16.10.2019
Glaubensfrage

Was das Wort "heilig" bedeutet

Woher kommt der Begriff "heilig"? Wie wird er in der evangelischen Kirche definiert? Und was haben Heilige mit meinem Alltag als Christ zu tun?
Mosaikdarstellung von drei heiligen Männern

Wer je eine Reise ins "Heilige Land" Israel gemacht hat, kennt die Schilder an den Eingängen der Kirchen, Synagogen und Moscheen: "HOLY PLACE - PLEASE DRESS MODESTLY". In großen Lettern werden die Touristen dazu aufgefordert, den jeweiligen heiligen Ort nur anständig bekleidet zu betreten. Shorts, freie Schultern und tiefe Ausschnitte sind verboten - und wer meint, sich allzu leicht bekleidet im Schutz der Reisegruppe einschmuggeln zu können, der wird meist umgehend von einem Aufpasser zurückgepfiffen. Das Heilige scheint verbunden zu sein mit Moral und Anstand. Darin spiegelt sich noch die uralte Ansicht, dass ein Zugang zum Heiligen nur in kultischer Reinheit möglich sei.

Mit dem Wort "heilig" wurde der lateinische Begriff "sanctus" übersetzt, der auf das Verb "sancire", also "begrenzen, umschließen" zurückgeht. Begrenzt war das "fanum", der heilige, abgesonderte Bezirk. Das Pro-fane, vor dem heiligen Ort, wurde zum Gegenteil des Heiligen. Heilig war das ganz Andere, das Abgegrenzte, vom Normalen Abgesonderte. So durfte etwa das Allerheiligste im Tempel Israels, wo die Bundeslade mit den Zehn Geboten stand, nur einmal im Jahr vom Hohenpriester betreten werden.

Im Neuen Testament weitet sich der Begriff des Heiligen aus

Gott wird im Alten Testament häufig als der Heilige bezeichnet. "Heilig, heilig, heilig ist der Herre Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!" (Jesaja 6,3) Dieser Lobpreis aus einer Vision des Propheten Jesaja hat als "Sanctus" später Eingang in unsere Abendmahlsliturgie gefunden. Heilig ist für die hebräische Bibel alles, was zur Sphäre Gottes gehört: der Himmel, die Engel, der Tempel, seine Stadt Jerusalem, kultische Dinge und Geräte, aber auch Menschen, die Gott zu seinem Dienst erwählt hat, also Propheten, Priester und andere. "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig" (3. Mose 19,2), lässt Gott seiner Gemeinde sagen. So versteht das Volk Israel sich als Gottes auserwähltes, heiliges Volk und versucht, dieser Heiligkeit durch das Einhalten der Gebote zu entsprechen.

Im Neuen Testament weitet sich der Begriff des Heiligen aus. Weil Jesus das Reich Gottes für alle Menschen verkündigt, die Zugehörigkeit zum Volk Israel also nicht mehr Voraussetzung für das Heil ist, wird die Einhaltung vieler bisher als heilig betrachteten Gebote (Sabbatruhe, Speisegebote, Beschneidung etc.) dem einzelnen freigestellt und schließlich ganz aufgegeben. Kultische Reinheit ist nicht mehr die Voraussetzung, um in die Sphäre Gottes eintreten zu können.

Heiligkeit meint für die ersten Christen vor allem Zugehörigkeit zu Christus. Die "Gemeinschaft der Heiligen", von der wir heute noch in unserem Glaubensbekenntnis sprechen, meint die Gemeinschaft aller zu Christus gehörigen Menschen. Paulus schreibt seiner Gemeinde in Korinth: "Ihr seid in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung." (1. Korinther 1,30). Eine Heiligkeit von Menschen, Dingen, Orten oder Handlungen außerhalb von Christus gibt es nicht. Niemand kann durch eigene Leistungen oder Anstrengungen (etwa durch ein besonders frommes Leben oder gute Taten) die eigene Heiligung vorantreiben. Sie ist und bleibt ein Geschenk Gottes.

Sogar ein Saustall kann ein heiliger Ort sein

In der Reformation hat sich diese Einsicht weiter zugespitzt. Wenn es nur auf den Glauben des einzelnen ankommt, auf seine individuelle Beziehung zu Gott, dann kann weder ein Kirchenraum noch ein Priester noch ein Kult heilig sein. Martin Luther hat einmal gesagt, sogar ein Saustall könne ein heiliger Ort werden, wenn darin recht gebetet werde. Das Heilige ist die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott, nicht irgendwelche magischen Handlungen oder abgegrenzten Orte. Diese Beziehung entsteht in erster Linie durch das Wort Gottes, aber auch durch die Sakramente Taufe und Abendmahl.

Deshalb sind in evangelischen Kirchen drei Dinge unverzichtbar: eine Kanzel bzw. ein Lesepult als Ort der Verkündigung, der Altar als Zentrum der Abendmahlsfeier und der Taufstein als Ort, in dem die Menschen in die "Gemeinschaft der Heiligen" aufgenommen werden. Die Ausgestaltung evangelischer Kirchen entspricht in ihrer Schlichtheit der theologischen Auffassung, dass allein Wort und Sakrament für die Heiligung eines Menschen notwendig sind: "Gottes Wort ist der Schatz, der alle Dinge heilig macht" (Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche).

In den letzten Jahren wird freilich auch in evangelischen Kirchen wieder entdeckt, wie wichtig die Atmosphäre eines Raumes ist.

Gerade Menschen, die der Kirche distanziert gegenüberstehen oder die sich längst von einem aktiven Glaubensleben verabschiedet haben, können durch eine behutsame und sensible Gestaltung eines Kirchenraumes neu angesprochen und für Glaubensinhalte interessiert werden. Wenn eine Kirche geöffnet ist, wenn man dort eine Kerze anzünden und still werden kann, wenn man vielleicht sogar ein Faltblatt mit Gebetstexten vorfindet, dann empfindet man sie eher als offenen, einladenden, "heiligen" Ort, als wenn sie verschlossen bleibt und lediglich ein Zettel im Schaukasten auf die sonntägliche Gottesdienstzeit hinweist.

Für ein evangelisches Verständnis von Kirche geht es also nicht darum, dass an ihre Besucher Forderungen gestellt werden (etwa die Kleidung betreffend), sondern dass sie selbst sich als einladende, offene Gemeinschaft im Sinne Jesu Christi erweist, die sich an unterschiedlichste Menschen wendet und deshalb zu einem heiligen Ort werden kann.

Heilige sind Vorbilder für das eigene Leben

Dass es in erster Linie die persönliche Beziehung zu Gott ist, die das Heilige ausmacht, hat auch unsere Einstellung gegenüber heiligen Menschen geprägt. Während Heilige in der katholischen Kirche als "ganz andere", herausgehobene oder von einer Institution heilig gesprochene Menschen betrachtet werden, die Gott gegenüber eine Vermittlungsfunktion haben und zu denen man deshalb beten kann, sind sie nach evangelischem Verständnis nichts anderes als Vorbilder für das eigene Leben. Sie sind geschichtliche Zeugen für die Gnade Gottes, die sich auch an sterblichen Menschen eindrucksvoll zeigen und deshalb unseren Glauben stärken kann.

Dass auch für die evangelische Kirche ein Heiligengedenken sinnvoll und nützlich sein kann, brachte der Theologe Nathan Söderblom einmal so zum Ausdruck: "Heilige sind Menschen, durch die es den anderen leichter wird, an Gott zu glauben." Insofern sind wir alle aufgerufen, in diesem Sinne zu Heiligen zu werden.

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