10.08.2020
Digitale Kirche

Johannes Pieper über den Hackathon #glaubengemeinsam und das Projekt "Agile Kirche"

Wie funktioniert ein Hackathon? Und was kommt dabei heraus? Johannes Pieper ist IT-Systemelektroniker und Betriebswirt. Er hat sich am Hackathon #glaubengemeinsam beteiligt - und erklärt, wie der Online-Event funktioniert hat und was bei seinem Projekt "Agile Kirche" herausgekommen ist.
Gott und das Leben

Wie läuft so ein Hackathon aus Teilnehmersicht ab?

Die Einladung erfolgte direkt über Twitter (@DigitalKirche). Ich bin dort ziemlich aktiv im Bereich digitale Kirche und wurde angeschrieben, ob ich nicht ein Projekt einreichen wollte. Ich hatte tatsächlich bereits etwas im Hinterkopf, habe das ausformuliert und das Formular mit der Idee eingereicht.


Wie ging es weiter?

Ich erhielt eine Bestätigung und wurde über den Ablauf des Hackathons informiert. Zum Start war noch nicht klar, mit wem man überhaupt zusammenarbeiten wird. Ich hatte über Twitter schon einige Rückmeldungen bekommen von Leuten, die mein Thema interessant fanden. Letztendlich gab es dann zu Beginn des Hackathons erstmal ein großes Plenum. Dann wurden Arbeitsgruppen gebildet. Anschließend wurden über die Plattform Slack geschlossene Räume für die jeweiligen Arbeitsgruppen erstellt und dann ging es erst richtig los.


Wie lief das Arbeiten in den Arbeitsgruppen?

Zuerst einmal hat man sich vorgestellt, ein bisschen kennengelernt und darüber ausgetauscht, was man sich unter dem Thema vorstellt. Mit der Technik klarzukommen war allerdings nicht ganz so einfach. Wir haben dann nochmals einen Jitsi-Room erstellt und uns dort getroffen.


Was stellten sich die Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe unter dem Thema "Agile Kirche" vor?

Das Thema "Agile Kirche" umfasst mehrere Themenstränge. Zum einen, flexible Möglichkeiten, Kirche zu gestalten auf einer Online-Plattform. Anderen ging es um agiles Arbeiten in Richtung Organisation und wie Kirche zukünftig organisiert sein kann. Eine weitere Gruppe wollte sich mit Best-Practice-Beispielen auseinandersetzen.

Ich war dann in einem Team mit drei Teilnehmern. Das andere Team zum Thema „agiles Arbeiten“ hatte etwa fünf. Einige haben sich das Ganze auch erstmal angeschaut und sind dann wieder ausgestiegen. Für sie war der Hackathon eine interessante Aktion in der Corona-Zeit. Aber danach wollten sie nichts weiter aktiv verfolgen. Andere Teilnehmer sind beruflich in entsprechenden Stellen. Daher war auch die Herangehensweise unterschiedlich. Wir sind dann als Team dann zu zwei Ergebnissen gekommen, wovon eines nochmals separat eingereicht wurde.


Wie war das vom Arbeitsaufwand her?

Wir haben nicht durchgearbeitet, sondern auch Pausen gemacht. Aber es war schon ein kleiner Marathon. Wenn man Familie hat und Hobbys, ist es gerade am Wochenende schwierig, sich da so viel Zeit rauszunehmen. Als Moderator musste ich alles ein bisschen steuern. Wer das zum ersten Mal macht, tut man sich da auch erstmal schwer. Ich wurde unterstützt von "Mentoren", die ich fragen konnte. Das haben wir bei technischen Problemen auch gemacht aber waren im Großen und Ganzen auf uns allein gestellt, was aber auch okay war.


Besteht die Gruppe nach dem Hackathon weiter?

Wir hatten am Ende ein Forum angelegt. Im Nachhinein kam auch noch ein Pfarrer auf mich zu, der an diesem Wochenende leider nicht konnte aber sehr interessiert war. Mit ihm stehe ich heute noch in Kontakt. Insofern gabs noch einen weiteren Austausch in diesem Forum. Ich habe auch eine kleine Landingpage (agilekirche.de) eingerichtet. Darüber war dann noch weiterer Kontakt möglich.
Im Mai folgte dann das Barcamp "Get Blank". Das wurde vom Fresh X Netzwerk Deutschland e. V. in Kooperation mit dem Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers initiiert. Das war weniger ein Wettbewerb, sondern eher ein Workbook, das man durcharbeiten und sich darüber in einer Facebookgruppe austauschen konnte. Von dort habe ich dann auch einige Leute mit in dieses Forum mitgenommen, weil ich das Projekt Agile Kirche weiter denken wollte. Für mich ist dann ein konkretes Projekt herausgekommen. Das nennt sich "Gott und das Leben", mit Website und Social Media Auftritt auf Facebook und Instagram.


Wie sieht das Projekt "Gott und das Leben" aus?

Beim Projekt "Gott und das Leben" bin ich auf Stadtteilebene vernetzt über ein Stadteilbüro. Eine Sozialarbeiterin und ein Stellenanteil von der Universität ist angegliedert. Es sollte ein neues Format für den Stadtteil entwickelt werden, und das bot die Möglichkeit, das mit dem agilen Aspekt zu kombinieren und sich erstmal digital zu treffen und später dann auch vor Ort. Das Projekt gehört zum Programm "Arche-Dialoge", ein interreligiöser Austausch in der Stadt. Den Einstieg finde ich erstmal ganz gut. Ich stelle mir das so vor, dass es am Ende ganz verschiedene Programme gibt, zu denen man sich nicht lange vorher anmelden muss, sondern einfach dazu kommt und einen Austausch über Gott und das Leben hat. Als Person, die Lust hat, über Glaubensthemen zu sprechen, aber auch über Alltag und Lebensthemen.


Wie suchen Sie nach Gleichgesinnten?

Derzeit gibt es auf sozialen Plattformen wie Twitter oder Facebook Leute, die im Bereich „digitale Kirche“ unterwegs sind, selbst in der Kirche mitarbeiten und die überlegen: Was können wir neu gestalten? Das ist in erster Linie ein interner bzw. ein ökumenischer Dialog.
Bei meinem Projekt erfolgt die Schnittstelle erstmal über den Stadtteil. Dort sind jetzt Leute, die nicht unbedingt kirchlich sind, sondern die in dem Stadtteil wohnen. Ich wollte das Projekt an eine öffentliche Stelle andocken, damit es bekannt wird und einen gewissen Vertrauensvorschuss hat. Wenn das Projekt funktioniert in meinem Stadtteil, dann kann es auch auf städtischer Ebene oder auf Ebene des Bundeslandes und am Ende vielleicht deutschlandweit funktionieren. Also erstmal vom Kleinen ausgehen und dann aufs Größere denken.


Wie hat der Corona-Lockdown die digitale Kirche verändert?

Es gab viele Online-Gottesdienste. Und es entwickelt sich eine hybride Kirche - mit Gottesdienst vor Ort, der übertragen wird und online abrufbar ist. Bei einem Liveformat ist auch Interaktion möglich über den Chat. Oder es gab Zoom-Konferenzen im Anschluss für einen Austausch. Im Großen und Ganzen wurden aber bestehende Strukturen ins Digitale zu übertragen.
Im digitalen Raum bräuchte es aber ganz neue Formate, ein ganz neues Denken. Andererseits sollten wir das nicht trennen. Es gibt Berufstätige oder Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen ihr Zuhause nicht verlassen können oder sie wohnen auf dem Land - und für diese könnte eine digitale Form interessant sein.


Und was braucht eine agile Kirche noch?

Viele Menschen können dem Gottesdienst wenig abgewinnen, möchten aber gerne an einem Projekt mitarbeiten. Da setzt für mich „agile Kirche“ an. Zu schauen, was gibt es noch für Angebote. Ich habe über Zoom an Zweiergesprächen teilgenommen. Da haben sich eine Nonne und ein Verleger unterhalten, man konnte sich einklinken, zuschauen und Fragen stellen. Das wäre für viele Leute eine interessante Alternative. Das kann natürlich auch analog in einem Café stattfinden. Ich glaube, wir sollten lernen, Gesprächsformen zu gestalten. Kirche sollte darauf schauen, wo wir den Menschen begegnen können. Wo können wir ins Gespräch kommen oder zusammen etwas auf die Beine stellen? Da ist auch viel Potenzial im ehrenamtlichen Bereich.


Warum engagieren sich so wenig Ehrenamtliche?

Viele Aktivitäten in der Kirche sind gebunden an die Leitungspersonen, Pfarrer oder Priester. Der Einzelne wird einfach nur mitgenommen, klinkt sich in die Liturgie ein und geht wieder nach Hause. Oft wird erwartet, dass man sich engagiert und dann jedes Mal dabei ist. Am besten noch für die nächsten Jahre. Das ist für den Zeitgeist und den Alltag vieler Menschen eine Überforderung.
Die Freikirchen machen viel über Kleingruppen. Das kann gut funktionieren, ist aber für einige auch zu eng. Ich bin da eher für öffentliche Sachen, lieber in einem Café treffen, an einem Ort, an dem ich frei entscheiden kann, ob ich bleibe oder gehe, wo kein Gruppenzwang entsteht oder ein schlechtes Gewissen.


Wo sehen sie die größten Herausforderungen für Kirche im digitalen Raum?

Es wird gerade viel diskutiert und probiert. Aber es braucht auch Pioniere, die Feuer im Herzen haben und das Ganze in die Hand nehmen. Es braucht eine gewisse Freiheit und Erprobungsräume, in denen auch Fehler gemacht werden dürfen. Eine agile Kirche benötigt Flexibilität. Wir dürfen nicht zu lange um den heißen Brei reden, evaluieren und Konzepte ausdenken. Agile Kirche lebt davon,
dass einzelne Leute den Rücken freihaben und mal machen dürfen. Und wir müssen nach innovativen Leuten Ausschau halten.
Vieles wird auch parallel entwickelt. Wir müssen uns vernetzen, um besser voneinander zu lernen. Das fand ich am Hackathon so schön, dass es egal war, wo ich herkam. Jeder war erstmal gleichwertig dabei.

 

Wie Religionen in Zeiten von Corona den digitalen Raum nutzen

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Seminars "Online-Journalismus in der Praxis: Wie Religionen in Zeiten von Corona den digitalen Raum nutzen & innovative Ideen entwickeln". Das Seminar gehört zum Masterstudiengang "Medien - Ethik - Religion" an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (FAU). Weitere Artikel gibt es hier zu lesen.

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Anfang April als Idee beim bundesweiten Hackathon #glaubengemeinsam der Evangelischen Kirche entstanden, feierte "Holy-Days-United" am vergangenen Osterwochenende Premiere. Felix Stöhler sprach mit Sonntagsblatt.de über den besonderen Live-Gottesdienst und darüber, wie es mit dem Projekt jetzt weitergeht.