Die ersten Reaktionen auf die neue Friedensdenkschrift der EKD haben sich auf die (kirchen-)politischen Fragen konzentriert: Fragen der Wehrpflicht, der atomaren Abschreckung und auch des Stellenwerts des Pazifismus. Es sind also eher die überkommenen Fragen, die jetzt diskutiert werden, das, was die Situation derzeit so besonders macht wie das Problem hybrider Kriegsführung ist noch gar nicht angesprochen worden.

Auch die theologisch-ethische Architektur stand bislang ziemlich im Schatten. Als Systematischer Theologe – nicht als Mitautor – finde ich gerade dies besonders spannend und wichtig. Denn über die konkreten Fragen hinaus könnten hier durchaus Weichenstellungen erfolgt sein für die künftige Gestalt evangelischer Friedensethik und für das öffentliche Zeugnis der Kirche überhaupt.

Gottes Frieden in einer von Gewalt geprägten Welt

Hervorzuheben ist zunächst, dass die Denkschrift ihren Ausgangspunkt nicht in der Sünde des Menschen nimmt, sondern bei der Verheißung von Gottes Frieden sowie der Aufforderung Jesu zur Gewaltlosigkeit und zur Friedensstiftung  – und zwar ausdrücklich in einer Welt, die von Gewalt geprägt bleibt. Damit verbindet die Denkschrift die Vorordnung des Evangeliums vor dem Gesetz in der von Karl Barth maßgeblich geprägten politischen Ethik mit Elementen der lutherischen Tradition. Das Evangelium fungiert als Horizont und Kompass das sich in der Welt und ihren Spannungen bewähren muss.

In dieser Spannung zwischen eschatologischem Ziel und geschichtlicher Verantwortung entwickelt die Denkschrift eine Ethik, die vom Evangelium her denkt, aber politisch handlungsfähig bleibt. Sie begreift christliches Handeln als "Hoffnung, die die Welt aushält"  – eine Form des Glaubens, die nicht in unrealistische Idealwelten flüchten, sondern in den Zumutungen des Realen standhält. Diese Hoffnung ist nicht naiv, sondern realistisch, weil sie die Sündhaftigkeit des Menschen nicht verdrängt. Sie weiß um das Scheitern, sieht aber darin nicht das letzte Wort. Jesu Forderung zur Gewaltfreiheit bleibt das Ziel und der Referenzpunkt des Handelns; alles politische Handeln, auch die rechtserhaltende Gewalt muss darauf bezogen sein.  

Nicht perfekter, sondern verantwortbarer Friede

Theologisch gesehen liegt hier die eigentliche Pointe: Der Friede Gottes wird nicht gegen die Welt behauptet, sondern in ihr bezeugt. Das Gesetz bleibt notwendig, weil Menschen sündigen; das Evangelium bleibt orientierend, weil Gott seinen Frieden verheißt. In dieser Dialektik entfaltet sich eine Ethik, die weder utopisch noch resignativ ist, sondern "vom Ende her" Orientierung gibt. Weil es darin nur und gerade darin im besten Sinne evangelisch ist.

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Denkschrift: Sie will nicht moralisch überbieten, sondern geistlich ausrichten. Nicht der perfekte Friede ist ihr Thema, sondern der verantwortbare Friede – getragen von einer Hoffnung, die die Welt aushält, und von einem Glauben, der weiß: Friede bleibt Gabe, aber diese Gabe verpflichtet zum Handeln.