distanziert sich eine Hochschulleitung öffentlich von ihrem eigenen Professor. Zumindest wird die öffentliche Stellungnahme größtenteils so wahrgenommen und rezipiert, mag die Intention der Verantwortlichen auch eine andere gewesen sein.
Als Religionspädagogin und Theologin in Ausbildung mit liberalen und feministischen Überzeugungen teile ich viele von Ralf Frischs kulturkritischen Diagnosen nicht. Theologisch ist die von ihm immer wieder aufgeworfene Frage, ob sich die Kirche selbst kritisch genug an ihrem eigentlichen Gegenstand misst, auch für mich bedeutend, dennoch habe ich mich durchaus schon an so mancher Aussage Ralf Frischs gestoßen. Nicht selten waren es jedoch gerade jene irritierenden Formulierungen, die mich dazu brachten, genauer nachzudenken, intensiver zu diskutieren und die eigene Position zu schärfen.
Frisch provoziert. Das tut er seit Jahren. Seine Kolumnen arbeiten mit Zuspitzung, Polemik und bewusster Überzeichnung. Man kann das mögen oder nicht. Doch gerade darin liegt das Wesen einer Kolumne. Sie ist keine wissenschaftliche Abhandlung und kein kirchliches Positionspapier. Sie lebt von Reibung, um Debatten anzustoßen und Widerspruch zu provozieren.
Nachdem Frisch Kritik an der Kirche öffentlich als Teil seines "Jobprofils" beschrieben hatte, sollte die Stellungnahme der EVHN vermutlich deutlich machen, dass seine Aussagen nicht mit der EVHN als Institution gleichgesetzt werden dürfen. Dieses Anliegen ist erstmal auch legitim. Hochschulen müssen nicht jede Position ihrer Lehrenden übernehmen. Der Wunsch einer Klarstellung diesbezüglich erscheint einigermaßen nachvollziehbar. Tatsächlich erfüllt aber bereits der erste Absatz der Stellungnahme diesen Zweck. Dort wird deutlich gemacht, dass Frisch in seinen Publikationen seine persönliche Position vertritt und nicht etwa als Sprecher der EVHN auftritt.
Nicht nur Klarstellung, sondern inhaltliche Bewertung
Die Debatte hätte wohl auch keine so großen Wellen geschlagen, wäre es lediglich bei dieser Klarstellung geblieben. Denn ab dem zweiten Teil der Erklärung wird nicht mehr nur die institutionelle Unabhängigkeit von Frischs Äußerungen betont, sondern es erfolgt zugleich eine inhaltliche Bewertung seiner theologischen Überlegungen. Seine Rede von einer möglichen "Gottvergessenheit" wird als Beispiel für pauschalierende Diffamierungen genannt, ein "entweder-oder" zwischen Humanität und Bekenntnis zurückgewiesen.
Damit geht es nicht mehr nur darum, wer spricht und in welchem Auftrag, sondern auch darum, welche Formen theologischer Rede als angemessen gelten. Komplexe theologische Debatten lassen sich allerdings nur schwer auf wenige Absätze verdichten. Wo aber Differenzierungen verloren gehen, entstehen leicht Missverständnisse. So kann es passieren, dass eine Stellungnahme, die eigentlich Offenheit, Diskursorientierung und Vielfalt betonen möchte, als Zeichen mangelnder Offenheit gegenüber einer unbequemen theologischen Position wahrgenommen wird.
Ob dies beabsichtigt war, wird dabei beinahe zweitrangig. Entscheidend ist, dass hier eine Spannung sichtbar wird zwischen dem Selbstverständnis einer Hochschule und der Wirkung ihrer öffentlichen Kommunikation. Besonders bemerkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang die Aussage Frischs Theologie sei nicht repräsentativ für die an der EVHN gelehrten Theologie. Denn zugleich betont die Hochschule, dass es die EVHN-Theologie gerade nicht gebe. Wenn jedoch unterschiedliche theologische Stimmen zum Profil einer pluralistischen Hochschule gehören, stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien einzelne Positionen als repräsentativ oder nicht repräsentativ eingeordnet werden.
Mehr als eine bloße Klarstellung
Gleichzeitig zeigt die entstandene Debatte eine Schwäche vieler gegenwärtiger Diskurse. Kaum wird eine theologische Position geäußert, wird sie sofort politischen Lagern zugeordnet. Die Frage, ob eine Aussage wahr oder falsch, sinnstiftend oder schädlich sein könnte, tritt hinter die Frage zurück, welchem Milieu sie zugerechnet wird. So wird auch hier allzu schnell kategorisiert: Wer Frisch kritisiert, gilt schnell als progressiv. Wer ihn verteidigt, erscheint vielen als konservativ.
Die Reduzierung Frischs Theologie auf einige zugespitzte Formulierungen, wird jedoch seinem eigentlichen Anliegen nicht gerecht. Seine zentrale Frage lautet seit Jahren eben nicht, wie Humanität, Demokratie oder Diversität bekämpft werden könnten, vielmehr artikuliert er die Sorge, dass die Kirche Gefahr läuft, ihre Rede von Gott zugunsten gesellschaftspolitischer Anliegen zu vernachlässigen. Dies ist zunächst einmal, insbesondere innerhalb kirchlicher Kommunikation, keine persönliche Herabsetzung Andersdenkender, sondern eine theologische Anfrage, die innerhalb des Protestantismus eine lange Tradition besitzt. Von Karl Barth bis zur Gegenwart gehört diese Frage zum Kern theologischer Selbstkritik.
Man kann der Diagnose der "Gottvergessenheit" widersprechen. Ich selbst halte Frischs Blick auf progressive Milieus bisweilen für einseitig, da die Gefahr einer funktionalen Gottvergessenheit sich keineswegs auf politische oder kirchliche Linke beschränkt. Doch zwischen dem Vorwurf mangelnder Differenzierung und der Behauptung, jemand stelle das christliche Bekenntnis gegen Humanität oder Menschenfreundlichkeit, besteht ein erheblicher Unterschied. Gerade bei einem Professor, der seit Jahren ethische Fragestellungen lehrt und Studierende zu verantwortlichem Handeln befähigen soll, erscheint mir eine solche Einordnung seines Anliegens wenig plausibel.
In den vergangenen Jahren ist Diversität zu einem zentralen Leitbegriff geworden. Wirklich herausfordernd wird sie jedoch erst dort, wo unterschiedliche Überzeugungen nicht nur nebeneinander existieren, sondern miteinander in Konflikt geraten. Ambiguitätstoleranz geht deshalb einen Schritt weiter. Sie beschreibt die Fähigkeit, Spannungen und Widersprüche auszuhalten, die den eigenen Vorstellungen nicht entsprechen. Gerade hier scheint mir die eigentliche Herausforderung zu liegen. Die Freiheit theologischen Denkens erweist sich jedenfalls nicht dort, wo nur Positionen vertreten werden dürfen, die dem eigenen Weltbild entsprechen, sondern dort, wo auch kontroverse Stimmen ausgehalten und argumentativ herausgefordert werden.
Wenn theologische Debatten zu Lagerkämpfen werden
Innerhalb meines Studiums habe ich die EVHN bislang als eine Hochschule erlebt, die solche Räume des Diskurses eröffnet. Dort habe ich mich in verschiedenen Gremien, Arbeitsgruppen, Gottesdiensten und weiteren Bereichen des Hochschullebens engagieren dürfen. Ich habe erlebt, dass Partizipation ernst genommen wird, unterschiedliche Perspektiven Gehör finden und Menschen ihre Meinung frei äußern können, ohne befürchten zu müssen, deshalb ausgeschlossen oder abgewertet zu werden. Dies gilt selbstredend gerade auch für die Lehrveranstaltungen von Professor Dr. Frisch, in denen ich stets einen offenen und respektvollen Austausch erlebt habe. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen irritiert mich diese öffentliche Distanzierung, denn sie passt nicht zu jener Hochschule, die ich in den vergangenen Jahren kennengelernt habe.
Die gegenwärtige Debatte lässt sich auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden Beschämungskultur verstehen. Scham verweist auf das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und Gemeinschaft. Sie entsteht häufig dort, wo Zugehörigkeit in Frage gestellt wird. Situationen der Differenz und des Widerspruchs können deshalb verunsichernd wirken, weil sie nicht nur Sachfragen berühren, sondern auch die Frage, ob Zugehörigkeit trotz unterschiedlicher Überzeugungen bestehen bleibt. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Menschen nicht mehr in ihrer Vielschichtigkeit wahrgenommen werden und komplexe Positionen vorschnell in moralische Kategorien eingeordnet werden.
Wir bewerten und distanzieren uns häufig schneller, als wir zuhören und verstehen. Dieser gesellschaftliche Mechanismus trifft längst nicht nur Einzelpersonen. Er setzt auch Institutionen unter Druck und erzeugt die Versuchung, sich durch öffentliche Distanzierungen selbst abzusichern. Biblisch gesprochen essen hier alle vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, um sich dann selbst und gegenseitig zu bewerten. Das Wirken Jesu zeichnet sich demgegenüber immer wieder dadurch aus, Menschen aus sozialer Beschämung und öffentlicher Stigmatisierung herauszuführen. Wo andere etikettieren, grenzt Jesus nicht aus. Wo andere bloßstellen, eröffnet er neue Zugehörigkeit.
Natürlich kann man die öffentliche Erklärung der Hochschulleitung nicht mit einer persönlichen Herabsetzung oder Beschämung gleichsetzen. Dennoch lohnt es sich, über die Wirkung solcher öffentlichen Stellungnahmen nachzudenken. Denn es wird damit immer auch ein Signal gesendet, nicht nur an die Öffentlichkeit, sondern auch an Studierende, Lehrende und die innerkirchliche Debatte. Wenn der Druck öffentlicher Bewertung dazu führt, dass Institutionen vorschnell Distanzierungen aussprechen, entsteht leicht der Eindruck, dass nicht mehr die Qualität eines Arguments entscheidend ist, sondern die Sorge um die eigene Reputation. Die Aufgabe einer Hochschule sollte jedoch gerade darin bestehen, auch dort Diskussion offenzuhalten, wo gesellschaftlicher Konformitätsdruck wächst.
Die Gefahr einer Kultur öffentlicher Distanzierung
Akademische Theologie ist zunächst ein Raum des Denkens, und nicht Ort institutioneller Selbstrepräsentation. Wenn Ralf Frisch als Theologe über Kirche und Gesellschaft schreibt, dann beschreibt er damit seinen Gegenstand, nicht notwendigerweise die Selbstdefinition der Hochschule, an der er lehrt. Und wenn er pointiert formuliert, dann ist das Teil einer wissenschaftlich und publizistisch legitimierten Rolle, die auf Zuspitzung und Provokation setzen darf, ohne dass jede Formulierung institutionell abgesichert werden müsste.
Umgekehrt gilt aber auch: Eine Hochschule darf selbstverständlich deutlich machen, dass sie nicht mit jeder im Haus vertretenen Position identisch ist. Entscheidend ist jedoch die Art dieser Unterscheidung. Wird sie zu schnell moralisch aufgeladen, entsteht eine Logik der Ab- und Ausgrenzung.
Eine evangelische Hochschule und eine evangelische Kirche sollten jedoch nach meinem Verständnis Orte sein, an denen Ambiguitäten ausgehalten werden können. Orte, an denen diskutiert, widersprochen und gerungen werden darf, ohne dass daraus soziale Ächtung entsteht.
Ambiguitätstoleranz bedeutet dabei keineswegs Beliebigkeit. Nicht jede Position ist allein deshalb legitim, weil sie vertreten wird. Wo Menschenwürde, demokratische Grundprinzipien oder die Gleichwertigkeit von Menschen grundsätzlich bestritten werden, darf und muss eine Hochschule klare Grenzen ziehen. Gerade deshalb erscheint es umso wichtiger, sorgfältig zu unterscheiden, ob eine Position tatsächlich solche Grenzen überschreitet oder ob es sich um eine legitime Stimme innerhalb des theologischen Diskurses handelt.
Wer diese Unterscheidung aufgibt, riskiert, kontroverse Positionen vorschnell mit menschenfeindlichen Haltungen gleichzusetzen und Vielfalt auf Zustimmung zu reduzieren. Evangelische Theologie lebt seit der Reformation vom Streit und von der Bereitschaft, unbequeme Fragen auszuhalten. Wahre Ambiguitätstoleranz zeigt sich deshalb nicht im harmonischen Gleichklang, sondern dort, wo Differenz bestehen bleiben und diskutiert werden darf.
Vielleicht ist deshalb der eigentliche Kern dieser Debatte darüber nachzudenken, wie wir so kommunizieren können, dass Differenz nicht als Bedrohung wahrgenommen und Übereinstimmung nicht zur Voraussetzung von Zugehörigkeit gemacht wird. Dann können an die Stelle von Spaltung lebendige theologische Diskurse treten.