Er läuft unruhig neben mir hin und hier, dann bleibt er stehen und schnauft. Es ist voll in diesem Fastfood-Restaurant an diesem Nachmittag. Er wartet offenbar auf sein Essen. Doch es wird nicht fertig, wird und wird nicht fertig. Der gereizte Mann läuft immer schneller, schnauft immer lauter. Dann geht das Schnaufen in Fluchen über: "Das kann doch nicht wahr sein. Da wartet man schon eine halbe Ewigkeit und dann sowas!" Er spricht einen der Mitarbeiter an. Der versucht zu beschwichtigen. Doch das regt den gereizten Mann nur noch mehr auf. Jetzt will der Rastlose den Manager sprechen. Das dauert. So lange schreit er einen anderen Mitarbeiter an. Dann – als der Manager endlich kommt – den Manager. Was für eine bodenlose Unverschämtheit das sei. Und, wenn er so arbeiten würde, dann wär‘ er schon längst geflogen. Er wird immer lauter, sein Kopf immer roter. Bis der Manager die Security ruft.

Ich kann den gereizten Mann ja verstehen: Man hat es eilig, will noch schnell etwas zu essen holen – und dann geht alles schief. Das ist nervig. Aber hier eskaliert es schnell. Vermutlich, weil die Nerven blank lieben, weil hier– wie man so schön sagt – die Lunte kurz ist, zum Pulverfass der Wut. 

Ich habe den Eindruck, das ist nicht nur in dieser nachmittäglichen Fastfood-Restaurant-Szene so. In allen möglichen Bereichen liegen die Nerven blank, sind Leute schnell auf 180: Wenn sich beim Einkaufen an der Kasse einer vordrängelt. Wenn im Bus die Frau mit Kinderwagen darum bittet, ihr Platz zu machen. Wenn sich im Gedränge aus Versehen zwei Schultern berühren. Immer kommt schnell die große Szene. Gerade auch in die sozialen Medien: Da postet irgendjemand etwas, das man auch so oder so oder anders verstehen, missverstehen kann – und schon umbläst diesen jemand der Shitstorm, die Wut des Schwarms bricht aus, schnell, unvorhersehbar.

Vielleicht war das auch schon früher, vor Corona so, und es fällt mir jetzt nur auf. Aber vielleicht ist das auch neu, ein Symptom vom Leben in der Multikrise?

Kain und Abel

Woher kommt dieser Unfrieden, die Bereitschaft zur mindestens verbalen Gewalt? Viele Theorien und Geschichte gibt es dazu. Eine unglaublich verdichtete steht im Alten Testament. Sie erzählt davon, wie Gewalt und Unfrieden in die Welt kamen: die Geschichte, wie Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Kain, der sesshafte Ackerbauer ist eifersüchtig, neidisch auf Abel, den Viehzüchter. Abels Opfer hatte Gott gnädig angenommen, Kains nicht. Der Beginn klingt wie ein typischer Geschwisterzwist um die Anerkennung der Eltern: Der hat das aber auch bekommen. Warum darf der das und ich nicht?

Doch dieser Zwist eskaliert schnell und grausam.

Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick",

heißt es in der Lutherübersetzung der Bibel (Gen 4, 5). Und kurz darauf erhebt Kain sich wider seinen Bruder und schlägt ihn tot.

Die Gewalt hat damit begonnen, dass Kain den Blick senkt und verfinstert – so geht eine Auslegung dieses Textes. Er schaut seinem Bruder nicht mehr ins Gesicht, nicht mehr in die Augen, sodass er ihn als seinen Bruder sehen könnte. Er senkt den Blick auf den Boden, und so sieht er die Menschlichkeit seines Bruders nicht mehr und sein Blick verfinstert sich. Aus seiner Wut wird Finsternis und aus der Finsternis Gewalt.

Wie wäre diese Geschichte wohl weitergegangen, wenn Kain seinen Blick nicht gesenkt hätte? Wenn er seinen Bruder angeschaut hätte? Vielleicht hätte er dann – auch in seiner Wut noch – das Kind in ihm gesehen. Den Jungen, mit dem er einst zusammen aufgewachsen ist, mit dem er gespielt hat, sich gefreut, sich gestritten und sich versöhnt hat. Vielleicht hätte er dann – auch noch in seiner Wut – in ihm den Mitmenschen gesehen, der sich genauso Sorgen macht um seine wirtschaftliche Existenz, der genauso geliebt sein will, der genauso wie er selbst Angst hat und Träume von einem guten Leben. Vielleicht hätte er in ihm einen Menschenbruder gesehen und seine Wut wäre langsam verraucht.

Doch Kain senkt den Blick. Und am Ende schreit "die Stimme des Blutes [s]eines Bruders" von der Erde (Gen 4, 10).

Nach der Kain und Abel -Geschichte

Mich beeindruckt diese Geschichte und noch viele andere Geschichten der Bibel. Mindestens aus zwei Gründen: Erstens ist beachtlich, wie lebensnah, schonungslos und konkret hier von menschlichen Abgründen erzählt wird, von dem aufkeimenden Hass, von der lauernden Missgunst, der ausbrechenden Gewalt, dem tobenden Krieg, von diesem Brudermord über Eroberungskriege bis hin zum martialischen Kreuz, an das die Menschheit ihren eigenen Retter hämmert. Die Abgründe dieser Welt. Und das zweite Beeindruckende: Wie diese Geschichte immer wieder von der Güte Gottes erzählt. Ja, der Gott der Bibel wütet und zürnt. Durch alles hindurch zieht sich gleichzeitig die bleibende und siegende Friedlichkeit Gottes. Die Friedensverheißung Gottes geht wie ein roter Faden durch die Heilige Schrift. Auch hier, in dieser Kains-Geschichte: Die Worte, die die Bibel Gott in den Mund legt, klingen nicht nach dem gnadenlosen Richter, sondern eher nach liebenden Eltern: "Was hast du getan?" fragt Gott und flucht Kain – aber nicht bodenlos, er gibt ihm ein Schutzzeichen mit auf dem Weg. Das Kainsmal.

Immer wieder ist in der Bibel von Gottes Frieden die Rede, von "Gottes Frieden, der größer ist als all unsere Vernunft", von dem verheißenen Friedefürst bis zum Segenswunsch "Gott […] gebe dir seinen Frieden", Friede sei mit dir. An einer Stelle, wird gar von Gott erzählt, Gott habe gesagt:

Denn ich weiß wohl was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jer 29, 11)

Gott hat Gedanken des Friedens über uns. Was für eine Zusage in dieser zerrissenen Welt, voller gereizter Männer!

Was für Frieden?

Der Tag heute, der 9. November, ist ein Datum in der Geschichte unseres Landes, das uns die Abgründe des Menschen lebendig vor Augen hält. Am Abend dieses Tages im Jahr 1938 haben die Synagogen in vielen Städten gebrannt und es kam zu schrecklichen Pogromen der Nazis gegen Menschen jüdischen Glaubens.

Es gibt die eskalierende Gewalt.

Und es gibt einen falschen Frieden. Denn: Nicht jeder Frieden ist gut. Es gibt einen Gewalt- und Diktatfrieden. Den "lieben Frieden" wie in: Sei still, muck nicht auf, steh nicht für deine Rechte ein, sei nicht anders, um des "lieben Friedens" willen. Doch dieser liebe Friede ist gar nicht lieb, sondern ziemlich lieblos, ordentlich – ja vielleicht – aber lieblos, grau, unterdrückend, leblos.

In der Bibel verheißt Gott einen anderen Frieden: Gerechten Frieden, in dem Recht, Gerechtigkeit und Frieden zusammengehören. In dem die Entrechteten und ungerecht Behandelten zu ihrem Recht kommen, in dem dem Armen und dem Notleidenden geholfen ist, in dem Versöhnung herrscht, nicht Diktat und Gewalt[1]. Ein Psalm singt davon, dass "Gerechtigkeit und Frieden sich küssen" (Ps 85, 11b)

Inspiriert von dieser Friedensverheißung haben Kirchen spätestens schon in den 1980er Jahren ein friedensethisches Leitbild entwickelt. Das Leitbild des "gerechten Friedens". Danach ist Frieden kein Zustand, sondern ein Prozess:

"Friedensfördernde Prozesse sind dadurch charakterisiert, dass sie in innerstaatlicher wie in zwischenstaatlicher Hinsicht auf die Vermeidung von Gewaltanwendung, die Förderung von Freiheit und kultureller Vielfalt sowie den Abbau von Not gerichtet sind. Friede erschöpft sich nicht in der Abwesenheit von Gewalt, sondern hat ein Zusammenleben in Gerechtigkeit zum Ziel."[2]

Frieden wird, wo Frieden nicht auf Kosten der Schwächsten geschlossen wird. Nicht, wo der Eroberer bekommt, was er will, sondern wo Gerechtigkeit und Recht sich durchsetzen.

Um diesen Frieden geht es auch in dem Wochenspruch für die heute beginnende Woche. Er steht an berühmter Stelle in der Bibel, am Anfang der Bergpredigt, in den sogenannten Seligpreisungen. Dort heißt es:

Frieden stiften. Wie?

"Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen." (Mt 5, 9) sagt Jesus. Das scheint den Blick zu lenken auf das, was wir Menschen tun, um Frieden zu stiften, Frieden zu ermöglichen, Frieden zu machen.

Frieden stiften. Das lässt mich zunächst an die großen Figuren der Weltgeschichte denken, die Friedensverträge ausgehandelt, Waffenstillstände unterzeichnet und Kriege beendet haben; an die Friedensnobelpreisträgerinnen und -träger, die Frieden wahrscheinlicher, möglicher gemacht haben und so Frieden gestiftet haben. Wie nötig wären heute solche Friedensstifter, angesichts der vielen schwelenden und brennenden Konflikte und Kriege! Der Gedanke macht mich hilflos, ohnmächtig. Was kann ich schon tun?

Es stimmt: Die Seligpreisung der Friedensstifter hat sicher mit diesen großen Krisen, Konflikten und Kriegen zu tun. Aber wenn ich sie nur darauf beziehe, bin ich raus, ich bin ja keine große Figur der Weltgeschichte, kein Staatenlenker, Diplomat oder Außenminister, sondern nur ein einfacher Bürger. Was kann ich schon tun, um die großen Konflikte und Kriege zu beenden? Nichts, oder zumindest: fast nichts.

Frieden stiften. Ich denke: Das hat auch mit meinem Alltag, mit Ihrem Alltag, mit uns allen zu tun. Frieden hängt auch daran, was wir täglich tun, welche Entscheidungen wir treffen – und was wir lassen.

Frieden im Alltag

Frieden ist was für den Alltag. Ich kann mich zum Beispiel entscheiden, einen sinnlosen Streit nicht weiter zu eskalieren – und zumindest nicht zur Eskalation beizutragen. Nehmen wir einen Social-Media-Beitrag. Da lese ich beim Scrollen diese Nachricht, die mich aufregt, unglaublich aufregt. Und ich möchte gleich kommentieren, was für riesige Idioten die anderen Kommentatoren sind. Dass sie nichts verstanden, sich mit dem Thema doch erstmal gründlich auseinandersetzen sollten und überhaupt. Das ließe sich schnell ins Smartphone tippen und posten. Oder ich warte einfach einen Moment, atme tief durch, zähle bis 20 und denke nochmal nach. Stimmt die Nachricht, die ich gerade gelesen habe eigentlich? Eine Quelle steht ja nicht dabei. Vielleicht ist das ja ein Streit um etwas, was gar nicht passiert. Und: Was meinen die anderen Kommentatoren eigentlich? Bringen sie Argumente, auf die man reagieren könnte? Wie viele von ihnen könnten Bots sein, die hier nur die Stimmung anreizen? Ich werde nachdenklich. Innehalten, Nachdenklichkeit – das kann schon zum Frieden dienen.

Nicht nur Nachdenklichkeit. Auch eine gewisse, sanfte Vorsicht in der Sprache kann zum Frieden dienen. Wie reden wir in diesem Land eigentlich über Menschen, mit denen wir zusammenleben: über Menschen aus Ostdeutschland, über Menschen mit Migrationserfahrungen in der Familiengeschichte, über queere Menschen und solche, die unsere Ansichten nicht teilen, über Bürgergeldempfänger und Empfängerinnen von Grundsicherung, über Rentner und psychisch Erkrankte, über Gen-Z-ler, wie man die Generation der heute circa 18-Jährigen nennt oder über Boomer? Wie reden wir über unsere Mitmenschen? Keine Sorge: Ich will keine Sprechverbote aufstellen und mich auch nicht zur Gendersprache auslassen. Aber ich finde es wichtig, wie wir übereinander reden. Weil Sprache einen Unterschied macht. Weil Sprache prägt, wie wir die Welt sehen und was wir tun. Zum Beispiel: Wenn eine Clique den Anton oder den Franz nur oft genug einen "räudigen Köter" oder eine "dreckige Sau" nennt, wird irgendwann der Respekt für ihn verloren gehen, wird der Anton oder der Franz Respekt für sich selbst verlieren, sinkt die Schwelle, auch mal zuzuschlagen. Deshalb: Wie wäre es, etwas vorsichtiger und sanfter mit Worten umzugehen?

Nachdenklichkeit, sanfte Vorsicht in der Sprache, und auch eine Prise Einfühlung in die anderen: Mitgefühl kann zum Frieden dienen. Ich versuche, den Blick nicht zu senken. Bevor ich rede, handle, mich beschwere, sehe ich mir den anderen, die andere an als Mensch, als Mensch wie mich selbst.

Was treibt die Frau, die sich gerade in der Schlange vorgedrängelt hat? Was lässt sie so rastlos sein?

Der Lieferant, den ich fast angepampt habe: Wie lange ist er schon auf den Beinen, wie viele Klingeln hat er heute schon gedrückt?

Der Kollege, der schon wieder die Deadline reißt und nichts beisteuert. Was treibt ihn gerade um? Was hat er noch im Kopfe und auf seiner To-Do-Liste?

Der gereizte Mann im Fastfoodladen: Was hat er heute schon erlebt, das seine Geduld gefressen hat?

Einander sehen. Nicht immer, nicht um jeden Preis. Aber vielleicht ein bisschen mehr, ein bisschen öfter.

Friedenstifter sind schon da

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5, 9)

Das sagt Jesus. In diesem Satz lese ich noch viel mehr, ganz Grundsätzliches und ganz anderes, als die Aufforderung Friedenstifterin, Friedenstifter zu werden. Ich habe gelernt, in diesem Satz auch eine Feststellung zu sehen: Da sind Menschen, die Frieden stiften. Diese Seligpreisung sagt doch erstmal zu: Da sind, da werden Friedensstifter unter euch sein.

Seht ihr sie? Findet ihr sie?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich schaue oft nicht hin auf die Friedensstifter. Im Gegenteil. In sozialen Medien, Talkshows und bei der Nachrichtenlektüre schaue ich viel auf die, die Hass und Zynismus stiften – gerade die stechen ins Auge, ins Ohr, weil sie so laut sind, sich so dominant in jede Kamera drängeln. Die Schreihälse, Hetzer und Großbuchstabenschreiber kriegen viel mehr Aufmerksamkeit.

Wie wäre es, mehr auf die Friedenstifterinnen und Friedenstifter zu schauen? Nach ihnen Ausschau zu halten?

Da ist etwa die Frau, die seit Jahren immer wieder ehrenamtlich für die Tafel arbeitet. Sie sortiert Lebensmittel, die Supermärkte, Obsthändler oder etwa Bäckereien gespendet haben. Was oll oder verschimmelt ist, kommt in die Tonne, das Gute kommt in Kisten. Am Ende werden die guten Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben. Die Frau hat eigentlich einen Job und genug zu tun – ihr geht es gut. Aber sie will etwas tun für die Menschen, die weniger Glück hatten im Leben, die einen schwereren Rucksack mit sich rumzutragen haben, bei denen am Ende des Geldes noch viel zu viel Monat übrig ist. Deshalb sortiert sie Lebensmittel. Auch wenn es manchmal eklig ist, gerade die ollen Paprikaschoten. Über diese Arbeit redet sie nicht groß, hält keinen politischen Reden, sondern packt einfach an, wo es nottut. Eine Friedenstifterin.

Da sind die Sozialarbeiterinnen, Berater und Psychologinnen, die für Diakonie, Caritas und Kirchlich Allgemeine Sozialarbeit tätig sind: Wenn’s bei Menschen in der Ehe kriselt. Wenn Eltern nicht weiterwissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen. Wenn die Schulden überhandnehmen. Dann sind die Beraterinnen und Berater da. Hören zu. Geben einen geschützten Raum. Erarbeiteten gemeinsam Hilfestellungen. Ohne, dass groß wer davon mitbekommt oder öffentlich darüber geredet würde, stehen sie Menschen in ihren Krisen bei. Friedenstifterinnen und Friedenstifter.

Da ist der Mensch, den es in so vielen Familien und Häusern gibt, von dem alle sagen: Das ist der gute Geist unserer Familie, unseres Hauses. Wenn jemand Geburtstag hat, dann backt dieser Mensch einen besonders kreativen Kuchen, mal einen runden mit Fußballfarben für den Fan, mal einen, der wie ein Doktorhut aussieht zum Studienabschluss. Wenn jemand Sorgen hat, hat er ein offenes Ohr und eine warme Tasse, auch nachts um halb zwei. Der Mensch, der versöhnt, zusammenhält, lächelt, so eine entwaffnende Zugewandtheit hat. Ein guter Geist. Ein Friedenstifter.

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5, 9)

Die Friedenstifterinnen sind schon mitten unter uns. Viele sind gar nicht laut, viele sind ganz zart, kaum zu sehen, zu hören. Sehen Sie sie, hören Sie sie?

[1] vgl. EKD, Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen, Gütersloh 2007, S. 50 f.

[2] Ebda. S. 54.