"Im Spiel sind wir Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder."
Das sagte Felix Nmecha nach Deutschlands WM-Auftaktsieg gegen Curaçao in ein ARD-Mikrofon. Er könnte auch über seinen persönlichen Erfolg sprechen, immerhin hat er das erste Tor für die deutsche Mannschaft im Turnier erzielt.
Aber er wird vom Reporter zu einer Szene befragt, die sich nach dem Abpfiff abspielte: Im Mittelkreis stehen Spieler beider Mannschaften im Kreis, neben Nmecha auch DFB-Verteidiger Jonathan Tah, legen die Arme umeinander und beten.
Felix Nmecha gehört zu einer wachsenden Zahl von Profifußballern, die ihren Glauben nicht als Privatsache behandeln. Während viele Sportler religiöse Überzeugungen höchstens in Danksagungen oder Jubelgesten andeuten, macht Nmecha daraus einen zentralen Bestandteil seiner öffentlichen Identität. "Ich bin ein Christ, der Fußball spielt", sagt er über sich.
Mehr als eine persönliche Frömmigkeit
Nmecha beschreibt sich als "wiedergeborenen" Christen. Seine Aussagen kreisen oft um klassische evangelikale Kernbegriffe: Rettung, persönliches Heil, die Beziehung zu Jesus und die Überzeugung, dass menschliche Leistungen letztlich nicht ausreichen.
Prägend wurde für ihn nach eigener Darstellung eine langwierige Verletzung während seiner Zeit bei Manchester City. Während Gleichaltrige den Sprung in den Profibereich schafften, musste er pausieren. Rückblickend bezeichnet er diese Phase als das Beste, was ihm bis dahin passiert sei. Nicht wegen der sportlichen Entwicklung, sondern weil sie ihm Zeit gegeben habe, seine Beziehung zu Gott zu intensivieren.
"Fußball ist meine Leidenschaft, Jesus mein Fundament", lautet eine weitere Aussage von ihm.
Glaube als Netzwerk und Öffentlichkeit
Nmecha ist mit diesem Selbstverständnis nicht allein. In den vergangenen Jahren haben sich internationale Netzwerke christlicher Fußballprofis gebildet, die soziale Medien gezielt nutzen, um Glaubensbekenntnisse zu verbreiten. Netzwerke wie "Ballers in God" oder "Fußball mit Vision" verbinden sportliche Vorbilder mit evangelikaler Kommunikation.
Die Reichweite prominenter Sportler wird ausdrücklich als Möglichkeit verstanden, Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Wenn Nmecha nach einem WM-Spiel "Danke Jesus" auf Instagram schreibt oder in Videointerviews seine Bekehrungsgeschichte erzählt, ist es sein erklärtes Ziel, Menschen damit vom Glauben zu überzeugen.
Öffentliche Religiosität ist in der Mediengesellschaft allerdings dann besonders sichtbar, wenn sie einen Eklat provoziert. Genau das ist bei Nmecha geschehen: Mehrfach sorgten von ihm geteilte Inhalte in sozialen Netzwerken für Kritik. Besonders Beiträge, die Kritiker:innen als queerfeindlich werteten, sorgten für negative Aufmerksamkeit.
Nmecha verteidigte sich damals mit Verweis auf seinen Glauben und betonte, Gottes Liebe gelte allen Menschen: "Ich hasse definitiv niemanden. Ich liebe alle Menschen."
Spannung und Aufmerksamkeit
Die Kontroverse verweist auf ein grundsätzliches Spannungsverhältnis: Bestimmte Positionen, die in Teilen evangelikaler Milieus als Ausdruck biblischer Überzeugungen gelten, widersprechen gesellschaftlichen Werten von sexueller Vielfalt und Gleichberechtigung.
Dazu kommen Verbindungen zu Akteuren aus evangelikalen Netzwerken, in denen Phänomene wie Wunderheilungen, Dämonenaustreibungen oder das sogenannte Zungenreden eine Rolle spielen – Praktiken, die außerhalb dieser Milieus häufig auf Skepsis stoßen und teilweise seit Jahren kontrovers diskutiert werden.
Doch auch ohne diese Kontroversen würde Nmecha wahrscheinlich für Aufmerksamkeit sorgen. Felix Nmecha macht sichtbar, dass religiöse Überzeugungen auch in einer säkularisierten Gesellschaft nicht einfach verschwunden sind.
In einer Sportwelt, in der viele öffentliche Äußerungen von Medienberater:innen geglättet werden, spricht er klar und unmissverständlich über seine Liebe zu Jesus Christus. Wer seinen Glauben so offensiv kommuniziert wie Nmecha, macht ihn zwangsläufig zum Gegenstand öffentlicher Debatten. Genau darin liegt seine Wirkung – und seine Reibungsfläche.