Nach der Völlerei rund um Weihnachten wird zum Jahresbeginn gerne die Bremse reingehauen. Da gibt es zum einen den "Dry January", der dazu einlädt, einen Monat lang keinen Alkohol zu trinken. Die Idee dazu stammt aus Großbritannien, wo sie seit 2014 als Gesundheitskampagne etabliert ist. Wenige Wochen später ruft die evangelische Kirche schon seit 1983 zur bewusst gestalteten Passionszeit unter dem Motto "7 Wochen Ohne". Hier soll man auch auf Alltagsgewohnheiten verzichten.
Fast ein Vierteljahr rauschlos – das ist länger als manche Beziehung und mindestens doppelt so lang wie der gute Vorsatz zum Jahresbeginn. Dabei sind die Ideen der beiden Aktionen so verschieden: "Dry January" will den Körper entlasten, die Beziehung zum Alkohol reflektieren. "7 Wochen Ohne" dagegen möchte den Menschen helfen, Gewohnheiten und die Verbindung zu Gott neu zu denken – ein Fasten, das im Kopf statt im Glas beginnt.
Kombination aus Fitness-Challenge und christlicher Bußpredigt
So kann man von Neujahr bis Ostern in der geistigen und geistlichen Abstinenz verharren – ein Zustand, der manchen an Askese erinnert, andere an eine falsch verstandene Kombination aus Fitness-Challenge und christlicher Bußpredigt.
Angemerkt sei hier, dass die Unterschiede zwischen "geistig" und "geistlich" manchmal marginal sein können. Auch ein Himbeergeist kann spirituelle Erfahrungen ermöglichen, das Herz erleichtern, Gedanken und Zunge lösen. Nach einem Kirchenbesuch hingegen hat man nur selten Kopfschmerz, aber eben auch selten das Gefühl, der Welt für fünf Minuten tiefere Wahrheiten abgerungen zu haben.
Was ist also spiritueller – der Verzicht auf einen geistigen Genuss, der einem nach zwei Schlucken ein heiliges Brennen im Kopf beschert, oder der Besuch eines Gottesdiensts, nach dem man gelegentlich ein noch intensiveres Brennen der eigenen Lebensfragen im Herzen spürt?
Wer nach dem Fasten wieder genießt, genießt bewusster
Doch sollte man die Fragen nicht gegeneinander ausspielen. Weder Alkohol noch Religion entfalten ihre tiefere Wirkung im Exzess. Ein guter Wein braucht Zeit und Aufmerksamkeit – eine gute Predigt auch. Beides schmeckt besser, wenn man nicht dauernd zugreift. Vielleicht liegt darin die heimliche Wahrheit von "Dry January" und "7 Wochen Ohne".
Am Ende geht es nicht darum, ob die Botschaft der Kirche einem Schnaps vorzuziehen ist – sondern darum, ob man gelernt hat, beides nicht gedankenlos zu konsumieren. Wer nach dem Fasten wieder genießt, genießt bewusster. Und wer nach der Predigt noch ein Glas trinkt, versteht sie vielleicht sogar besser.
Prost! Oder Amen.