Endlose Sprachnachrichten bei WhatsApp, die sich gar nicht alle oben im Chat als Erinnerung pinnen lassen — am besten also direkt in den Kalender überspielen: wann man die Updates der Schulfreundin in Berlin, die Erfahrungsberichte der ersten vier Monate als frischgebackene Mama der Arbeitskollegin und die — man hat das ja meistens im Gefühl — Ankündigung der nächsten Hochzeit samt romantischer Vorgeschichte abhört. Vielleicht auf dem Weg zum Pilates. Das sind genau zehn Minuten mit dem Fahrrad.

Dann geht's ans Kalibrieren der Lücken im Kalender. Zwei Stunden Brunch am Sonntag? Passt. Wenn man jetzt reserviert. Ja, auch fünf Wochen im Voraus.

Wir leben in Brunch-Vegas Bayern, Münchens bevorzugter Sitzlandschaft, in der Geselligkeit ohne Slot kaum noch stattfindet.

Was wie eine harmlose Marotte urbaner Mittelschicht wirkt, ist in Wahrheit ein Symptom – und keineswegs das einzige. Freundschaft wird zunehmend in das Format effizienter Briefings überführt. Man trifft sich nicht mehr, um Zeit zu teilen, sondern um sie zu strukturieren. Zwei Stunden, klare Agenda, kompakte Updates. Danach zurück ins eigene Leben.

Für diese systematische Verdichtung von Beziehung hat die Gegenwartskultur schmissigen Begriff erfunden: "Catch-up-Culture".

Vom Leben berichten, statt es zu teilen

Die Catch-up-Culture beschreibt genau das: Freundschaft, die unter dem Druck des Spätkapitalismus zum effizienten Status-Update verkümmert.

Statt am Leben der anderen teilzunehmen – angerufen zu werden, wenn jemand keinen guten Tag hatte, oder einfach mit Pizzakartons vor der Tür zu stehen, weil 2 für 1 bei Wolt nun mal unschlagbar ist, oder aus einem Bauchgefühl heraus zu fragen, 'hey, wie geht's dir eigentlich' – wälzen wir stattdessen Kalender hin und her und tragen uns Termine für die halbjährliche Lebensbilanz ein – Jobwechsel, Krisen, neue Liebe: alles retrospektiv, komprimiert, standardisiert. Am Ende bleibt nur das triumphale Gefühl: erledigt. Haken dran.

So teilen wir nicht mehr unser Leben, wir halten uns lediglich mit Statusmeldungen auf dem Laufenden. Das Treffen, die Sprachnachricht, sie suggerieren Nähe – während sie in Wahrheit Distanz schaffen. Kein Wunder also, dass die "Catch-up-Culture" derzeit keinen besonders guten Ruf genießt.

Warum der Kapitalismus Freundschaft für ineffizient hält

Warum trägt der Spätkapitalismus Mitschuld an der Erosion von Freundschaft? Weil er längst nicht mehr nur die Arbeitszeit plant, sondern inzwischen auch unsere Freizeit – und damit, das was Freundschaft ausmacht. Die Marktgesellschaft lehrt Effizienzlogik, Hierarchie und individuelle Präferenzordnung. Sie priorisiert, was sich rechnet. Und Freundschaft rechnet sich nicht.

Die Politikwissenschaftlerin Emilia Roig bringt es im Gespräch mit der "Wochenzeitung" auf den Punkt:

"Es gibt keine Freundschaftsverträge und keine offizielle, schriftliche Kündigung von Freundschaften".

In der Logik des Kapitalismus siedelt sie die Freundschaft weit unten in der Beziehungshierarchie an. Die Paarbeziehung throne oben, weil sie Care-Arbeit – unbezahlt, meist von Frauen geleistet – für die Kleinfamilie sichere, die das System reproduziere.

Freundschaften fordern also Zeit ohne Rendite. Sie sind, ökonomisch gesprochen, ineffizient.

Das subversive Potenzial: Was Freundschaft dem Markt entzieht

Genau hierin liegt die eigentliche Kraft der Freundschaft. Roig spricht von einem "enorm subversiven Potenzial" – und meint damit jene Freiheit, die Freundschaft von allen anderen Beziehungsformen unterscheidet: Sie existiert ohne Zwang und Kontrolle. Sie ist das Einzige, was man wirklich nicht verwalten kann. Weswegen man sich nach einem Jahr ohne jedes Update noch nah sein kann – nicht trotz der Pause, sondern wegen der Freiheit, die sie erlaubt.

Keine To-Do-Liste, die abgearbeitet werden will, kein Termin, der passen muss. Stattdessen das, was die Biologie Homöostase nennt: ein Gleichgewicht, das sich selbst reguliert durch Aufmerksamkeit, Teilnahme, Fürsorge und Interesse ohne Kalkül.

Das heißt nicht, dass diese innere Balance ein Garantieschein für gelingende Freundschaften ist. Freundschaften können jederzeit kippen, einschlafen, scheitern – nicht, weil wir uns zu wenig gecatcht-up hätten, sondern aus vielen Gründen: politische Differenzen, Enttäuschungen oder schlicht, weil das feine Gleichgewicht übersehen wurde, während wir unsere Energie auf optimierte Lebensupdates verschwendetet haben.

Die nächste Stufe: Wenn aus Catch-up Status-Culture wird

Wenn wir Freundschaft weiter dem Kapitalismus opfern, ist die Catch-up-Culture erst der Anfang.

Die nächste Stufe könnte mann vielleicht "Status-Culture" nennen: noch transaktionaler, noch kälter. Freundschaft als sozialer Spiegel, der einem nicht mehr sagt, wie es dem anderen geht — sondern nur noch, wo man selbst steht. Job, Beziehung, Urlaub, Hobbys: alles Datenpunkte im gegenseitigen Abgleich.

Am Ende steht ein doppelter Verlust. Erstens: der andere als Mensch mit seiner Nähe, seinem Interesse und geschenkten Zuneigung. Und zweitens: das Vertrauen in sich selbst. Und das ist genau das, was die Catch-up-Culture, in ihrer möglichen Weiterentwicklung zur Status-Culture, systematisch untergräbt.