15.09.2020
Bestattung und Tod

Was ist eine Bestattung von Amts wegen? Pfarrer Rainer Liepold gibt Tipps für die Bestattung ohne Trauergäste

Etwa 600 Menschen werden in München jedes Jahr ohne das Beisein von Angehörigen oder Freunden bestattet. Wie gestaltet man als Pfarrer eine solche Trauerfeier?
Bestattung von Amts wegen
Bestattung von Amts wegen - wenn keine Trauergäste kommen.

Der Münchner Pfarrer Rainer Liepold gibt Tipps im Sonntagsblatt.

Wie oft feiern Sie Bestattungen, bei denen niemand kommt?

Rainer Liepold: Das kommt zwei- oder dreimal im Jahr vor. Bei vielen "Bestattungen von Amts wegen" trägt die Stadt die Kosten und deshalb gibt es weder Blumen noch Musik - denn eine CD einzulegen, kostet 50 Euro extra. Die Atmosphäre ist dadurch irgendwie billig.

Mir tut vor allem der gänzlich ungeschmückte Sarg weh. Deshalb habe ich mal die Kinder einer zweiten Klasse zum Thema "Hoffnung" und "Gott" malen lassen. Bei Sozialbestattungen lege ich eins dieser Bilder auf den Sarg – das verändert die Atmosphäre.

Und ich, der ich nichts über den Verstorbenen sagen kann, spreche über das Bild und bringe so Gott zur Sprache als Kraft, die sich des Menschen annimmt.

Machen Sie solche Beerdigungen traurig?

Rainer Liepold: Natürlich erschrickt man anfangs: Warum kommt da keiner? Wie mag dieser Mensch gewesen sein? Aber nur, weil zur Beerdigung niemand kommt, heißt das nicht, dass dieser Mensch sozial isoliert oder unangenehm war.

Die Mobilität, die gestiegene Lebenserwartung: Es gibt viele Gründe, warum eine Biografie am Ende in Einsamkeit mündet. Die Anzahl an Trauergästen ist kein Urteil über einen Menschen.

Worauf kommt es Ihnen bei solchen Beerdigungen an?

Rainer Liepold: Bei jeder Taufe spreche ich dem Täufling zu: Du bist einmalig, von Gott gewollt! Diese Zusage hört im Tod nicht auf. Ich möchte bei Beerdigungen ohne Trauergemeinde so viel Nähe herstellen wie möglich. Deshalb frage ich im Vorfeld meine Konfirmanden, ob mich jemand begleiten möchte - und die machen das gern.

Für viele ist es die erste Trauerfeier. Sie kommen mit aus einer Mischung aus Neugier und dem untrüglichen Gefühl, dass niemand ohne letztes Geleit beerdigt werden sollte. Dann hole ich alle, die in der Halle sind, nach vorn. Wir stehen direkt am Sarg und ich lese Psalm und Lesung. Die Feier darf kurz sein, aber nicht lieblos.

Jeder Mensch, auch wenn wir nichts von ihm wissen, hat eine Würde und einen Wert. Sein Tod erinnert uns daran, dass wir nicht unbegrenzt Zeit haben.

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