Der November ist ein grauer Monat, der für viele Christen auf den Friedhöfen beginnt, über Volkstrauertag, Buß- und Bettag mit dem Ewigkeitssonntag endet. Regelmäßig werden am Anfang dieses Monats Stimmen laut, den 9. November zum Nationalfeiertag zu machen.
Denn es stimmt: Der 3. Oktober ist ein eher spröder Termin. Wir verdanken ihn verwaltungstechnischen Vorgängen bei der Wiedervereinigung. Seine Vorteile? Liegen für viele darin, dass Anfang Oktober gelegentlich noch die Sonne wärmt und er mitunter das Oktoberfest verlängert.
Was am 9. November geschah, legt dagegen nahe, von einem echten "Schicksalstag" der Deutschen zu sprechen: Hitler-Putsch 1923 und Judenpogrome 1938, Revolution 1918 und Mauerfall 1989 – immer wieder der 9. November. Doch wie soll man ein so widersprüchliches Datum zwischen Scham und Dankbarkeit "feiern"?
Wiedereinführung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag
Mitte November werden dann ebenso regelmäßig protestantische Stimmen laut, die eine Wiedereinführung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag fordern. 1994 war der für die Finanzierung der Pflegeversicherung geopfert worden. Zweifellos ein Fehler. Doch ein neuer (oder wiedererstehender) evangelisch-kirchlicher Feiertag hat heute keine realistischen Chancen. Büßen und Beten sind für eine immer stärker entkirchlichte Gesellschaft fromme, unverständliche Reizwörter.
Dabei findet das, was der Buß- und Bettag persönlich-spirituell meint, regelmäßig auf politisch-gesellschaftlicher Ebene statt: Der 9. November bringt "Büßen" und "Beten", Trauer und Schuld, Dankbarkeit und Hoffnung zusammen.
Als geschichtliches Datum verbindet dieser Tag die Erkenntnis von Sündhaftigkeit (Judenhass und ideologisch motivierte Gewalt) mit Buße (Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten) und getroster Hoffnung auf Versöhnung und Neuanfang (Mauerfall, Deutsche Einheit, jüdische Renaissance in Deutschland und europäische Vereinigung). Gerade die widerstreitenden Gefühle, die der 9. November auslöst, machen ihn zu einem gesellschaftlich-politischen Buß- und Bettag.
"Remembrance Day" - Tag des Gedenkens
Am 11. November gedenken Belgier und Franzosen mit dem "Jour de l’Armistice" des Waffenstillstands, mit dem der Erste Weltkrieg endete. In Großbritannien heißt der Feiertag "Remembrance Day", Tag des Gedenkens. Sein Symbol sind die roten Mohnblüten der Schlachtfelder.
Die roten "Poppies" trägt nicht nur der König am Revers, sie zieren rund um dieses Datum auch die Trikots der Premier-League-Fußballer, was dem Gedenktag regelmäßig weltweite Wahrnehmung verschafft.
Wie wäre es, wenn wir Deutsche den 9. November auch offiziell zum deutschen "Remembrance Day" machten, zum deutschen Erinnerungstag, zum "Buß- und Bettag der Deutschen"?