Frauen, Gleichberechtigung und Religion
Heute stehen drei Frauen an der Spitze der EKD: Annette Kurschus, Kirsten Fehrs und Anna-Nicole Heinrich. Doch Gleichberechtigung in der Kirche ist keine Selbstverständlichkeit. Bis Frauen die Leitung kirchlicher Ämter übernehmen durften oder auch nur Pfarrerinnen werden konnten, ist viel Zeit vergangen. Die wichtigsten Stationen zur Emanzipation in der Kirche im Überblick.
Ein Porträt von Annette Kurschus.
Annette Kurschus, die neue Ratsvorsitzende der EKD.

Seit Mittwoch stehen drei Frauen an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Die westfälische Präses Annette Kurschus wurde zur neuen Ratsvorsitzenden gewählt, Stellvertreterin ist die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, und Anna-Nicole Heinrich ist seit Mai Präses der EKD-Synode.

Bis dahin war es ein langer Weg. Bis zur Neuzeit waren Frauen von kirchlichen Leitungsämtern in der Regel ausgeschlossen, in einigen Kirchen gilt das bis heute. Im Folgenden findet ihr die Meilensteine, die den Weg der Gleichberechtigung in der Kirche markieren.

Der lange Weg zur Gleichberechtigung in der Evangelischen Kirche

  • In der Bibel werden bereits im Alten Testament Prophetinnen erwähnt. Im Neuen Testament wird von der Apostelin Junia und der Diakonin Phöbe berichtet. Historikern zufolge soll es im frühen Christentum viele Amtsträgerinnen gegeben haben, darunter wohl auch Bischöfinnen.
     
  • In der Kirche des Mittelalters gab es einige prägende Frauengestalten wie die heilige Elisabeth von Thüringen (1207-1231) und die Ordensleiterin und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179), die einst als "Deutschlands größte Frau" bezeichnet wurde. Sie werden von katholischen Gläubigen bis heute als Vorbilder und Fürsprecherinnen betrachtet, auch wenn der Vatikan keine Frauen zu Priesterinnen weiht.
     
  • Die christliche Frauenbewegung nahm in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang, auch in Deutschland: 1899 wurden der Deutsche Evangelische Frauenbund und 1903 der Katholische Deutsche Frauenbund gegründet.
     
  • Vor dem Zweiten Weltkrieg setzten einzelne evangelische Landeskirchen in Deutschland examinierte Theologinnen als Seelsorgerinnen in Krankenhäusern und Gefängnissen sowie als Religionspädagoginnen ein. Diese wurden aber meist eingesegnet, nicht ordiniert. Ausnahmen sind etwa Ilse Härter und Hannelotte Reiffen, die 1943 vom damaligen brandenburgischen Präses und späteren EKD-Ratsvorsitzenden Kurt Scharf (1902-1990) ins Gemeindeamt ordiniert wurden.
     
  • Hanna Jursch (1902-1972) erhielt als erste Theologin 1956 in Jena einen Lehrstuhl an einer deutschen theologischen Fakultät.
     
  • Elisabeth Haseloff und Waltraut Hübner gehörten bundesweit zu den ersten Pfarrerinnen im Gemeindepfarramt nach dem Krieg. Haseloff wurde Ende der 1950er Jahre in Lübeck eingeführt. Die aus Sachsen stammende Hübner trat 1961 mit 36 Jahren ihre Stelle in einer Flüchtlingsgemeinde von Vertriebenen in Frankfurt am Main an. Erst später wurde die Zölibatsklausel abgeschafft, die nur unverheiratete Frauen zum Pfarrdienst zuließ.
     
  • Helga Trösken wurde 1987 als Pröpstin von Frankfurt als erste Frau in die geistliche Leitung einer Region der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gewählt - erstmals in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) überhaupt.
     
  • Schaumburg-Lippe ließ 1991 als letzte Mitgliedskirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Ordination von Frauen als Pastorinnen zu.
     
  • Die Theologin Maria Jepsen wurde 1992 in Hamburg als weltweit erste lutherische Bischöfin in ihr Amt eingeführt.
     
  • Die Ordination von Frauen zu Pfarrerinnen ist in der anglikanischen Kirche von England erst seit 1994 erlaubt. In anderen anglikanischen Kirchen in der Welt, etwa den USA, Kanada, Neuseeland und Australien, wurden bereits davor Frauen zu Bischöfinnen geweiht.
     
  • Regina Pickel-Bossau und Angela Berlis wurden am Pfingstmontag 1996 in Konstanz zu den weltweit ersten Priesterinnen der Alt-Katholischen Kirche geweiht. Die Alt-Katholische Kirche gründete sich 1870 unter anderem als Kritik an der katholischen Kirche. Diese hatte auf dem Ersten Vatikanischen Konzil das Dogma von der päpstlichen Lehrunfehlbarkeit verkündet.
     
  • Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann war von Oktober 2009 bis Februar 2010 die erste Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
     
  • Aktuell werden 5 der 20 evangelischen Landeskirchen von Frauen geleitet: Bischöfin Beate Hofmann in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst in der Evangelischen Kirche der Pfalz, Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden ist leitende Theologin der Evangelisch-reformierten Kirche, und seit 2012 ist Annette Kurschus Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen. 
     
  • Bis heute können nicht in allen evangelischen Kirchen Frauen Pfarrerinnen werden. Nach Angaben des Lutherischen Weltbundes (LWB) steht in rund 85 Prozent der 148 LWB-Mitgliedskirchen weltweit das ordinierte Gemeindeamt sowohl Männern wie Frauen offen. Die Entscheidung zur Ordination von Frauen liegt bei den einzelnen LWB-Mitgliedskirchen. 
     
  • Laut dem Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Evangelischen Kirche in Deutschland gehörten 2014 den Synoden der Landeskirchen rund 2.000 Personen an, von denen 36 Prozent Frauen waren. Im Jahr 2020 hat sich die Zahl der Synodalen auf etwa 1.900 reduziert, der Frauenanteil ist den Angaben zufolge auf 40 Prozent gestiegen.

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