Für Mohammed Ali Habibi (25) und seine Schwester Firshta war der Umzug in eine eigene Wohnung wie ein Befreiungsschlag. Endlich eine eigene Küche, ein eigenes Bad, aber vor allen Dingen: ein Rückzugsraum, wenn man Ruhe sucht - oder sich konzentrieren muss. "Hausaufgaben zu machen, das war vorher wirklich schwer", sagt die 14-jährige Firshta. Ohne Hilfe wären die beiden Afghanen wohl bis jetzt nicht aus der Gemeinschaftsunterkunft ausgezogen. Unterstützt hat sie "Wohnraum für Alle".

Das Projekt "WoFA", wie es abgekürzt heißt, gibt es bayernweit in 13 Städten und Landkreisen - von Hof im Nordosten bis Kempten im Südwesten. Ab 2019 wurde es von der bayerischen Landeskirche zusammen mit der Diakonie landesweit ausgerollt. Ziel ist es, Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund bei der Suche nach eigenem Wohnraum zu helfen. Denn: Vorurteile und Sprachbarrieren erschweren diesen Gruppen den Zugang zum Mietmarkt. Es geht dabei aber nicht nur um die Vermittlung von Wohnungen.

Wie WoFA Geflüchtete auch nach dem Einzug unterstützt

Sabine Guddat arbeitet in der WoFA-Beratung am Standort Kaufering nördlich von Landsberg am Lech: "Wir vermitteln natürlich auch Wohnraum, aber vor allem begleiten wir die Menschen bei der Wohnungssuche und auch nach dem Einzug." So sei zum Beispiel vieles, was Vermieter als "Grundwissen" bei Mietern voraussetzen, für Menschen aus anderen Ländern oft schlicht unbekannt. Das fange bei der Mülltrennung an, gehe über die schwer zu verstehende Nebenkostenabrechnung und reiche bis zu Versicherungsfragen oder Ruhezeiten.

Ihre Kollegin Angeline Bretonville vom WoFA-Projekt in Augsburg unter dem Dach der Diakonie ergänzt: "Wir machen die potenziellen Mieter fit für ein Mietverhältnis - und wir begleiten die Tandems aus Vermietern und Mietern bei Bedarf über eine längere Zeit." Denn viele Vermieter hätten zwar an sich kein Problem damit, auch an Menschen mit Migrationshintergrund zu vermieten, oft aber bereite ihnen die Sprachbarriere Sorgen: "Man will ja schließlich, dass einen das Gegenüber versteht", sagt Bretonville. Auch dabei helfe man.

Warum sich die Zusammenarbeit auch für Vermieter lohnt

Die Lage am Wohnungsmarkt sei gerade in den Ballungsräumen München, Augsburg und Nürnberg sowie in allen Hochschulstädten ohnehin angespannt. Für Menschen mit Fluchterfahrung sei es etwa im Raum Augsburg "sehr, sehr schwer, für die Maximalsätze, die das Jobcenter gewährt, überhaupt noch Wohnungen zu finden." Dennoch gelingt es den WoFA-Teams immer wieder, sagt Bretonville: "Und wenn die Anfangshürden erst einmal genommen sind und die Mietzahlungen laufen, sind alle Beteiligten sehr zufrieden."

Das kann Andreas Kränzle nur bestätigen. Er lebt in Zürich, hat aber eine Wohnung in Augsburg geerbt. "Ich habe einfach keine Zeit, mich wirklich um die Wohnung oder die Vermietung zu kümmern", erläutert er. Weil er das Projekt sinnvoll findet, hat er die Wohnung dem WoFA-Projekt angeboten. "Für mich hat das nur Vorteile", sagt er. Auch wenn er den Wohnraum nun günstiger vermietet als es wahrscheinlich möglich wäre, ist er zufrieden: "Ich brauche keinen Makler, keine Hausverwaltung - WoFA kümmert sich für mich um Vieles."

Wie WoFA Tausenden Menschen zu einer Wohnung verholfen hat

Pia Foth vom Verein "Freund statt fremd" aus Bamberg, der inzwischen auch beim WoFA-Projekt mitarbeitet, spricht aus Sicht der Betreuer: "Nur mit Wohnraum vergeben ist's nicht getan." Erst neulich habe sie einer Familie aus Afghanistan eine Wohnung vermittelt - in einem Ortsteil von Zapfendorf mit gut 200 Einwohnern. Ohne Betreuer, die Menschen in so einer Situation begleiten, "kann Integration nicht funktionieren". WoFA leiste genau das - als Lotse bei Behörden, als Ansprechpartner bei Problemen, als Kontakt zu den Vermietern.

WoFA wird vom bayerischen Innenministerium finanziell gefördert, auch Landeskirche und Diakonie geben Geld. Von 2019 bis heute haben über 6.600 Personen mit WoFA-Hilfe eine eigene Wohnung gefunden, weitere 3.700 wurden in Mietkursen geschult, teilt die Landeskirche mit. Für Oberkirchenrat Stefan Blumtritt ist das Projekt ein gutes Beispiel dafür, "dass Kirche lebendig ist und Kraft entfalten kann", trotz der schrumpfenden finanziellen Spielräume. Dies gelinge dort, wo Kirche sich "der Welt zuwendet und in ihr nach Partnern sucht".

Endlich ein eigenes Zuhause für Mohammed und Firshta

Mohammed und seine Schwester Firshta haben nach der Ankunft in Deutschland fast eineinhalb Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft in Penzing gewohnt - mit Gemeinschaftsduschen und Gemeinschaftsklos auf dem Gang. Die Geschwister haben auch selbst nach einer Wohnung gesucht: "Aber wir haben meistens nicht mal eine Antwort bekommen", berichtet der junge Mann. Das bestätigt Sabine Guddat: "Es gibt nur wenige freie Wohnungen, wer sich nicht auskennt oder einen ausländisch klingenden Namen hat, ist faktisch chancenlos."

Jetzt leben die beiden jungen Afghanen in der Wohnung von Christine und Martin Mayr. WoFA hatte ihnen drei potenzielle Mieter vorgeschlagen. "Der Leidensdruck bei Mohammed und Firshta war aber besonders groß", sagt das Ehepaar. Beide hatten sich die Gemeinschaftsunterkunft in Penzing selbst angeschaut. "Für uns war klar: Vor allem Firshta als junges Mädchen, das noch zur Schule geht, muss da raus!" Über Firshtas Gesicht huscht ein Lachen: "Eine eigene Wohnung ist wirklich cool", sagt sie. Sie wirkt glücklich.