Gleich hinter der Münchner Freiheit, wo das Schwabinger Nachtleben pulsiert und tagsüber die Cafés mit Studenten und Touristen bevölkert sind, ragt seit 125 Jahren der schlanke weiße Turm der Erlöserkirche empor. Am 6. Oktober 1901 wurde das vierte Gotteshaus der Münchner Protestanten eingeweiht. Dieses Jubiläum feiert die Gemeinde am 10. und 11. Oktober mit einem Festwochenende und viel Musik.
Die Erlöserkirche sei 1901 in einer Zeit des Umbruchs in Architektur und Kunst entstanden, heißt es auf der Homepage der Gemeinde. Die Künstlerkolonie Schwabing im Norden der Residenzstadt war damals Heimat von Berühmtheiten wie Franziska Gräfin zu Reventlow, Frank Wedekind oder Joachim Ringelnatz, die hier ihren Traum vom Leben als Bohémiens verwirklichten. Aber auch das bürgerlichere Schwabing war mit Malern und Schriftstellern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Thomas Mann prominent besetzt.
Erlöserkirche: 200.000 Mark in nur fünf Jahren
In diese Szene hinein gründeten Schwabinger Bürger 1895 einen protestantischen Kirchbauverein, um sich von der 1877 eingeweihten Mutterkirche St. Markus zu emanzipieren. "Die Landeskirche hatte damals kein Geld für eine weitere Kirche, also musste der Bau privat finanziert werden", sagt der geschäftsführende Pfarrer Andreas Braveny. Innerhalb von nur fünf Jahren hatte man die benötigte Summe von 200.000 Mark beisammen - damals wie heute gehörten die Schwabinger zu den finanzkräftigen Bürgern der Stadt. Auch bei der Wahl des Baumeisters bewies man ein gutes Händchen: Mit Theodor Fischer, selbst Mitglied der Gemeinde, gewann man einen aufstrebenden Architekten, der sich bereits mit prägnanten Brücken- und Schulbauten im Stadtbild einen Namen gemacht hatte.
Fischers Pläne für seine erste Kirche unterschieden sich fundamental von der nur fünf Jahre älteren Lukaskirche, dem wuchtigen Dom der Protestanten am Isarufer: Der 35-Jährige verpasste der Erlöserkirche das Äußere einer Landkirche, mit schmucken Vordächern, verzierten Giebeln und einem halbhohen Mäuerchen. Was heute im City-Trubel nostalgisch wirkt, war damals stimmig, sagt Pfarrer Braveny: "Die Erlöserkirche markierte das Ende der Stadt, dahinter kamen nur noch Felder." Das Kircheninnere wiederum prägte Fischer mit dem für den damals in München typischen floralen Jugendstil mit seinen farbenfrohen Ornamenten.
Kirche im Originalzustand
Heute steht das viertälteste evangelische Gotteshaus Münchens auf einer vom Verkehr umtosten Halbinsel: Busse, Autos, Radler, Trambahnen und die U-Bahn im Untergrund, für deren Bau die Gemeinde damals laut Braveny die Hälfte des Kirchenkellers hergeben musste. Ein Kleinod ist es dennoch, denn von den vier Citykirchen sind nur noch St. Lukas und eben Erlöser im Originalzustand erhalten. 1944 brannte der Gemeindesaal nach einem Bombentreffer völlig aus, doch in der Kirche selbst wurden ein paar Monate später nur das Dach und die Fenster zerstört. Und 2016 wurde der Innenraum - der 1938 vom NS-treuen Architekten German Bestelmeyer unter anderem mit einer Heldentafel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltet worden war - bei einer umfassenden Innensanierung nach den Plänen Theodor Fischers wiederhergestellt.
Ihren runden Geburtstag feiert die Kirchengemeinde auf zweierlei Weise. Zum einen mit einer neuen Stiftung "Erlöserkirche München-Schwabing", die ein Fundament für finanziell knappere Zeiten bilden soll. Zum anderen mit einem Festprogramm, das an die Gründungsjahre anknüpft: Das Festkonzert am Samstagabend erinnert an das Benefizkonzert vom Januar 1902, an dem sich auch der Komponist Max Reger beteiligt hatte. Nach dem Festgottesdienst am Sonntagvormittag hält der evangelische Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Ansprache. Und am Abend folgt ein "immersives Konzert" mit 80 Bläsern, Lichtinstallation, Rauchwerk und dem Chor der Erlöserkirche.