Erst weg, dann wieder zurück. Diese Geschichte hat Landesbischof Christian Kopp in diesen Tagen so oft gehört, dass sie für ihn zum roten Faden seines Besuchs geworden ist. "Liebe auf den zweiten Blick", nennt er das. Junge Leute erzählten ihm, dass sie nach dem Aufwachsen im Fichtelgebirge so schnell wie möglich wegwollten, nach Dresden, Nürnberg oder Berlin. Irgendwann kamen sie zurück. Hauptamtliche berichteten, wie sie in die Region geschickt wurden, ohne recht zu wissen, wo sie überhaupt liegt. Hin wollten sie nicht. Heute wollen sie nie wieder weg.

Kopp erzählt das mit einem Schmunzeln. Für ihn steckt darin aber mehr als eine Anekdote. "Ich glaube, das ist eine Region, da geht mehr."

Volle Bänke, viel Herzlichkeit

Schon der Auftakt am Dienstagabend setzte ein Zeichen: Beim Gottesdienst in der Maria-Magdalena-Kirche in Arzberg waren die Bänke fast bis auf den letzten Platz besetzt. Kopp hat aber mehr gesehen als volle Bänke. "Ich habe hier ganz viel lebendiges, evangelisches Leben kennengelernt, auf ganz vielen verschiedenen Ebenen", sagt er – bei Ehrenamtlichen, die das Gemeindeleben tragen, und bei Hauptamtlichen, die gern hier leben und arbeiten. Am meisten hat ihn die Herzlichkeit beeindruckt. 

"Dieses Ich bin gern hier und ich mache das mit Kopf und Herz. Das habe ich ganz stark gespürt."

Thunfischpizza und hungrige Kinder

Im Schülercafé in Selb wollte Kopp genau das essen, was auch die Kinder und Jugendlichen bekommen. Er entschied sich für Thunfischpizza. Sein Urteil: "War exzellent."

Gesprochen wurde dort aber nicht nur über das Essen, sondern auch über Kinderarmut. Über Kinder, die sich kein Essen leisten können. Über Kinder, die ohne Frühstück in die Schule kommen, weil es zu Hause nichts gibt.

Das gehe ihm sehr nahe, sagt Kopp. Viele Kinder und Jugendliche in der Region hätten mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Umso mehr freut ihn, dass die evangelische Stadtkirche in Selb das Schülercafé betreibt und richtig Geld hineinsteckt, damit das Essen für die jungen Gäste möglichst wenig kostet. Für den Landesbischof ist das kein nettes Extra, sondern Kernauftrag: "Wir sind da gefragt, gerade beim Thema Armut. Das ist unser Thema, das ist aus der Jesus-Perspektive ganz klar. Kümmert euch um die Menschen, die zu wenig zum Leben haben."

Weniger Geld, aber nicht weniger Nähe

Dass Engagement allein die Zukunft nicht sichert, weiß Kopp. Das Fichtelgebirge verändert sich, das Christliche ebenso. Die Mitgliederzahlen sinken, und Selb und Wunsiedel sollen bald ein gemeinsames Dekanat bilden. Vom Rückzug aus der Fläche hält der Landesbischof trotzdem nichts. "Kirche ist lokal und persönlich. Was anderes geht gar nicht."

Es gehe um Beziehungen, um Nähe, Mitgefühl und Empathie. Deshalb brauche es auch künftig viele kirchliche Orte im Fichtelgebirge. Nur müsse nicht jede Gemeinde alles allein stemmen.

Wie das gehen kann, hat sich Kopp in Marktredwitz angesehen. Dort macht nicht mehr eine Pfarrperson die Geschäftsführung, sondern jemand, der das gelernt hat. Anfangs seien viele skeptisch gewesen, erzählt Kopp, inzwischen sprächen sie von einem Volltreffer. Die Pfarrerinnen und Pfarrer hätten wieder mehr Zeit für die Menschen und für die Beziehungsarbeit vor Ort.

Ein Wort, das in kirchlichen Debatten gerade ständig fällt, mag Kopp nicht besonders: sparen. Damit sei er "gar nicht so glücklich". Die Kirche habe eigentlich nie gespart, sondern immer das Geld weitergegeben, das ihr die Mitglieder zur Verfügung stellen. Kommt weniger herein, kann sie weniger verteilen. Dann müsse man darüber reden, was direkt an die kirchlichen Orte fließt und was in überregionale und landesweite Einrichtungen. Ein Beispiel liegt nah: Das Interview mit Kopp fand im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad statt, einer von nur drei Einrichtungen dieser Art in der Landeskirche. 

Eine einfache Antwort hat er nicht, wohl aber eine klare Priorität: kirchliche Arbeit vor Ort so weit wie möglich erhalten, "kreativ, lebendig und spirituell tief". Dafür brauche es engagierte Ehrenamtliche, engagierte Hauptamtliche. Und Gottes Geist.

Glauben unter freiem Himmel

Viel gelernt hat Kopp nach eigenen Worten von einem Unternehmer aus Weißenstadt, der mit seinem Betrieb auf Tourismusmessen unterwegs ist. Das Fichtelgebirge sei eine unwahrscheinlich schöne Gegend, habe der ihm erzählt, aber kaum jemand wisse, wo es liegt. Manche verorten es in Sachsen. Warum es hier so wenige Wellnesshotels gibt, kann sich auch Kopp nicht erklären. "Die Natur ist der größte Schatz hier im Fichtelgebirge."

Darin sieht er auch eine Chance für die Kirche. "Wir kommen vom Gebet her als evangelische Kirche", sagt Kopp. Er selbst bete "mehrfach täglich". Dafür gebe es die Kirchen. Aber viele Menschen wollten eben nicht in eine Kirche gehen und sich dort von einer Pfarrerin etwas sagen lassen. Für sie brauche es niederschwellige Orte, die man frei betreten kann.

Einen solchen Ort hatte Kopp in Wunsiedel auf dem Programm: den Meditationsweg, den Menschen in ökumenischer Nachbarschaft angelegt haben. Er verbindet das Draußensein in der Natur mit dem Zur-Ruhe-Kommen und der Frage, was einen bewegt und wie man leben möchte. Kopp war vorab "total neugierig" darauf. Gehört hatte er schon, dass Menschen aus ganz Deutschland kommen und sich so etwas auch für ihre Gegend wünschen.

Was mit nach München geht

Die Eindrücke aus Selb und Wunsiedel sollen in den Bischofsbericht einfließen, an dem Kopp gerade für die Landessynode arbeitet. Dem künftigen gemeinsamen Dekanat gibt er einen Wunsch mit auf den Weg: an der Frage dranzubleiben, was die Identität des Fichtelgebirges ausmacht und was die Menschen hier verbindet. Davon habe er sehr viel gespürt.

Und was bleibt für ihn persönlich? "Ganz viele unglaublich tolle Menschen und tolle Begegnungen mit Menschen, die sich mit Herz und Seele im Namen Gottes für die Menschen hier in der Region einsetzen." Er fahre unheimlich dankbar zurück.