Vor 275 Jahren, am 28. Juli 1750, starb Johann Sebastian Bach in Leipzig. Aus seiner umfangreichen theologischen Bibliothek – Bach besaß mehr theologische Werke als jeder andere Komponist – wurde in den 1930er Jahren in den USA seine dreibändige "Calov-Bibel" entdeckt.

Dabei handelt es sich nicht um eine vollständige Bibelausgabe, sondern um eine von Martin Luther kommentierte Auswahl von Bibeltexten. Vermutlich gelangte sie 1733 in Bachs Besitz, denn in diesem Jahr versah er sie mit seinem Monogramm und vollständigen Namen.

Aufschlussreich sind Bachs handschriftliche Randbemerkungen:

  • Exodus 15,20 (Paukenspiel Mirjams und der Frauen):
    "Erstes Vorspiel, auf 2 Chören zur Ehre Gottes zu musizieren"
  • 1. Buch der Chronik 25 (Musik im Tempeldienst):
    "Dieses Kapitel ist das wahre Fundament aller gottgefälligen Kirchenmusik"
  • 1. Buch der Chronik 28 und 29 (Davids Dankgebet):
    "Ein herrlicher Beweis, dass neben anderen Anstalten des Gottesdienstes besonders auch die Musik von Gottes Geist durch David mit angeordnet worden"
  • 2. Buch deChronik 5,13–14 (Tempelmusik):
    "Bei einer andächtigen Musik ist allzeit Gott mit seiner Gnadengegenwart"

Luther über Musik als Gottesgabe

Bachs Bemerkungen erinnern an Luthers Vorwort zum Wittenberger Chorgesangbuch von 1524: 

  • "Dass geistliche Lieder zu singen gut und Gott wohlgefällig ist, denke ich, sei keinem Christen verborgen, da doch jedem nicht nur das Beispiel der Propheten und Könige im Alten Testament (die mit Singen und Klingen, mit Dichten und allerlei Saitenspiel Gott gelobt haben) vertraut ist, sondern dieser Brauch, besonders im Psalmengesang, auch der ganzen Christenheit von Anfang an bekannt ist."
     
  • Deshalb habe er mit einigen Mitstreitern "etliche geistliche Lieder gesammelt, um das heilige Evangelium, das jetzt durch Gottes Gnade wieder aufgegangen ist, zu treiben und in Schwung zu bringen".
     
  • Und weiter: "Ich bin auch nicht der Meinung, dass durchs Evangelium alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen sollten, wie etliche falsche Eiferer vorgeben, sondern ich möchte alle Künste, besonders die Musik, gerne im Dienste dessen, der sie gegeben und geschaffen hat, sehen."

Luther sah die Musik nicht als Nebensache, sondern als Gottesgabe. Er betonte, dass Musik – neben der Theologie – die "höchste Ehre" verdiene. Ähnlich äußerte sich Luther auch in seinen Tischreden: 

"Wer die Musik verachtet, wie es denn alle Schwärmer tun, mit denen bin ich nicht zufrieden. Denn die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk."

Und weiter: "Ich gebe nach der Theologie der Musik den nächsten Platz und die höchste Ehre."

Gemeinschaft im Klang: Herrnhut und die Kraft des gemeinsamen Singens

Im Jahr 1735 – also noch zu Bachs Lebzeiten – erschien in Leipzig eine Beschreibung der Herrnhuter Brüdergemeine in der Oberlausitz. Diese wurde als eine "nach Luthers Sinn" eingerichtete christliche Gemeinschaft verstanden. Ihr Mitgründer Christian David berichtet darin von einer täglichen Singstunde, die abends um acht Uhr stattfand und von Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf selbst geleitet wurde.

Die Gemeinde kam dabei "zu Gottes Lob" zusammen, um mit guten "Lobes- und Liebesgedanken" in die Nacht zu gehen. Auch die Losung für den kommenden Tag wurde gesungen – mal als ganzes Lied, mal in einzelnen Versen aus dem Gesangbuch. Nur wenige erklärende Worte begleiteten diese musikalische Verkündigung, dafür war sie "mit desto größerem Segen und Nachdruck, an die Herzen gelegt".

Erstaunlich ist dabei die Musikalität der Gemeinschaft: Die meisten Mitglieder konnten solche "Liederpredigten" sofort und ohne Buch mitsingen. Gott selbst habe ihnen die Gnade geschenkt, alles, was im Alltag der Gemeinde gebraucht werde, "gar leicht ins Herz und Gedächtnis zu fassen".

Kirchenmusik als gelebte Theologie

Wie sehr Musik zur Identität einer Gemeinschaft beitragen kann, machte Uwe Steinmetz vom Liturgiewissenschaftlichen Institut der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) auf der Generalsynode 2023 in Ulm deutlich.

Er sprach von der "Fähigkeit der Musik, eine Identität auszudrücken von einer Gemeinschaft" – und davon, "die Zuschreibung zu schaffen: Ich fühle mich wohl in dieser Gemeinschaft, wir singen zusammen, wir finden einen gemeinsamen Klang."

Steinmetz stellte dort das von ihm initiierte und koordinierte Projekt "Global Songbook 2024" des Lutherischen Weltbundes (LWB) vor. Es wurde anlässlich des 500-jährigen Jubiläums von Luthers "Achtliederbuch" erarbeitet und versammelt geistliche Lieder aus lutherischen Kirchen weltweit. Für Steinmetz ist klar: Kirchenmusik dient der Identifikation mit einer singenden, glaubenden Gemeinschaft.

Daran anknüpfend betonte Roderich Barth, Professor für Systematische Theologie in Leipzig, in seinem Impulsreferat zum Thema "Lutherische Identität. Kulturelles Gedächtnis und Gegenwartsrelevanz" die große Bedeutung der Musik: vom einfachen Kirchenlied bis hin zu Chorälen und Kantatengottesdiensten. Gerade das Luthertum, so Barth, habe dadurch eine ästhetische Medialität hervorgebracht, die den Bildwelten von Antike und Renaissance ebenbürtig sei.

Musik ist mehr als Klang – sie ist gelebter Glaube. Von den Psalmen über Luthers Lieder bis zu Bachs Kantaten trägt sie lutherische Theologie in die Herzen. Sie stiftet Identität, schafft Gemeinschaft und lässt Glauben hörbar werden.