In der sonst harmoniebedürftigen Evangelischen Kirche wird gestritten. Seit der russischen Vollinvasion im Februar 2022 geht es um die richtige friedensethische Positionierung angesichts einer Welt in Unordnung.
Friedensethischer Streit spaltet die evangelische Kirche
Dabei trifft ein biblisch begründbarer Pazifismus, der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe zum Ideal erhebt, auf eine an der Realpolitik orientierte Position, die den Einsatz von Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen ethisch legitimiert. Wie emotional dieser Streit bisweilen geführt wird, lässt sich gut auf Synoden oder Kirchentagen, der ursprünglichen Heimat der Friedensbewegten, beobachten.
Nun meldet sich auch der Rat der EKD – nach dreijährigem öffentlichen Konsultationsprozess – mit einer Denkschrift zu Wort. Er vollzieht dabei nicht weniger als eine Zeitenwende in der evangelischen Friedensethik, die sich in Debatten, Stellungnahmen und Predigten aus gutem Grund schon länger niederschlägt.
Dies geschieht der Komplexität angemessen sehr differenziert und abwägend, unaufgeregt und stets mit Blick für den konkreten Kontext. Dem Text spürt man dabei das Ringen und den Wunsch, alle Positionen positiv zu würdigen, förmlich ab. Und doch positioniert sich die EKD hier deutlich aufseiten der realpolitischen Mehrheit ihrer Mitglieder.
Paradigmenwechsel: Schutz vor Gewalt als ethische Priorität
Zwar nehmen die Autoren Gedanken der vorherigen Denkschriften von 1981 und insbesondere 2007 sowie von den vielen ethischen Stellungnahmen der EKD und des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR auf, doch gehen sie in der neuen Denkschrift einen entscheidenden Schritt weiter. Sie rufen dazu auf, den "Schutz vor Gewalt" ins Zentrum der Bemühungen von Politik, Zivilgesellschaft und Kirche zu stellen.
Was zunächst wie ein recht banaler Konsens klingt (wer setzt sich nicht für den Schutz vor Gewalt ein?), hat es friedensethisch in sich: Der Schutz vor Gewalt und der territorialen Integrität beinhaltet durchaus Gegengewalt, konkret heißt das: Nothilfe durch Waffenlieferungen, Investition in Verteidigung, eine verantwortungsvolle Sicherheitspolitik, die auch gewaltbewehrte Maßnahmen enthalten kann.
Damit geht die ethische Gleichrangigkeit von Wehr- und Zivildienst einher sowie die Feststellung, dass der Besitz von Nuklearwaffen sicherheitspolitisch notwendig und – wenn auch schuldbeladen – ethisch vertretbar sein kann.
Von der Gewaltfreiheit zur Verantwortungsethik: Der Bruch mit der Tradition
Um nicht missverstanden zu werden: Das biblische Gebot der Gewaltfreiheit hat auch in dieser Denkschrift Vorrang, doch eher als ein übergeordnetes Ideal, auf das es hinzustreben gilt, das aber in einer Welt in Unordnung als eine utopische Folie dient: "Die reiche Tradition der Gewaltlosigkeit bleibt allerdings eine stete Herausforderung für Christinnen und Christen, sich nicht mit der Verteidigung gegen Gewalt zufriedenzugeben, sondern an einer Überwindung der Gewalt zu arbeiten." Wie konkret diese Arbeit jenseits der Friedensspiritualität wirksam vollzogen werden soll, bleibt indes noch offen.
Mit der neuen Denkschrift votiert die EKD für eine an der Realpolitik orientierte Verantwortungsethik.
Sie regt zudem richtigerweise zur weiteren Vertiefung der ethischen Debatten rund um KI, autoregulative Waffensysteme, Drohnen, hybride Kriegsführung und dergleichen mehr an – Themen, die hier aufgrund des Genres einer Denkschrift nur oberflächlich angerissen werden können.
Mit Blick auf den "Operationsplan Deutschland" der Bundeswehr stellt sich zudem die Frage, welche Rolle die Kirche(n) bei einer Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz spielen können und wollen.
Ost-West-Konflikt und Generationenfrage: Warum der Streit erst beginnt
Wie die hier vollzogene Zeitenwende von friedensbewegten Pazifisten, deren Stimme durch den Friedensbeauftragten Bischof Friedrich Kramer in der EKD hörbar vertreten ist, aufgenommen wird, bleibt abzuwarten.
Berücksichtigt man dabei noch, dass die Ost-West-Perspektive sowie der Generationenunterschied bei friedensethischen Themen besonders greift, ahnt man, dass der Streit jetzt erst richtig anfängt. Gut so!