9.11.2018
80 Jahre nach der Reichspogromnacht

Schuster, Marx und Bedford-Strohm: Warum erinnern so wichtig ist

"Keine deutsche Identität ohne Auschwitz?" - In Hinblick auf das 80. Gedenken an die Reichspogromnacht trafen sich zu diesem Thema der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm, der katholische Kardinal Reinhard Marx und Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden. Der sagte, die Wortmeldungen, es müsse auch mal gut sein mit der Erinnerung an die NS-Gräueltaten, würden zwar nicht mehr, aber lauter. Weshalb das stete Erinnern wichtig ist.
Holocaust Mahnmal Berlin Gedenkstätte Kreuz
Blick zum Himmel inmitten des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin

Was sind die Herausforderungen moderner Erinnerungskultur 80 Jahre nach der Reichspogromnacht? Darüber diskutierte der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, mit dem bayerischen evangelischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und dem Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx in Würzburg. Die Runde zum Thema "Keine deutsche Identität ohne Auschwitz?" war sich einig, dass es so eine Identität nicht geben kann. Nicht jetzt und auch nicht in Zukunft.

Kardinal Marx berichtete im israelitischen Gemeindezentrum Shalom Europa von seinen ersten Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz - im Jahr 1975 als junger Student. "Ich würde schon sagen, dass dieser Besuch mein Leben verändert hat", sagte er. Zugleich sei "das Erschrecken darüber, was in der NS-Zeit passiert ist, im Alter noch viel größer geworden." Marx, Bedford-Strohm und Schuster sprachen unter anderem darüber, dass das Gedenken an NS-Gräueltaten heute zunehmend infrage gestellt werde - etwa von führenden Politikern der Alternative für Deutschland (AfD).

Bedford-Strohm bezog klar Stellung: Die Erinnerungskultur habe in Deutschland ihren festen Platz. "Unser kulturelles Gedächtnis ist mit davon geprägt, dass wir auch auf die dunklen Zeiten der Geschichte schauen", erläuterte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es sei "eine der großen Stärken unseres Landes", sich dieser dunklen Seiten zu stellen. Dies zeuge von Souveränität. Nur wenn man versuche, das Unbegreifliche zu verstehen, könne man ein Wiederholen dessen verhindern, zeigte sich der Bischof überzeugt.

Erinnerungskultur als "eine Stärke unseres Landes"

Zentralratspräsident Schuster sagte, er sei für seine Forderung nach einem verpflichtenden Besuch von Schülern in einer KZ-Gedenkstätte oder auch dem NS-Dokumentationszentrum heftig gescholten worden. Das funktioniere natürlich nur, wenn man solche Besuche entsprechend vor- und dann auch nachbereite. Grundsätzlich halte er aber den Besuch historischer Stätten für eine gute Möglichkeit, sich dem Thema Nationalsozialismus und dem Thema Menschenfeindlichkeit allgemein zu stellen und durch die Konfrontation mit geschichtsträchtigen Orten Empathie zu erzeugen.

In der Diskussion um die Rolle der Kirchen beim Thema Antisemitismus und Antijudaismus sagte Bedford-Strohm, die Kirchen hätten da noch einiges aufzuarbeiten - so wie sich die Protestanten im Jahr 2017 anlässlich des Beginns der Reformation vor 500 Jahren auch mit dem späten Martin Luther und seinen Hetzreden gegen Juden auseinandergesetzt hätten. Luthers Reden seien "verstörend", betonte der Landesbischof - und die Auseinandersetzung mit ihnen nicht einfach gewesen: "Ich habe schon mehrfach meine Scham über diese Reden zum Ausdruck gebracht."

Judenfreundliche Haltung der Kirchen

Schuster sagte dazu, die judenfreundliche Haltung der Kirchen sei eine schöne Entwicklung. "Diese Message, diese Haltung muss aber auch in die einzelnen Kirchengemeinden im Land getragen werden", erläuterte er. Sein Eindruck sei, dass sehr lange Zeit von den Kanzeln genau das Gegenteil gepredigt worden sei und sich damit fest in den Köpfen der Menschen und sogar ganzer Familien eingebrannt habe - gerade auf dem Land. Dies gelte es anzugehen. "Diesen Auftrag nehmen wir gerne an", sagte Bedford-Strohm: "Sie haben das richtig beschrieben."

Der EKD-Ratsvorsitzende sagte mit Blick auf die AfD auch, man müsse den Protestwählern immer wieder klarmachen, "was da für Leute in der AfD-Spitze" unterwegs seien. Wenn diese die NS-Zeit als "Vogelschiss" der deutschen Geschichte bezeichnen oder das Berliner Holocaust-Mahnmal als "Mahnmal der Schande" titulieren, seien viele der Protestwähler damit dann doch nicht einverstanden:

"Aber: Wer der AfD seine Stimme gibt, der muss wissen, dass er den alten rechtsextremen Thesen in einem neuen, freundlicher wirkenden Gewand seine Rückendeckung gibt."

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