Die Zukunft von Kirchengebäuden kann nach Einschätzung zahlreicher Fachleute nicht mehr allein von den Kirchen gestaltet werden. Auf einer Fachtagung zur Umnutzung sakraler Räume in der Evangelischen Akademie Tutzing wurde deutlich, dass Kommunen, Staat, Denkmalpflege, Zivilgesellschaft und Kirchen künftig enger zusammenarbeiten müssen, um tragfähige Lösungen für tausende Gebäude zu entwickeln.
Ausgangspunkt der Debatte ist der tiefgreifende Strukturwandel beider großer Kirchen. Sinkende Mitgliederzahlen, rückläufige Einnahmen aus Kirchensteuern, weniger hauptamtliches Personal und steigende Bauunterhaltskosten setzen die Kirchen unter erheblichen Druck.
Evangelische Gemeinden verwalten rund 6.000 Gebäude
Allein in der Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern werden nach Angaben des zuständigen Referenten für Kirchengemeinden, dem Kirchenjuristen Florian Baier, rund 6.000 Gebäude in mehr als 1.500 rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden verwaltet. Darunter befinden sich 1.344 denkmalgeschützte Objekte. Für deren Unterhalt würden jährlich rund 30 Millionen Euro aufgewendet, rechnet Baier vor, zugleich wachse der Investitionsstau.
Baier machte deutlich, dass die Landeskirche ihre Immobilienstrategie grundlegend neu ausrichtet. Bis 2036 sollen nur noch etwa 50 Prozent der Immobilien aus Kirchensteuermitteln bezuschusst werden.
"Wir müssen auf einen Kernbestand an Gebäuden zurückfahren, damit wir weiterhin unsere Angebote aufrechterhalten können", sagte Florian Baier. Gleichzeitig betonte er: "Wir wollen als Kirche in der Fläche präsent sein." Ziel sei keine Zentralisierung, sondern eine neue räumliche Perspektive kirchlicher Präsenz.
Um diese Ziele zu erreichen setze die bayerische Landeskirche auf eine ganze Palette an Maßnahmen. So wurde die Firma "Equadra" gegründet, die die Gemeinden bei der Bewertung der Immobilien unterstützt. Eine eigene Stiftung wurde errichtet: Die "Stiftung Evangelische Baukultur" soll ebenfalls den Prozess unterstützen und auch dafür genutzt werden, neue Mittel für die Instandsetzung zu akquirieren. Zudem sollen die Ehrenamtlichen in den Gemeinden mit Informationsmaterial und Beratungsangeboten unterstützt werden, erklärte Baier.
Kirchen sind mehr als religiöse Versammlungsorte
Die Diskussion der gut besuchten Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing machte deutlich, dass Kirchen für eine Gesellschaft weit mehr sind als religiöse Versammlungsorte. Mehrere Referenten verwiesen auf die kulturelle, historische, soziale und städtebauliche Bedeutung von Kirchengebäuden.
Der Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz, Jakob Johannes Koch, sprach von Kirchen als einem "hochkulturellen Fundus der Gesellschaft". Studien belegten eine hohe Wertschätzung der Kirchenräume auch bei Menschen, die nur selten Gottesdienste besuchen. Wesentliche Motive seien die Atmosphäre, die Architektur und die ästhetische Qualität der Räume. Gleichzeitig warnte er vor alarmistischen Szenarien. Koch verwies darauf, dass bislang nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der katholischen Kirchen dauerhaft aufgegeben worden sei.
Faktisch stehen die Kirchen vor einer gewaltigen Transformationsaufgabe. Bundesweit gibt es rund 40.000 evangelische und katholische Kirchengebäude. Ein erheblicher Teil davon wird in den kommenden Jahren auf den Prüfstand gestellt – zwischen einem Drittel und einem Viertel aller Gebäude, wie die Professorin Karin Berkemann erläuterte.
Die Kunsthistorikerin und Theologin Karin Berkemann zählt zu den Initiatorinnen des "Kirchenmanifests". Darin werden Kirchen als Gemeingüter beschrieben, die weit über ihre religiöse Funktion hinaus kulturelle, soziale und städtebauliche Bedeutung besitzen. Angesichts sinkender Kirchenmitgliederzahlen und begrenzter finanzieller Mittel fordert das Manifest neue Trägerschaftsmodelle, etwa Stiftungen, sowie eine gemeinsame Verantwortung von Kirchen, Staat und Gesellschaft für den Erhalt dieser Bauwerke als öffentlich zugängliches Kulturerbe. Auf der Tagung forderte Berkemann eine neue Herangehensweise. So müssten die Gesetze angepasst werden, auch brauche es eine "ganz neue Matrix", um Kirchengebäude zu bewerten.
Kirchen als Raum für Gemeinwesen?
Großen Raum in der Diskussion in der Akademie nahm die Frage ein, welche Rolle Kirchen künftig für das Gemeinwesen spielen können. Mehrfach wurde dafür geworben, sakrale Räume wieder stärker als multifunktionale Orte zu verstehen. Koch erklärte, es sei durchaus wünschenswert, die historische Multifunktionalität vieler Kirchen neu zu aktivieren. Vorgestellt wurden Beispiele aus Bayern, Nordrhein-Westfalen, Belgien und den Niederlanden, bei denen Kirchen Kirchenraum und Gemeinwesen miteinander verbinden: als Sozialkaufhäuser, Kulturzentren, Begegnungsorte, Musikschulen, Kitas, Wohnprojekte oder Nachbarschaftszentren.
Der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Mathias Pfeil, betonte, Denkmalpflege sei kein Gegenspieler von Umnutzungen.
"Denkmalpflege lehnt Umnutzung nicht ab, wir wollen passende Nutzungsmodelle finden", sagte Mathias Pfeil. Angesichts einer bevorstehenden "Flutwelle" bei der Umnutzung von Kirchen sprach sich Pfeil für neue Kooperationsformate zwischen Kirchen und Denkmalpflege aus.
Pfeil kündigte eine baldige Gesetzänderung für Bayern an, die den Transformationsprozess der Kirchen unterstütze.
Kirchen als Orte der Demokratie
Eine politische und gesellschaftliche Dimension erhielt die Debatte durch den Beitrag des Soziologen Rainald Manthe. Er verwies auf schwindendes Vertrauen in demokratische Institutionen und den Verlust gemeinsamer Begegnungsorte. Bibliotheken, Schwimmbäder, Volkshochschulen oder Gaststätten würden vielerorts verschwinden. Demokratie brauche jedoch Orte zufälliger Begegnung und "demokratischer Irritation". Aus dieser Perspektive erhielten Kirchengebäude eine zusätzliche Bedeutung als Räume des Gemeinwohls.
Aus dem Publikum wurde die Forderung laut, die Diskussion nicht allein als Immobilien- oder Denkmalfrage zu betrachten. Ähnlich wie beim Klimaschutz müsse über einen langfristigen Schutz des Gemeinwohls nachgedacht werden. Die zentrale Frage laute: Welche Orte braucht die Demokratie künftig?
Die Tagung endete mit einem breiten Konsens darüber, dass die Transformation kirchlicher Gebäude nur gelingen kann, wenn neue Verantwortungsgemeinschaften entstehen. Kirchen allein werden die Aufgabe finanziell und organisatorisch nicht bewältigen können. Gefragt seien Partnerschaften mit Kommunen, sozialen Trägern, Stiftungen, Kulturinstitutionen und Bürgerinitiativen. Viele Teilnehmer formulierten dabei ein gemeinsames Ziel: Kirchen wieder stärker zu jener Art von multifunktionalen Räumen zu machen, die über Jahrhunderte Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens waren.
Umnutzung von Kirchen
Rund 40.000 Kirchen gibt es in Deutschland: Kleine Dorfkapellen, Stadtkirchen ebenso wie große Kathedralen und Kirchen. Immer häufiger werden diese Gebäude von Kirchengemeinden, Bistümern und anderen kirchlichen Trägern aufgegeben. Doch was geschieht mit dem Bauwerk?
Unser Dossier widmet sich der Frage der Umnutzung von Kirchen, hier sind die Beiträge:
- Kirchen im Wandel: Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing
- Beispiele für eine erfolgreiche Umnutzung von Kirchen
- Das Kirchenmanifest zur Umnutzung von Kirchen - mit einem Interview mit Karin Berkemann
- Kirchenräume neu denken: Ideen von Studierenden zur Umnutzung von Kirchen in der DG München
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