Diesen Sonntag ist Muttertag. Mütter überall auf der Welt lassen sich feiern - oder auch nicht.

Manche Mütter sind gerührt, freuen sich ehrlich über die selbstgebastelten Karten oder geben sich zumindest Mühe, erfreut zu wirken. Anderen Müttern fällt die gute Laune schwer, sie sind eher peinlich berührt davon, dass die Tatsache, dass sie irgendwann einmal beschlossen haben, Kinder in die Welt zu setzen, einmal im Jahr Anlass für einen gedeckten Frühstückstisch sein soll.

Auch Gott hat eine Mutter: Maria

Über all das erhaben ist die Mutter aller Mütter. Denn auch Gott hat eine Mutter: Maria. Eine Frau, über die man nur sehr wenig weiß, die aber trotzdem viele Grundschulkinder problemlos auf Bildern identifizieren können: Rotes Kleid, blauer Mantel, Heiligenschein. 

In der römisch-katholischen Kirche wird Maria als Heilige verehrt wird. Nicht nur irgendeine Heilige: Für viele Katholik*innen ist die Gottesmutter so wichtig, dass sie für die Volksfrömmigkeit vielleicht sogar noch eine größere Rolle spielt als Gott oder Christus.

Maria ist nahbar und menschlich

Gott ist weit entfernt und manchmal schwer fassbar, Maria aber war immer schon menschlich. In der Bibel wirkt sie nahbar, eine Identifikationsfigur. Die römisch-katholische Kirche lehrt außerdem, dass Maria trotz ihrer Menschlichkeit ausgenommen ist von der Erbsünde, die alle anderen Menschen mit sich herumtragen. Daher kann Jesus durch eine "unbefleckte Empfängnis” in die Welt kommen.

Diese Vorstellung von Maria als ganz normale Frau, die aber eben doch besonders ist, klingt wie die klassische Beschreibung des Hauptcharakters in vielen Märchen. Vielleicht ist Maria im Katholizismus deshalb so beliebt, dass man sie sogar mit ihrem eigenen Gebet anrufen kann, dem Ave Maria. Für Notleidende und Verzweifelte kann es schließlich leichter sein, sich im Gebet an eine liebevolle Mutter zu wenden, die zuhört, das eigene Anliegen im Herzen bewahrt und als Vermittlerin weiterträgt zu Gott, bei dem sie ein gutes Wort für die Betenden einlegt.

Schlechte Nachrichten für Evangelische

An dieser Stelle schlechte Nachrichten für alle Protestant*innen. Denn wie viele traditionelle Bestandteile christlicher Frömmigkeit war auch die Verehrung Marias den Reformatoren ein Dorn im Auge. Obwohl Martin Luther selbst an der Marienverehrung teilnahm, kritisierte er scharf den ausgeprägten, teilweise überschwänglichen Marienkult seiner Zeit.

Nur Gott, nur Jesus und der Heilige Geist sind aus protestantischer Sicht göttlich und können daher im Gebet angesprochen werden. Die Mutter Gottes ist nicht die Himmelskönigin, sondern ein ganz normaler Mensch. Allerhöchstens kann man sich ihren festen Glauben zum Vorbild nehmen. Im Gegensatz zu den vielen Legenden, die sich um die Heilige ranken, erzählen davon schließlich auch die Texte der Bibel.

Womöglich war Jesus die Nähe zu seiner Mutter nicht wichtig

Alles, was man über Jesu Mutter weiß, geht auf die Texte des Neuen Testaments zurück, besonders auf die vier Evangelien. Im Markusevangelium wird erzählt, dass Maria neben Jesus noch mehrere andere Kinder hatte, die Brüder und Schwestern Jesu. Markus überliefert auch, dass Jesus die Nähe zu seiner Familie, auch zu seiner Mutter, womöglich gar nicht so wichtig war.

Es wird von Konflikten zwischen Jesus und seinen Verwandten berichtet, von denen er sich anschließend distanziert. In Mk 3 macht Jesus deutlich, dass seine biologischen Verwandten keine Rolle für ihn spielen, seine Begleiter*innen sind seine neue Familie, die er sich ausgesucht hat.

Maria hat Fragen, aber der Engel antwortet in Rätseln

Ganz anders berichten das Lukasevangelium. Kapitel 1 erzählt ausführlich die Geschichte von der Verheißung an die junge jüdische Frau Maria durch einen Engel namens Gabriel. Maria hat verständlicherweise Fragen: "Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?”, übersetzt die Lutherbibel.

Wie Engel das so an sich haben, gibt Gabriel hier keine zufriedenstellende Antwort, und Gelehrte beißen sich seit Jahrhunderten die Zähne aus an der merkwürdigen Formulierung:

"Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten." (Lk 1,35)

Das Evangelium erzählt weiter: Maria willigt ein. Sie wird schwanger und besucht ihre Verwandte Elisabeth, die auch ein Kind erwartet. Sie singt ein Jubellied, das Magnificat. Später wird sie ihr Kind auf die Welt bringen und es Jesus nennen.

Bei Lukas spielt Maria eine aktive Rolle im Leben Jesu, zumindest bis er erwachsen ist. Und nach seinem Tod wird in der Apostelgeschichte, die vom selben Autor stammt, erzählt, wie Maria und die Brüder Jesu sich den verbliebenen Jünger*innen anschließen, die nach dem Bericht von Jesu Aufnahme in den Himmel gemeinsam beten und auf bessere Zeiten warten.

Evangelische Theolog*innen interessieren sich zunehmend für Maria

Wo die biblische Überlieferung endet, beginnen die Interpretationen. Auch in der evangelischen Theologie wächst seit einiger Zeit das Interesse an Maria. Etwa im ökumenischen Austausch mit den katholischen und orthodoxen Kirchen – oder innerhalb der feministischen Theologie, die unter anderem zur Rolle von Frauen in den biblischen Texten forscht.

Dabei gilt es, die traditionellen Muster und Zuschreibungen zu hinterfragen, mit denen diese Figuren häufig besetzt werden: Prophetin, Dienerin, Prostituierte, Schwester, Tochter, Mutter. Was waren diese Frauen davon abgesehen? Wer waren sie überhaupt?

Mutter sein kann viel bedeuten, so wie Frau sein viel bedeuten kann. Ein Grund zur Freude, am 8. Mai und auch an allen anderen Tagen des Jahres.

Das zeigt auch eine der schönsten Arten, Maria darzustellen, nämlich zu dritt im Kreis ihrer Familie: Maria, der kleine Jesus und Marias eigene Mutter Anna. "Anna selbdritt” werden solche Bilder und Skulpturen genannt. Drei Generationen, zwei Frauen, ein Baby, der Vater nicht im Bild. Wie menschlich.

Anna selbdritt (Leonardo da Vinci)
Anna selbdritt (Leonardo da Vinci)