5.03.2017
Dekanat Neumarkt

Christiane Murner: Neue Dekanin für Neumarkt

Die Neumarkter Dekanin Christiane Murner hat rote Haare und fährt Motorrad. Im exklusiven Interview erzählt sie, warum sie in Israel gelebt hat - und was sie sich vorgenommen hat.
Neumarkter Dekanin Christiane Murner
Erkunden gerne die Gegend mit dem Motorrad: Dekanin Christiane Murner und ihr Mann Michael.

Frau Murner, welche Erkenntnisse haben Sie aus Israel mitgebracht?

Murner: In Israel verschärft sich momentan die Situation des Zusammenlebens der Religionen. An vielen Stellen ist die Anspannung im öffentlichen Leben wahrnehmbar. Ich habe mit einigen liberalen Juden gesprochen, die das sehr bedauern, weil es für sie heißt, dass sie sich aus Jerusalem zurückziehen und nach Tel Aviv umziehen, wo die Religionen leichter zusammenleben können und es keine so starken Grabenkämpfe gibt.

Wie erleben das die jungen Israelis?

Murner: Junge Immigranten aus Argentinien und Chile haben mir erzählt, dass sie nach Israel gekommen sind, weil sie dort ohne Gebühren studieren können. Ich wollte wissen, ob bei ihnen die religiöse Identität vor der nationalen steht und vor der Bindung zur Familie und zum Geburtsland. Für sie war es tatsächlich so, für ihre Religion sind sie bereit auszuwandern.

Könnten wir uns davon etwas abschneiden?

Murner: Die Immigrationspolitik bei uns ist anders. Wenn wir in Deutschland auf Dauer in Frieden zusammenleben wollen, müssen wir uns mit Respekt und Toleranz begegnen. Das will von klein auf gelernt sein und bedeutet, seine eigene Identität nicht zu verleugnen.

Wie beurteilen Sie das Zusammenleben der Konfessionen bei uns?

Murner: Im Reformationsjubiläumsjahr gibt es noch mehr gemeinsame Veranstaltungen, wobei die strittigen Kernpunkte nicht angegangen werden wie gemeinsames Abendmahl, Anerkennung des Amtsverständnisses, Anerkennung der Frauen im Priesterdienst. Diese theologischen Kernpunkte werden auch nach 2017 noch wunde Punkte sein, um die es sich zu ringen lohnt.

In Tel Aviv geht auch schon mal eine Bombe hoch.

Murner: Ich habe mich trotz des Wissens um die allgemeine Sicherheitslage nie bedroht gefühlt. Im Vergleich mit anderen arabischen Ländern ist Israel ein Land, in das man als Frau gut alleine reisen kann.

Auch in Neumarkt werden Sie Mut brauchen: erst der belastete Amtsvorgänger, dann der Rückzug des nominierten Nachfolgers. Soll eine Frau nun die Wogen glätten?

Murner: Viele Neumarkter wünschen sich, dass das Schiff der evangelischen Gemeinde wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt. Vielleicht geht für manchen eine Tür auf, weil ein neuer Mensch kommt, für andere vielleicht, weil die Neue eine Frau ist. Ich möchte gerne nach vorne blicken.

Sie betonen oft Ihre Rothaarigkeit. Was hat es damit auf sich?

Murner: Während meiner Kindheit in Kipfenberg waren mein Bruder und ich die Einzigen, die rote Haare hatten. Wir sind damit aufgefallen und wurden deshalb immer mal wieder aufgezwickt. Aber auch als Evangelische bekamen wir immer wieder zu spüren, dass wir in der Minderheit sind.

Haben Sie mit Trotz oder Anpassung reagiert?

Murner: Rothaarig zu sein, berührt die Identität: Ich bin so und ich bin stolz darauf. In puncto Lutherisch-Sein in katholischer Umgebung ist es sogar sehr identitätsstiftend. Es verdichtet die Gemeinschaft und zwingt einen, sich mit seinem Glauben auseinanderzusetzen. Man muss sich immer wieder gegen die 95 Prozent der katholischen Mitchristen erklären, behaupten und sein Eigenes bewahren.

Wie groß ist Ihr Bedürfnis, nicht auf Klischees festgelegt zu werden?

Murner: Das ist sehr groß. Klischee bedeutet eine Verengung oder ein Schubladen-Denken. Ich glaube, dass keiner von uns in eine Schublade gehört. Im Blick auf die Kirchengemeinden ist mir wichtig, dass Kirche auf die Menschen zugeht, die auf der Suche sind, neu zuziehen oder sich aus vergangener Verärgerung aus der Kirche zurückgezogen haben. Auch in der Kirche brauchen Menschen die Freiheit, sich verändern zu können.

Sie sind also auch freiheitsliebend. Dazu passt das Motorradfahren, das Sie als Hobby angegeben haben.

Murner: Ja, aber ich fahre nicht selber Motorrad, sondern ich fahre bei meinem Mann mit. Das ist wirklich sehr schön. Ich durfte damals als Einzige von uns dreien den Motorradführerschein nicht machen. Mein Vater meinte: »Bei deinem Temperament ist es sicherer, wenn du weiter Ente fährst und nicht Motorrad.«

Was macht Motorradfahren mit Ihnen?

Murner: Wir fahren nicht schnell. Wir erkunden, ähnlich wie beim Radfahren, die Gegend mit allen Sinnen. Wenn du entlang blühender Lindenbäume fährst, riechst du es, wenn du durch eine kühle Senke oder über einen Bergpass fährst, fühlst du unmittelbarer, wie es kühler oder wieder wärmer wird, und du spürst die Kurven intensiv.

Und welche Maschine steht bei Ihnen in der Garage?

Murner: Eine 30 Jahre alte 1000er BMW!

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