Die bayerische evangelische Landeskirche steht vor einem tiefgreifenden Umbau: Bis 2035 rechnet sie mit einem Rückgang von Personal, Kaufkraft und Kirchenmitgliedern um je 40 Prozent. Mit multiprofessionellen Teams und Zusammenarbeit in Regionalgemeinden will sie auf die Herausforderungen reagieren. 

Der für Personal zuständige Oberkirchenrat Stefan Reimers erläutert im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), wie die Kirche trotz knapper werdender Ressourcen handlungsfähig bleiben soll, welche Veränderungen den Gemeinden bevorstehen und warum er sich mehr Unterstützung für kirchliche Arbeit in Ostdeutschland wünscht.

Herr Reimers, mit welchen personellen und finanziellen Einschränkungen muss die bayerische Landeskirche in den kommenden Jahren rechnen und wie reagieren Sie als Personalchef darauf?

Stefan Reimers: Wir gehen bis 2035 von einem Rückgang von 40 Prozent bei Hauptamtlichen, Kaufkraft und Kirchenmitgliedern aus. Das ist eine dramatische Entwicklung, auf die wir reagieren müssen, auch in unserer Landesstellenplanung. Stellen werden grundsätzlich nach Gemeindegliederzahl und Fläche zugewiesen. Das könnte jedoch in kleinen Dekanaten unverhältnismäßig hohe Kürzungen zur Folge haben. Deshalb haben wir die Stellenkürzungen auf maximal 35 Prozent gedeckelt. Einige Bereiche aber sind von Kürzungen ausgenommen, zum Beispiel die Kirchenmusik, weil sie eine besondere Strahlkraft hat. Leitungsstellen auf Dekanatsebene werden ebenfalls nicht gekürzt, weil wir sie brauchen, um die anstehenden Reformen mit entsprechender Führungskapazität umzusetzen. Und fremdfinanzierte Stellen kürzen wir auch nicht, damit wir diese Gelder nicht verlieren.

Wie zentral und dezentral sind denn die Entscheidungen zum Personal? Was wird in München entschieden und was vor Ort?

Die Landesstellenplanung wird im November in Amberg der Synode zum Beschluss vorgelegt. Darin sind die Stellenzuweisungen für die einzelnen Dekanate enthalten. Wie die Stellen aber konkret besetzt werden, soll vor Ort entschieden werden. Wir haben in Bayern um die 60 Dekanate. Was jedes einzelne an personeller Ausstattung benötigt, ist für uns im Landeskirchenamt in München nicht im Einzelnen ersichtlich. Geplant ist, dass alle Dekanatsbezirke ihre Beschlüsse zur Landesstellenplanung bis 2032 fassen müssen. Umgesetzt werden müssen die Beschlüsse bis Ende 2034.

"Verbindliche Teamarbeit ist unsere Antwort"

Als zentrale Antwort auf den Ressourcenrückgang setzen Sie auf multiprofessionelle Teams in Regionalgemeinden. Wie sieht dieses Arbeitsmodell in der Praxis aus?

Verbindliche Teamarbeit ist unsere Antwort darauf, dass wir weniger werden. Künftig werden Stellen nur noch besetzt, wenn sie in multiprofessionellen Teams von mindestens fünf Vollzeitäquivalenten organisiert sind. Dazu gehören die Berufsgruppen Pfarrer, Diakone, Religionspädagogen, Pädagogen, Absolventen biblisch-theologischer Ausbildungsstätten sowie Kirchenmusiker. In jedem dieser Teams muss mindestens eine volle Theologenstelle und eine halbe theologisch-pädagogische Stelle vertreten sein. Über die restliche Zusammensetzung soll vor Ort entschieden werden.

Die Geschäftsführung übernimmt außerdem die Verwaltung und den Haushalt aller Kirchengemeinden, die in einer Regionalgemeinde zusammengeschlossen sind. So sollen die Ortsgemeinden von zeitraubender Bürokratie entlastet werden, so dass sie sich wieder mehr auf ihre inhaltliche Arbeit konzentrieren können.

Welche Vorteile bringen diese Teams für die Mitarbeitenden - und wo liegen die schmerzhaften Punkte für die Gemeinden vor Ort?

Der größte Vorteil liegt darin, dass niemand mehr als Einzelkämpfer arbeiten muss, sondern Aufgaben nach Begabungen und Schwerpunkten aufgeteilt werden können. Das macht den Dienst für die jüngere Generation attraktiv: Vikare und Vikarinnen sagen uns immer wieder, dass sie gern im Team arbeiten wollen. Auf der anderen Seite ist uns sehr wohl bewusst, dass in den Gemeinden vor Ort oft Trauer, Sorge und Angst herrschen, wenn vertraute Pfarrerbilder oder Gemeindehäuser aufgegeben werden müssen.

"Die Kirche ist kein starrer Ort"

Sie sprechen da einen sehr emotionalen Punkt an: Für viele gehören der Pfarrer oder die Kirche im Dorf einfach dazu...

Sich von liebgewonnenen Strukturen zu verabschieden, erfordert echte Trauerarbeit und die Bereitschaft, Arbeitsbereiche regional neu zu bündeln. Das fällt den einen leichter, den anderen schwerer. Beständigkeit ist für viele ein hohes Gut. Aber aus theologischer Sicht ist die Kirche kein starrer Ort, sondern sie entwickelt sich weiter. Dafür steht auch der Leitsatz "ecclesia semper reformanda est" (Deutsch: "Die Kirche muss beständig reformiert werden").

Welche Rolle spielen denn die Ehrenamtlichen, wenn die Zahl der Hauptamtlichen sinkt?

Es wäre ein absoluter Trugschluss zu glauben, dass wir den Rückgang an Hauptamtlichen einfach durch mehr Ehrenamtliche ausgleichen können. Wenn die Kirchenmitgliederzahl schrumpft, warum sollte da automatisch die Zahl der Ehrenamtlichen steigen? Was nötig sein wird, sind verstärkte Ausbildungs- und Fortbildungsprogramme für Ehrenamtliche, damit sie nach ihren Neigungen Leitungsaufgaben übernehmen können. Dazu müssen die hauptamtlichen Teams sie ermutigen und gezielt dabei begleiten. Der Servicepoint Ehrenamt bündelt dafür Informationen, Fortbildungsangebote sowie Materialien und macht sie zentral zugänglich. Außerdem werden die Rollen klar aufgeteilt: Während der Kirchenvorstand der Regionalgemeinde Finanzen und Personal verantwortet, gestaltet der Ortskirchenvorstand das inhaltliche Gemeindeleben vor Ort.

"Wir dürfen uns keinesfalls abkapseln"

Die Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer sinkt. Die Ausbildung sollte dementsprechend attraktiv für junge Menschen sein. Welche Anforderungen stellen Sie ans Theologiestudium der Zukunft?

Das Theologiestudium muss meines Erachtens dringend weiterentwickelt werden. Der Schwerpunkt sollte stärker auf gegenwarts- und gesellschaftsrelevanten Fragen liegen und weniger auf historischen Wissenschaften. Ich wünsche mir eine intensivere Auseinandersetzung mit praktischer und systematischer Theologie, Philosophie sowie aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen. Mit unserer landeskirchlichen Augustana-Hochschule verfügen wir über eine Denkwerkstatt, wo wir Schwerpunkte wie Philosophie, Genderstudies und Missionswissenschaft setzen. Außerdem bauen wir den Studiengang für Quereinsteiger gezielt aus. Wichtig finde ich, dass wir über den bayerischen Tellerrand hinausblicken: Wir bilden unsere Vikarinnen und Vikare gemeinsam mit der sächsischen Landeskirche aus. Dort lernen sie, was es heißt, Kirche auch unter herausfordernden, teils sogar kirchenfeindlichen Rahmenbedingungen zu gestalten.

Wie möchte die Kirche bei sinkenden Mitgliederzahlen als gesellschaftlich relevanter Akteur wahrnehmbar bleiben?

Wir müssen bei den entscheidenden Lebensfragen nah bei den Menschen sein. Ein zentrales Pfund ist der verfassungsmäßig garantierte Religionsunterricht, über den wir junge Leute erreichen und Werte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt vermitteln. Ebenso unverzichtbar ist die enge Zusammenarbeit von Kirchengemeinde und Diakonie, um an der Seite der Schwächsten in der Gesellschaft zu stehen. Wir dürfen uns als Kirchengemeinden trotz unserer Herausforderungen keinesfalls abkapseln.

"Wir gehen dorthin, wo gesellschaftlicher Zusammenhalt bedroht ist!"

Blicken wir abschließend über Bayern hinaus: Angesichts gesellschaftlicher Verunsicherung in Ostdeutschland haben Sie eine besondere Initiative für Bundesländer wie Sachsen-Anhalt ins Gespräch gebracht. Was schwebt Ihnen da vor?

Die gemeinsame Vikarsausbildung mit Sachsen zeigt uns bereits, wie wichtig gegenseitiges Lernen ist. Angesichts der besonderen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen im Osten reicht es mir jedoch nicht aus, nur mitfühlende Worte zu sprechen. Wir müssen zum Beispiel in der EKD darüber nachdenken, wie wir bewusst in Regionen und gesellschaftliche Situationen hineingehen, die uns als Kirchen fordern. Ich könnte mir vorstellen, dass wir und andere Landeskirchen unseren besorgten Worten kraftvolle Taten folgen lassen, und uns auch personell in Sachsen-Anhalt - und in anderen Regionen - engagieren: Wir gehen dorthin, wo gesellschaftlicher Zusammenhalt bedroht ist!