6.03.2020
Pfarrer im Widerstand

Wer war Dietrich Bonhoeffer: Ein Porträt des berühmten evangelischen Theologen

Märtyrer, Heiliger, Lichtgestalt? Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Er steht vor allem für ein engagiertes Christentum und ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi. Ein Porträt.

Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Weiden schon hell erleuchtet. Sieben Häftlinge werden aus ihren Zellen geführt. Unter ihnen ist auch ein evangelischer Pfarrer: Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht in der Nacht beschlossen hat: Todesurteil wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch beten. Dann muss er seine Kleider ablegen. Als letzter der Verurteilten wird er an einem provisorischen Galgen ums Leben gebracht.

Dietrich Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt wie er. Viele Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen heute seinen Namen. Eine Statue Bonhoeffers thront an der Fassade der berühmten Westminster Abbey in London, ein Kinofilm erzählt seine Geschichte. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die nationalsozialistische Ideologie, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein gewaltsamer Tod im April 1945 finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Seine Mutter, eine Lehrerin, stammte aus einer adligen Theologen-Familie. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Kind, steckte täglich mit seinen Schulkameraden den Frontverlauf ab. Die Grausamkeit des Krieges kehrte ins Haus Bonhoeffer ein, als sein zweitältester Bruder Walter im April 1918 fiel. 1923 bestand er sein Abitur mit den besten Noten – nur seine Handschrift wurde mit "nicht genügend" bewertet.

Dietrich Bonhoeffer im Porträt: Mit 21 Jahren promoviert er

An der Theologischen Fakultät kommt Bonhoeffer schnell voran. Mit 21 Jahren promoviert, mit 24 habilitiert und mit 25 Privatdozent. Bei starker Anspannung raucht er viele Zigaretten, er tafelt gerne ausgiebig mit Freunden und übernimmt dann ebenso gerne die Zeche.

Ungewöhnlich für die damalige Zeit sind die vielen Auslandsaufenthalte Bonhoeffers: Studienaufenthalte in Rom und New York, Vikariat in Barcelona, Pfarrer in London. Wichtige Anstöße für seine theologische Ausbildung bekommt Bonhoeffer am Union Theological Seminary in New York, wo er ab 1930 studiert.

Mit seinem schwarzen Mitstudenten Albert Franklin Fisher besucht er in Harlem die Gottesdienste der schwarzen Abyssinian-Kirche und lernt die Bewegung des social gospel kennen. Rückblickend bekannte er, in New York zum Christen geworden zu sein, zuvor sei er nur Theologe gewesen. Dem intellektuell-verkopften Theologen gefällt die Verbindung von Herz und Bauch. Er erlebt aber auch hautnah die Rassentrennung, als sein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen.

Mit Fisher und dem Franzosen Jean Lasserre diskutiert Bonhoeffer bis tief in die Nacht über Fragen des Glaubens und der Theologie. Von Lasserre lernt er, dass sich Nationalismus und Christsein gegenseitig ausschließen. Für die Zugehörigkeit zur Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ist es unerheblich, welcher Nationalität man angehört.

Bonhoeffer warnt früh vor den Gefahren des neuen Regimes. Als er in einer Berliner Rundfunkrede zwei Tage nach der Machtübernahme 1933 davon spricht, dass der "Führer" zum "Verführer" werden könne, wird die Rede durch Zeitüberschreitung abrupt abgebrochen. Und als er nach den "Notverordnungen" infolge des Reichstagsbrands vor Berliner Pfarrern die Kirche zu politischem Widerstand auffordert, verlassen viele Zuhörer den Saal.

Dietrich Bonhoeffer setzt sich gegen den Arierparagrafen ein

Bonhoeffer verfasst Flugblätter gegen den Arierparagrafen und prangert in seinem Vortrag "Die Kirche vor der Judenfrage" das neue Unrecht an. Er schreibt an einem Glaubensbekenntnis mit, das strikt gegen die Deutschen Christen und gegen die vom NS-Regime installierte Deutsche Reichskirche mit ihrem Reichsbischof Ludwig Müller gerichtet ist. Bonhoeffer war beeindruckt vom gewaltlosen Freiheitskampf Mahatma Gandhis. Ihn faszinierte dessen Verbindung von meditativem Leben und politischer Effizienz.

Nur wenige Kirchenleute folgen ihm in dieser Einschätzung. Dass sich Bonhoeffer als einer der Ersten mit dieser Problematik auseinandersetzte hat auch persönliche Gründe: Sein Schwager Gerhard Leibholz, der Mann seiner Zwillingsschwester Sabine, und Franz Hildebrandt, sein langjähriger Freund und Mitpfarrer, sind beide jüdischer Herkunft.

Bonhoeffer spürt, dass diese Kirche mit der sichtbaren Gestalt Christi auf Erden nichts mehr zu tun hat, sie vielmehr Christus verrät. Er sucht Kontakte zu einer Freikirche, findet aber auch dort keine Heimat. Bonhoeffer schlägt vor, dass alle Pfarrer ihr Amt niederlegen, die den Arierparagrafen ablehnen. Doch er kann sich damit nicht durchsetzen.

Weil er in der "häretischen Reichskirche" nicht Pfarrer sein will, übernimmt er im Herbst 1933 die deutsche evangelische Gemeinde in London. Der Lordbischof von Chichester, George Bell, wird sein väterlicher Freund, eine Beziehung, die für den späteren V-Mann Bonhoeffer wichtig sein wird. 1934, als in Deutschland der NS-Staat Formen annimmt, bekennt er sich auf der ökumenischen Konferenz von Fanø (Dänemark) zur Gewaltlosigkeit. Wie drängend diese Forderung ist, erlebt Bonhoeffer bei seiner Rückkehr nach Deutschland. Die Nürnberger Gesetze grenzen Juden aus und trennen Christen jüdischer Abstammung von ihren Gemeinden. Der Reichsbischof führt neben dem Kreuz das Hakenkreuz im Dienstsiegel.

1938 wird Dietrich Bonhoeffer aus Berlin ausgewiesen

Die Bekennende Kirche beruft sich dagegen auf Christus allein. 1935 übernimmt er deren Pfarrerausbildung im Ostseebad Zingst, dann im Predigerseminar Finkenwalde bei Stettin. Er hat ein Ziel: klösterliche Gemeinschaft, aber keine "hinterwäldlerische" Weltabgeschiedenheit. Strenge äußere und innere Zucht bestimmen sein Leben mit den Seminaristen. Mit den Seminaristen führt er ein konsequentes christliches Leben.

Die strenge Bindung an das Wort der Bibel formt die Gemeinschaft, macht sie aber auch dem Regime verdächtig. 1937 schließt die Gestapo Finkenwalde; Bonhoeffer führt das Seminar im Untergrund weiter, bis auch das nicht mehr geht.

Die Bekennende Kirche hat ihre Sprache verloren, schweigt sogar zu den organisierten Ausschreitungen gegen Juden am 9. November 1938. In diesem Jahr wird Bonhoeffer aus Berlin ausgewiesen. Sein Schwager Hans von Dohnanyi erzählt ihm von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen für einen Staatsstreich. Er bittet Bonhoeffer wegen seiner ökumenischen Kontakte um die Beteiligung am Widerstand. Angesichts der drohenden Kriegsgefahr 1939 kündigt Bonhoeffer dem Bruderrat der Bekennenden Kirche an, den Wehrdienst verweigern zu wollen. Die tödliche Konsequenz eines solchen Vorhabens ist seinen Freunden bewusst, sie wollen ihm daher eine Lehrtätigkeit in den USA vermitteln. Es gelingt: Am 2. Juni macht sich Bonhoeffer auf den Weg nach Amerika.

Doch er kämpft schwer mit Zweifeln und Selbstvorwürfen. Er müsse "die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teilen", schreibt er seinem Freund Reinhold Niebuhr. Er macht sich Gedanken über Schuld, kirchliche Schuld. Er persönlich hat längst die Unschuld verloren, merkt er, und erklärt sich bereit zu einem Attentat auf Hitler. Er wolle zuvor aus der Kirche austreten, denn jede Anwendung von Gewalt sei Schuld. Nach wenigen Wochen kehrt er nach Deutschland zurück.

Riskantes Doppelleben: Dietrich Bonhoeffer schließt sich dem Widerstand an

1940 schließt er sich einer Widerstandsgruppe um Generalmajor Hans Oster im deutschen militärischen Geheimdienst an. Ein riskantes Doppelleben: Offiziell ist er Reiseagent der "Abwehr", tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in die Putschpläne gegen Hitler ein. 1942 schicken ihn die Männer des 20. Juli zu einem Treffen mit dem englischen Lordbischof George Bell nach Schweden. Bell soll der britischen Regierung die Motive und Ziele des deutschen Widerstands schildern und im Falle eines erfolgreichen Attentats auf Hitler einen Waffenstillstand erwirken. Churchill lehnt dies ab. In Casablanca hatten die Alliierten ihr Kriegsziel bereits formuliert: die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Für das Nachkriegsdeutschland war der Vorstoß Bonhoeffers dennoch von Gewicht, denn nun weiß die Welt: Nicht alle Deutschen sind Nationalsozialisten.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer, ein Kontrapunkt zum Leben im Widerstand. Doch das Paar hat nur wenig Zeit füreinander. Bonhoeffers konspirative Arbeit wird entdeckt, am 5. April 1943 wird er verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen.

In seiner Zelle in Berlin-Tegel erfährt er vom misslungenen Staatsstreich seiner Mitverschwörer am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" berühmt wurden. Hier entwickelt er auch seine Gedanken über ein Christentum in einer religionslosen Zeit. Es sind aber auch erschütternde Versuche, mit der Situation als Gefangener fertigzuwerden. Alle Sicherheiten sind jetzt verlassen: die großbürgerliche Vergangenheit des Elternhauses, die Universität, die Staatskirche und selbst die geliebte Bekennende Kirche.

Dietrich Bonhoeffer wird in Flossenbürg hingerichtet

Ende September 1944 findet die Gestapo belastende Akten des Abwehrdiensts, Bonhoeffer wird daraufhin im Gestapo-Keller in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße verhört. Am 7. Februar 1945 kommt er ins KZ Buchenwald, am 6. April dann nach Schönberg im Bayerischen Wald. In der dortigen Schule verbringt er gemeinsam mit rund 150 politischen Gefangenen eine Nacht und hält im Schulsaal auf Bitten der Mitgefangenen in seiner Zelle einen Gottesdienst. Er hat kaum geendet, als zwei Männer in Zivil den Saal betreten und rufen: "Gefangener Bonhoeffer, fertig machen und mitkommen."

Bonhoeffer wird am 8. April nach Flossenbürg gefahren. Zusammen mit Admiral Wilhelm Canaris, Generalmajor Hans Oster, den Reserveoffizieren Ludwig Gehre und Theodor Strünck sowie dem Generalstabsrichter Karl Sack wird er von einem SS-Standgericht wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im Morgengrauen des 9. April gehängt.

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