Den Deutschen geht es nicht gut. Und das nicht nur gefühlt, sondern auch empirisch gemessen: Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt, bei Frauen liegt sie konstant höher als bei Männern. Die Gründe sind vielfältig, und einer davon ist, bei aller Ambivalenz, ein Fortschritt: Es ist nicht mehr beschämend, über Burnout, Depression oder Angststörungen zu sprechen.

Und dieser Fortschritt bringt Menschen früher in Behandlung, bevor Symptome sich verhärten und der totale Crashout folgt. Nur: Er findet sie kaum noch. Ein halbes Jahr Wartezeit gilt inzwischen als Glücksfall. Zwei Jahre sind keine Seltenheit. Wer zahlen kann, weicht auf privaten Praxen aus. Wer es nicht kann, wartet – und wird in dieser Wartezeit oft noch kränker.

4,5 Prozent weniger: Wie der GKV-Spitzenverband einen Berufsstand trifft

In einem System, das sich gern seiner "Systemrelevanz" versichert, sollte man erwarten, dass ein solcher Engpass politisch wie ökonomisch beantwortet wird: durch Ausbau, durch Aufwertung, durch bessere Vergütung.

In der Sprache des Berufs heißt das übrigens nicht Lohn, sondern Honorar – von lateinisch honorarium: Anerkennung für geleistete Arbeit. Ehrung, sogar. Von wegen. Zum 1. April 2026 wird die Vergütung in der ambulanten Psychotherapie um 4,5 Prozent gesenkt. Betroffen ist die große Mehrheit der niedergelassenen Psychotherapeut:innen im Kassensystem.

Und das wird noch als fairer Kompromiss verkauft. Ursprünglich hatte der GKV-Spitzenverband eine Kürzung von zehn Prozent gefordert. Erst der Erweiterte Bewertungsausschuss reduzierte sie auf 4,5 Prozent. Dagegen stimmten die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sowie die beteiligten Berufsverbände. Durchgesetzt hat sich am Ende dennoch das Schiedsgremium des GKV-Spitzenverbands – ein Gremium, in dem psychotherapeutische Expertise strukturell unterrepräsentiert ist.

Lauter Protest, keine Wirkung: Warum sachliche Argumente nicht ankommen

Der Protest der Psychotherapeut:innen ist entsprechend laut – und zugleich eigentümlich wirkungslos. Er entfaltet sich in Sonder-Podcastfolgen, offenen Briefen, Petitionen, auf social Media und auf Demonstrationen, wie zuletzt am Samstag in München. Es ist ein auffallend artikulierter, reflektierter Protest. Und vielleicht liegt genau darin sein Problem.

Psychotherapeut:innen tun, was sie am besten können: Sie benennen, was andere lieber verdrängen, sie selbst nun unmittelbar betrifft – die Wut über eine Politik, die ihre Arbeit systematisch entwertet, die Sorge um Patient:innen, die bereits jetzt kaum Termine bekommen, und die begründete Annahme, einer Logik im Gesundheitssystem ausgeliefert zu sein, gegen die sachliche Argumente nicht ankommen. 

Sie tun das ohne Schaum vor den Mund, klar, laustark aber kontrolliert mit Argumenten. Doch es verpufft. Die Öffentlichkeit nimmt es zur Kenntnis, berichtet darüber – und wischt weiter: Gaspreise, Irankrieg, Sondervermögen. Da fängt die Empörung plötzlich an zu kochen, politisch zu werden, parteiübergreifend, in alle Himmelsrichtungen des politischen Spektrums gleichzeitig. 

Hebammen, Psychotherapeut:innen, Care-Berufe: Ein Muster, das sich wiederholt

Ein Blick auf andere, strukturell verwandte Konflikte verstärkt diesen Eindruck. Der Streit um den Hebammenhilfevertrag, der 2025 durch eine Schiedsstelle festgesetzt und erst nach monatelangen Auseinandersetzungen nachgebessert wurde, folgt einem ähnlichen Muster. Zwei Berufsgruppen, beide überwiegend weiblich: Bei den Hebammen liegt der Anteil bei über 99 Prozent, bei den Psychotherapeut:innen bei 80 Prozent, bei unter 35 Jährigen sogar über 90 Prozent.

Beiden fehlt eine schlagkräftige Lobby. Beide sind – ohne Übertreibung – systemrelevant im medizinischen Wortsinn: Wo sie fehlen, bricht die Grundsersorgung weg. Und beide haben erfahren, was Verbände eigentlich verhindern sollen: dass ihre Mitglieder nach Verhandlungen zu den Leistungen am Ende schlechter dastehen als zuvor. Bei den Psychotherapeut:innen trifft es die Vergütung direkt. Bei den Hebammen erzeugen neue Vertragsstrukturen ähnliche Effekte. Beide Berufsgruppen kämpfen um ihre Existenzgrundlage.

Es ist nicht schwer darin ein wiederkehrendes Muster zu erkennen: Care-Arbeit, gesprächsorientierte Medizin, zuwendungsintensive Berufe sind offenbar leicht zu kürzen.

"Studiert lieber was anderes": Wenn erfahrene Therapeut:innen den eigenen Beruf warnen

Eine der deutlichsten Stimmen in dieser Debatte ist Franka Cerutti. Die psychologische Psychotherapeutin erreicht mit ihrem Podcast "Psychologie to go!" ein Millionenpublikum. Umso bemerkenswerter ist die Konsequenz, die sie aus der aktuellen Entwicklung zieht: Sie rät jungen Menschen inzwischen davon ab, Psychologie zu studieren. Und zwar, so sagt sie in ihrem Podcast, aus nüchterner Analyse der existenzgefähredenden Realität dieses Berufs.

Wenn eine etablierte, erfolgreiche Therapeutin öffentlich davon abrät, den eigenen Beruf zu ergreifen, ist das mehr als eine persönliche Einschätzung. Es ist ein Alarmsignal – und zwar aus der Mitte der Gesundheitssersorgung. 

Was Franka Cerutti formuliert, ist keine Einzelmeinung, sondern verdichtet ein Gefühl, das sich derzeit durch den gesamten Berufsstand zieht: dass sich dieser Beruf ökonomisch aushöhlt, während seine gesellschaftliche Bedeutung wächst.

52 Euro Stundenlohn, zwei Kredite, Burnout: Die harte Ökonomie des Therapiealltags

Die harten Fakten dazu sind ernüchternd. Psychotherapeut:innen arbeiten in der Regel selbstständig. Das heißt: laufende Kosten. Praxismiete, Reinigung, Versicherungen, Fortbildungen, und nicht zuletzt die sogenannte "Telematikinfrastruktur" – jenes Unwort für das digitale Pflichtprogramm des Gesundheitswesens. Zieht man all das ab, bleiben laut Cerutti rund 52 Euro pro tatsächlich geleisteter Arbeitsstunde. Das ist, gemessen an Qualifikation und Verantwortung, zu wenig.

Zum Vergleich: Andere fachärztliche Gruppen verdienen im Schnitt etwa doppelt so viel – obwohl Psychotherapeut:innen formal denselben langen Ausbildungsweg durchlaufen, im Arztregister geführt werden und dennoch im Einkommensranking konsequent das Schlusslicht bilden.

Der GKV-Spitzenverband hält dagegen: Die Honorare für Psychotherapeut:innen seien seit 2013 stärker gestiegen als bei anderen Facharztgruppen. Das stimmt. Es verschweigt aber die entscheidende Frage: Was nützt eine überdurchschnittliche prozentuale Steigerung, wenn der Ausgangswert bereits niedrig ist? Wer einen Euro verdient und zehn Prozent Erhöhung bekommt, verdient danach 1,10 Euro. Wer zehn Euro verdient und zehn Prozent bekommt, elf Euro.

Prozentuale Gerechtigkeit auf ungleichem Terrain ist keine Gerechtigkeit. Sie ist eine Chimäre. 

Die Kürzung um 4,5 Prozent trifft die Berufsgruppe der psychologischen Psychotherapeut:innen daher ins Mark. Zumal sie auf eine Realität trifft, in der der Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand seit Jahren wächst. Anträge, Verlaufsberichte, Abrechnungen – Tätigkeiten, die nicht vergütet werden, aber Zeit binden. Eine Assistenz können sich viele Praxen nicht leisten. Also erledigen Therapeut:innen diese Arbeit selbst, nach den Sitzungen, in den Abendstunden. Unbezahlt natürlich.

Dabei beginnt diese ökonomische Belastung nicht erst im Berufsalltag, sondern schon bei Berufseinstieg. Die meisten nehmen als erstes einen Kredit auf. Die Ausbildung ist lang, kostenintensiv – und in weiten Teilen schlecht oder gar nicht vergütet. Mit der Approbation endet diese Phase nicht, sondern mündet in die nächste Hürde: den Kassensitz. Wer gesetzlich Versicherte behandeln will – also den Großteil der Bevölkerung –, benötigt eine kassenärztliche Zulassung. In Großstädten kostet ein halber Kassensitz nicht selten 50.000 Euro oder mehr.

Viele steigen also verschuldet in einen Beruf ein, und für nicht weniger viele ist das bereits der zweite Kredit – der erste lief während der langen Ausbildung, in der man zwar vollzeitig arbeitet, aber keinen Cent verdient. 

Warum trifft es immer dort zuerst – wo mehrheitlich Frauen arbeiten?

Es trifft eine Generation, die mehrheitlich weiblich ist, oft unter 35. Und es führt zu einer Frage, die unangenehm ist, aber sich aufdrängt:

Warum wird im deutschen Gesundheitssystem ausgerechnet dort zuerst gekürzt, wo überwiegend Frauen arbeiten?

Bei den Hebammen. Bei den Psychotherapeut:innen. Dass beide Berufsgruppen systemrelevant sind – dieses Wort, schon wieder –, steht außer Frage. Es reicht offenbar trotzdem nicht.

Und wofür das alles? Die Einsparungen durch die Honorarkürzung belaufen sich auf rund 40 bis 50 Millionen Euro – etwa 0,05 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Eine recht marginale Summe. Doch selbst diese Rechnung greift zu kurz. Denn sie betrachtet nur die unmittelbare Einsparung, nicht die Folgekosten. 

Wer an der ambulanten Versorgung psychisch erkrankter Menschen spart, verschiebt Ausgaben in die Zukunft – und in andere Versorgungsbereiche.

Unbehandelte oder zu spät behandelte Erkrankungen chronifizieren sich. Patientinnen und Patienten, die jahrelang keinen Therapieplatz finden, landen häufiger in stationärer Behandlung. Und die ist um ein Vielfaches teurer. 

Wer also tatsächlich effizient sparen wollte, müsste an anderer Stelle ansetzen. Ein Blick auf die Verwaltungskosten der Krankenkassen wäre ein Anfang. Diese sind laut Bundesministerium für Gesundheit im Jahr 2025 um 4,7 Prozent gestiegen – ein Plus von 602 Millionen Euro. Das ist ein Vielfaches dessen, was die Kürzung bei den Psychotherapeut:innen einbringen soll.

Wenn also gespart werden soll, dann am besten dort, wo Strukturen träge, Prozesse redundant und Effizienzgewinne realistisch sind. Dort gehört auch die Debatte über den sinnvollen Einsatz von Technologie hin – in Verwaltung und Organisation, nicht in den Therapieraum als verkappte Sparmaßnahme durch "innovative" und "kostengünstigere" KI-Therapeut:innen.

Denn eines ist klar: Psychotherapie darf kein Luxusgut werden. Weder für diejenigen, die sie anbieten, noch für diejenigen, die auf sie angewiesen sind. Wenn Kassenpraxen verschwinden und Privatpraxen überlaufen sind von denen, die es sich leisten können. Dann ist das ein sozialer Bruch mit Folgen für die öffentliche Gesundheit.

Einzelstimmen oder politische Kraft: Was jetzt zählt

Die Instanz, die diese Entwicklung aufhalten könnte, ist die Politik – genauer: das Gesundheitsministerium. Dazwischen stehen Berufsverbände und Patientenvertretungen, die Druck erzeugen können und müssen. Denn Einsparungen im Gesundheitswesen folgen keiner Naturgesetzlichkeit. Sie sind das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, von Macht, von Durchsetzungsfähigkeit. Wer organisiert ist, wer Allianzen schmiedet, wer Öffentlichkeit herstellt, der wird gehört.

Entscheidend wird sein, ob aus den vielen einzelnen Stimmen eine politische Kraft wird. Am besten bevor das Gesundheitssystem an seinen eigenen Folgekosten kollabiert.